Zum Tode Tiziano Terzanis Asien entdecken, die Welt informieren

So kannte man den langjährigen Asien-Korrespondenten des SPIEGEL: temperamentvoll, neugierig und furchtlos - ein ebenso charmanter wie hoch gebildeter Italiener. Die letzten Jahre lebte Tiziano Terzani nach heimtückischer Krebserkrankung meist meditierend in einer Steinhütte an den Südhängen des Himalajas oder in der Toskana.

Von Siegfried Kogelfranz


Asien-Korrespondent Terzani: Ein Mann von Welt mit globalen Interessen
DER SPIEGEL

Asien-Korrespondent Terzani: Ein Mann von Welt mit globalen Interessen

Hamburg - Sein Leben hatte der Florentiner, promovierte Jurist und Sinologe, Asien gewidmet. Der Kontinent ließ ihn nicht mehr los, seit er 1972 begann, für den SPIEGEL aus Singapur zu berichten. Bis 1997 folgten Korrespondentenposten in Hongkong, Peking, Tokio, Bangkok und Neu Delhi sowie zahllose Reisen durch alle asiatischen Länder.

Überall machte der immens wissbegierige Reporter, der ohne Scheu auf Menschen aller Schichten zuging, Furore. Er bestieg den Heiligen Berg der Japaner, Fujiyama, und schickte seine Kinder in eine japanische Schule - nicht ohne danach über deren zwiespältige Erfahrungen mit dem militärischen Drill dort zu berichten. Er arbeitete anonym im "Heim für Sterbende" von Mutter Teresa in Kalkutta, bevor er den Engel der indischen Armen interviewte. Zu Fuß pilgerte er über 4000 Meter hohe Pässe ins Himalaja-Königreich Mustang, ein Shangri-La auf dem Dach der Welt.

Terzani bereiste Tibet, fuhr mit dem Fahrrad durch Peking - oder joggte dort seinen Aufpassern davon. Dutzende Male berichtete er von den indochinesischen Kriegsschauplätzen, schrieb ein Buch über den Genozid in Kambodscha und ließ sich 1975 zusammen mit dem SPIEGEL-Kollegen Börries Gallasch in Saigon von den einrückenden Nordvietnamesen überrollen.

In China wurde er 1980 der erste westliche Zeitschriften-Korrespondent. Nach vier Jahren wiesen die Chinesen den Journalisten aus, der sich partout nicht kujonieren ließ und dank seiner hervorragenden Sprachkenntnisse tief in die Gesellschaft eintauchen konnte - nachdem man ihn während vier Wochen Hausarrest vergeblich umzuerziehen versucht hatte. Der Vorwand: Antiquitätenschmuggel. Es ging um einen kleinen Buddha, den seine Frau, die deutsche Autorin Angela Staude, Terzani als Glücksbringer geschenkt hatte und mit dem er schon mehrfach aus- und eingereist war.

Aber Chinas KP hatte mit dem Korrespondenten noch manche Rechnung offen. Einem SPIEGEL-Chefredakteur blieb eine Episode im Gedächtnis, die man zusammen in Peking erlebt hatte: Ein hoher Funktionär leierte leere Propagandasprüche in perfektem Parteichinesisch herunter. Da platzte Terzani der Kragen: "Sie lügen. Sie wissen, dass Sie lügen. Sie wissen, dass ich weiß, dass Sie lügen. Wozu lügen Sie dann?" Die Frage blieb ohne Antwort - aber mit Sicherheit ein dicker schwarzer Fleck in der Geheimdienstakte des Reporters.

Da ein Weiser ihn vor vielen Jahren gewarnt hatte, 1993 kein Flugzeug zu besteigen, bereiste er in diesem Jahr große Teile des Kontinents per Bahn, Bus oder Schiff - inklusive einer mehrwöchigen 20.000-Kilometer-Eisenbahnfahrt von Bangkok nach Hamburg. Nach seiner Erkrankung wandte er sich meditativen Erfahrungen zu, ließ Haare und Bart lang wachsen und kleidete sich nur noch weiß.

Am 28. Juli starb Tiziano Terzani im Alter von 65 Jahren in der Nähe von Florenz.


Siegfried Kogelfranz
arbeitete von 1962 bis 1998 als Redakteur des SPIEGEL, unter anderem als Leiter des Ausland-Ressorts und Korrespondent in Moskau.



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