Zum Tode Wolfgang Wagners Herbergsvater des Hügels

Kritisiert, belächelt, respektiert: Mit dem Tod von Wolfgang Wagner endet eine Epoche. Der letzte Enkel des Genies Richard Wagner beharrte zäh auf seinen Vorstellungen von Bayreuth - auch wenn sie künstlerisch überholt wirkten. Sein Vermächtnis ist, dass die Zukunft der Festspiele gesichert scheint.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Opern-Patriarch, Dickschädel, letzter Zampano: Die zweifelhaften Ehrentitel, mit denen man den Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner dekorierte, sind Legion. Man stieß sich am Wagner-Enkel vom Dienst, der immerhin 57 Jahre lang die wohl bedeutendsten Musikfestspiele der Welt leitete. Und respektierte ihn widerwillig.

Vor allem belächelte man ihn; was er geschehen ließ. Denn Wolfgang Wagner schien geradezu unsterblich. Noch nachdem im Januar bekannt wurde, dass der inzwischen 90-Jährige an einer Lungenentzündung erkrankt war und Gerüchte über sein bevorstehendes Ableben kursierten, konnte er stolz vermelden: Nein, er befinde sich längst auf dem Weg der Besserung. Was den Tatsachen entsprach. Da war er wieder! Selbst im Untergang schien der Mann, der zeitlebens ein eisernes Regiment durchgesetzt hatte, achselzuckend über Anwürfe von Außen zu lachen.

Seine Lebensleistung sah Wolfgang Wagner zu Recht darin, den Bayreuther Grünen Hügel von der braunen Soße gereinigt zu haben, die ihn in der Zeit des Nationalsozialismus besudelte. Bei seiner Mutter Winifred war der liebe Onkel "Wolf", bürgerlich: Adolf Hitler, als gern gesehener Gast ein- und ausgegangen. Als sich die unbelehrbare Mutter auch nach dem Krieg warmherzig zu ihrem Führer bekannte, erteilte Wolfgang ihr im eigenen Firmengebäude Hausverbot. Auch mit seinem künstlerisch überlegenen Bruder Wieland Wagner pflegte er Zwietracht. Seine Kinder, Nichten und Neffen verstieß er reihenweise.

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Wolfgang Wagner: Der Mann vom Hügel
"WoWa" zerrüttete seine Familie systematisch. Alles zum Zweck des Vereinszieles. Also zum Wohle Richard Wagners. Dass es ihm dennoch gelang, seinen zähesten Kampf, den um die Nachfolge, zu seinen Gunsten zu entscheiden, mutet fast wie ein Wunder an. Es wurde nur dadurch möglich, dass die Halbschwestern, also Wunschmaid Katharina Wagner und deren verstoßene Halbschwester Eva Wagner-Pasquier sich hinter dem Rücken des Alten miteinander versöhnten. In seiner starrsinnigen Unbeweglichkeit blieb Wolfgang Wagner derweil eine Figur von Helmut Kohlschem Zuschnitt: zu jedem Aussitzen bereit. Es wäre eine Betrachtung wert, dass die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit mehrfach von Figuren geprägt wurde, die fast bereit schienen, ihre eigene Ära auf Kosten aller zu überleben und mit ins Grab zu nehmen.

Oberfränkischer Grantler

Keine Frage ist, dass mit Wolfgang Wagner eine Epoche endet. Mit dem gesanglichen Niveau ging es schon zu seinen Lebzeiten bergab. Doch solange der Herbergsvater aller Wagner-Verehrer amtierte, blieb der Schein einer Bayreuther Deutungshoheit immerhin gewahrt (obwohl die wichtigen Wagner-Inszenierungen längst anderswo stattfinden). Sein Genie bestand darin, den politisch rechten Rand der Wagnerianer nicht zu verschrecken. Und zugleich nach links hin Einladungen auszusprechen. Selbst Christoph Schlingensief, Heiner Müller oder Pierre Boulez, die von ihm verpflichtet wurden, ließen auf den oberfränkischen Grantler im Grunde genommen nichts kommen.

Man muss erlebt haben, wie Wolfgang Wagner beim rituellen Presseempfang am Morgen nach einer Premiere auch bedeutende Leute vors Mikrofon zitierte, als prüfe er Oberschüler. Er verströmte dabei den Charme eines Gastwirts. Die erniedrigten Künstler folgten ihm mit zerknirschter Miene, als wollten sie sagen: "Na, für dich machen wir's." Mit einer rustikalen Fähigkeit zur Rundum-Integration verwandelte Wolfgang Wagner die Bayreuther Festspiele in ein heute anscheinend grundgesundes, auf viele Jahre ausgebuchtes Vorzeige-Unternehmen.

