Zum Tode Wolf Jobst Siedlers Ein wehmütiger Konservativer

Wolf Jobst Siedler kämpfte für Bäume und Altbauviertel, als das gänzlich unmodern war, in seinen Memoiren beschrieb er die versunkene Welt des Vorkriegsbürgertums. Sein Umgang mit Albert Speer allerdings offenbarte den blinden Fleck der westdeutschen Oberschicht. Ein Nachruf.

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Vor einigen Jahren fuhren Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest gemeinsam über den Berliner Kurfürstendamm - die beiden hatten eine Wette abgeschlossen. Für jeden Herrn mit Schlips, das hatte Siedler mit seinem publizistischen Weggefährten, dem langjährigen "FAZ"-Herausgeber Fest ausgemacht, werde er ihm fünf Euro zahlen. "Wir haben nicht einen einzigen gesehen."

Wolf Jobst Siedler war Journalist, er leitete über Jahre das Feuilleton des West-Berliner "Tagesspiegels", hatte Angebote, "Zeit"-Herausgeber oder SPIEGEL-Chefredakteur zu werden; er war Verleger, zuerst bei Ullstein und Propyläen, dann beim eigenen Siedler Verlag. Vor allem aber war Wolf Jobst Siedler ein großer Bürgerlicher und Konservativer von einer Art, wie es sie selbst in der alten Bundesrepublik kaum gab. Und das lag nicht nur an seiner Krawatte.

So stolz Siedler auch darauf war, dass in seinem Haus im tiefen Berliner Südwesten Größen der Welt- und Bundespolitik, Gorbatschow, Kissinger, Genscher oder Helmut Schmidt zu Gast waren, er trumpfte vor Besuchern nicht damit auf, sondern erzählte beiläufig davon - mit der ihm eigenen großen Geste der Zurückhaltung, durch die immer auch eine leise Selbstironie flackerte.

"Frontbewährung"

Anders als der 2006 verstorbene Fest, dessen Erinnerungen "Ich nicht" in manchen Passagen eine marmorne Selbstgerechtigkeit aufscheinen ließen, erzählte Siedler in seinem eigenen Erinnerungsband "Ein Leben wird besichtigt" (der später erschienene zweite Band trägt den Titel "Wir waren noch einmal davongekommen") mit manchmal fast an Marcel Proust erinnerndem Ton vom Schatten der großen Bäume, unter denen sich die Kindheitssommer des 1926 in Berlin geborenen Diplomatensohns abgespielt hatten und vom Flammeri, einer mittlerweile fast vergessenen Süßspeise, die er damals so gerne aß.

Mit Hitlers Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg endete nicht nur diese Kindheit, es ging, so sah es Siedler, auch die bürgerliche Welt unter, in der er gelebt hatte: "Die Nationalsozialisten haben sie abgeschafft." 1944 droht Siedler die Todesstrafe wegen "Wehrkraftzersetzung", weil er sich gemeinsam mit seinem Freund Ernst Jünger, dem Sohn des gleichnamigen Schriftstellers, im Internat auf Spiekeroog despektierlich über die Nazis geäußert hatte. Beide werden zur "Frontbewährung" verurteilt. Jünger hat sie nicht überlebt. Siedler wird verletzt und kommt in britische Gefangenschaft.

Zu den ersten aufsehenerregenden Büchern, die Siedler später als Verleger veröffentlichte, gehörten 1969 dennoch die "Erinnerungen" von Albert Speer. Hitlers Rüstungs- und Bauminister, der sich gern als ein schöngeistiger Nazi inszenierte, der von den Verbrechen des Regimes nicht gewusst haben wollte, bot den Westdeutschen ein willkommenes Identifikationsmuster für die eigene NS-Vergangenheit. Das Buch war ein Bestseller.

"Großvater der Grünen"

Speer habe ihn gefragt, so erzählte Siedler später, ob er es für möglich halte, dass er in die Massenmorde verwickelt gewesen sei. Er habe geantwortet: "Herr Speer, ich halte es für möglich, dass sie alles verdrängt haben." Siedler sah Speer als den "einzigen noblen faschistischen Architekten", als "großzügigen, liberalen" Spross alten Bürgertums - und offenbarte so auch den blinden Fleck der westdeutschen Oberschicht: die allzu große Bereitschaft, den weniger vulgären Nazis gegenüber Nachsicht walten zu lassen.

Eine aus heutiger Sicht visionär wirkende Position hatte Siedler dagegen in seinem eigenen, 1964 erschienenen Buch "Die gemordete Stadt" eingenommen. Darin bezog er als einer der ersten bundesdeutschen Publizisten öffentlich gegen den damals in vielen Großstädten üblichen Abriss von Gründerzeithäusern und das Fällen alter Bäume Stellung - zehn Jahre, bevor Joschka Fischers Putztruppe und andere Spontis der Republik für die Altbauviertel kämpften. "Jemand hat einmal geschrieben: Man könnte Wolf Jobst Siedler den Großvater der Grünen nennen", beschrieb er im Alter seine eigene Rolle, "der hat als Erster für den Baum gekämpft, als das ganz unmodern war."

Wolf Jobst Siedlers Konservatismus hatte nichts Zähnefletschendes, Autoritäres, sondern war ästhetizistisch, leise und wehmütig. Parteipolitisch ließ er sich nicht festlegen. So tief die Gräben zwischen den Lagern in der alten Bundesrepublik auch gewesen sein mochten - Siedler setzte sich darüber mit leichter Hand hinweg. Er verlegte Franz Josef Strauß ebenso wie Willy Brandt, Karl Marx ebenso wie Konrad Adenauer und - Jahrzehnte nach Speers Memoiren - auch Daniel J. Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker".

"Es waren alle großen liberalen und sozialdemokratischen Repräsentanten bei mir", sagte Siedler in seinem Dahlemer Haus, "obwohl man mich für einen Rechten gehalten hat, waren mir SPD-Politiker immer sympathischer." Ihre literarische Entsprechung fand diese Haltung im Titel von Siedlers "Ein Leben wird besichtigt". Bezog der sich doch auf ein Buch des linken Heinrich Mann - und nicht etwa, wie sonst im deutschen Bürgertum üblich, auf dessen konservativeren Bruder Thomas.

Am Mittwoch ist Wolf Jobst Siedler in Berlin im Kreis seiner Familie gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

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