Was bleibt von ihm? Vermutlich wenig außer einem Phantom, das hinter seinen besten Vertragsschlüssen verblasst. Hinter Patrice Chéreau mit seinem "Jahrhundert-Ring" etwa. Bleiben wird auch sein Bild. Die Silbermähne mit dem wagnerschen Hinterkopf - der ein Trotzkopf war. Und dessen Talent zur Vor- und Nachsorge für ein deutsches Faszinosum namens Richard Wagner man bewundern muss.

Diesen Großvater persönlich gekannt hat er übrigens nicht. Aber zur "hohen Frau" Cosima Wagner, die im Oberstock der Villa Wahnfried bis zu ihrem Tod 1930 feierlich umsorgt wurde, stieg er mit seinen Geschwistern gelegentlich hinauf. Um die alte Dame, so hat er später erzählt, an den Füßen zu kitzeln. Im Zweiten Weltkrieg verwundet (und nicht wie sein Bruder Wieland als "unabkömmlich" vom Kriegsdienst suspendiert), absolvierte er vor der Wiedereröffnung der Festspiele 1951 eine solide Theaterausbildung. Als Schüler des Bühnenbildners Emil Preetorius konzipierte er seine eigenen Inszenierungen stark vom Dekor her. So kam er aus dem Schatten des bedeutenderen Regisseurs Wieland Wagner nie heraus.

Auf seiner letzten Pressekonferenz vor einigen Jahren verkündete er, die Finanzen der Festspiele "bis zum Jahr 3000" gesichert zu haben. Niemand hätte gewagt, den Versprecher zu korrigieren. Wenn die Festspiele weiter erfolgreich vor sich hinschippern, wird dies auch sein Werk sein. Noch eines ist sicher: So viel zu lachen wie unter seiner Ägide bekommen wir gewiss nicht mehr. Wolfgang Wagner starb gestern, wie es heißt friedlich, in seinem Haus auf dem Grünen Hügel.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
mavoe 22.03.2010
1.
Zitat von sysopKritisiert, belächelt, respektiert: Mit dem Tod von Wolfgang Wagner endet eine Epoche. Der letzte Enkel des Genies Richard Wagner beharrte zäh auf seinen Vorstellungen von Bayreuth - auch wenn sie künstlerisch überholt wirkten. Dass die Zukunft der Festspiele gesichert scheint, ist sein Vermächtnis. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,684944,00.html
Richard Wagner ist für mich kein "Genie"! Da eher Chopin, letztlich 200ter Geburtstag, Fürwahr!
JSorel 22.03.2010
2. Aber Hallo!
Zitat von mavoeRichard Wagner ist für mich kein "Genie"! Da eher Chopin, letztlich 200ter Geburtstag, Fürwahr!
Wenn Chopin als Genie durchgeht, was durchaus angeht, dann Wagner aber allemal! Aber Hallo!
JSorel 22.03.2010
3. Letzter Enkel?
"Der letzte Enkel des Genies Richard Wagner..." Wenn man 'Enkel' nicht nur als männlichen Nachkommen durchgehen lässt, ist die Aussage falsch. Es lebt nämlich noch seine Schwester Verena.
Brand-Redner 22.03.2010
4. Anfrage
Zitat von JSorelWenn Chopin als Genie durchgeht, was durchaus angeht, dann Wagner aber allemal! Aber Hallo!
Ich gebe zu, mit Wagners Musik nicht viel anfangen zu können. Mag sein, dass es an mir liegt - andererseits habe ich diese Schwierigkeiten mit Bach, Mozart, Beethoven, Schumann oder Mendelssohn-Bartholdy nicht. Und auch der Meister selbst war mir - im Hinblick auf seine Obsessionen - immer ein wenig suspekt. Wie sagte schon Thomas Mann (immerhin bekennender Wagnerianer bis dahin) 1911 so schön? Wagner ist "dieser schnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter…" Aber gut, das mag jeder sehen, wie er will. Doch eine Frage noch, aus reiner Neugier: Wolfgang W. hat es ja gerade noch rechtzeitig geschafft, seine Töchter auf den Thron zu Bayreuth zu hieven. Ist damit nun eigentlich die Epoche der Erbmonarchie auf dem Grünen Hügel beendet oder wie geht es weiter? Wissen Sie Näheres?
sam clemens, 22.03.2010
5. Wagner
Ich hab von Musik zu wenig Ahnung - aber Wagner wirkt auf mich meist wie diese riesigen historistischen Paläste im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Opern sind wahre Gebirge und man muss schon ein wenig Bergsteiger sein, um sich das anzutun. Hinzu kommt die Verehrung durch Hitler usw. vielleicht verdeckt das doch ein wenig, wieviel Wagner konnte.
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