Voyeurismus im Fall Schumacher Und wo kann ich jetzt klicken?

Fünf Jahre nach dem Skiunfall von Michael Schumacher gibt es von seiner Familie kein Signal, wie es ihm geht. Dafür verdient sie Respekt - weil sie trotz der irrsten Spekulationen Ruhe bewahrt und seine Privatsphäre schützt.

Plakat von Schumacher-Unterstützern in Hanau (2014)
imago/ Hartenfelser

Plakat von Schumacher-Unterstützern in Hanau (2014)

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Vor genau fünf Jahren, am Morgen des 29. Dezember 2013, stürzte Michael Schumacher beim Skifahren in den französischen Alpen so unglücklich auf den Kopf, dass seine Managerin Sabine Kehm sich noch am Nachmittag zu einer lakonischen Mitteilung genötigt sah: "Er wurde ins Krankenhaus gebracht und wird medizinisch professionell betreut."

Daran hat sich auch heute, fünf Jahre nach dem Unfall, kaum etwas geändert. Noch immer wird Schumacher medizinisch professionell betreut, zu Hause am Genfer See. Noch immer sind Mitteilungen aus dem engeren Kreis der Familie mit "lakonisch" noch übertrieben umschrieben.

Im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" erklärte Sabine Kehm die rigorose Informationspolitik so: "Jeder Satz ist doch der Auslöser für neue Nachfragen, jedes Wort ist Fanal für weitere Information. Es wäre nie Ruhe."

Aus diesem Grund ist es, als wäre der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten einfach aus der Welt gefallen.

Unglücks-Piste nahe Meribel in Frankreich
REUTERS

Unglücks-Piste nahe Meribel in Frankreich

Und das kann die Welt natürlich nicht akzeptieren. Da kann die Welt ganz schön sauer werden. Wobei mit "Welt" weniger das Publikum gemeint ist. Menschen reagieren, wie Menschen eben reagieren, mit Sorge oder Häme - beides dürfte, ganz im Interesse der Familie, bei einem seit fünf Jahren unveränderten Status quo zu eher mildem Interesse geschrumpft sein.

Führe Michael Schumacher derzeit gegen Lewis Hamilton oder Nico Rosberg um den Formel-1-Weltmeistertitel, das mediale Interesse an seiner Person könnte kaum größer sein. Weil es nicht um Sport geht, sondern um den Mythos. Wer hoch fliegt, der muss tief fallen. Notfalls helfen die darauf spezialisierten Medien nach.

Wer der Maschinerie entkommen will

Vergleichbare Heroen wie Boris Becker oder Jan Ullrich könnten davon ein Lied singen; es würde vermutlich sogleich live gestreamt werden. Becker wie Ullrich haben in ihrem Feld und zu ihrer Zeit jeweils Übermenschliches geleistet, übrigens immer auch "für Deutschland" - und werden seitdem für jeden menschlichen Makel gleich dreifach zur Kasse gebeten.

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Michael Schumacher: Unfall in Méribel

Wer den Tentakeln dieser Maschinerie entkommen will, muss nach Ende der Karriere seine sportliche Disziplin noch verdoppeln. Und sicherheitshalber einen ganzen Ozean und mehrere Zeitzonen zwischen sich und die "interessierte Öffentlichkeit" legen. Anders geht es nicht. Aber genau so kann es funktionieren, wie das Beispiel von Steffi Graf zeigt.

Privatsphäre ist möglich. Sie will allerdings ebenso hart erstritten sein wie ein Sieg auf dem Rasen von Wimbledon oder auf dem Marina Bay Street Circuit von Singapur. Michael Schumacher wusste das, er erzählte es noch 2009 in einem TV-Interview. Er sprach von der "Privatsphäre, die man mit diesem Status nun einmal verliert". Da eroberte er sie sich gerade zurück.

Rennfahrer Schumacher im Jahr 2006
REUTERS

Rennfahrer Schumacher im Jahr 2006

Er hatte Johannes B. Kerner auf sein Anwesen geladen, aber nicht ins Haus. Beim Gespräch im atemhauchkalten Reitstall fragte Kerner, wo Schumacher, damals 40, sich in zehn Jahren sehe. Der antwortete mit einer Gegenfrage. Ob der Moderator so weit vorausschauen könne? Er nicht: "Ich habe natürlich eine Zukunftsplanung, aber die ist eher kurzfristig angesetzt."

Schumacher ist weg - und doch nicht weg

Nun ist Deutschland kein Tennisland und auch kein Radfahrerland. Es ist das Land der Autofahrer. Deren Halbgott ist nicht in einer Haarnadelkurve ums Leben gekommen. Er stolperte auch nicht über Drogen oder schlechte Geschäfte. Sondern über einen Stein auf der Skipiste. Kein tragisches Schicksal, sondern ein dummer Zufall hat ihn aus dem Rennen genommen. Nun ist er weg und doch nicht weg. Gefallen, obwohl sein Mythos noch lebt. Schwach, obwohl er nicht kleiner geworden ist. Eine Anomalie.

Deshalb ist der Fall des Michael Schumacher für die entsprechenden Medien wie ein Juckreiz, der seit fünf Jahren nicht enden will. Gleich zu Beginn versuchten Reporter, sich unter falscher Identität einen Zugang zur Klinik zu verschaffen. Eine Akte des Kranken wurde entwendet, ein Bild des Darniederliegenden für astronomische Summen zum Verkauf angeboten. Es wurden Anwälte eingeschaltet und Staatsanwälte aktiv. Es kam zu Prozessen und Urteilen. Und immer wieder ist das große Nichts, das den Rekonvaleszenten umgibt, gut genug für eine Titelgeschichte.

Medienandrang bei einer Pressekonferenz von Schumachers Ärzten am 30. Dezember 2013
AFP

Medienandrang bei einer Pressekonferenz von Schumachers Ärzten am 30. Dezember 2013

2017 musste die "Bunte" im "Weihnachtswunder"-Prozess eine hohe Entschädigung zahlen. Sie hatte behauptet: "Er kann wieder gehen", und damit, nebenbei, die Familie zu einem Dementi genötigt. 50.000 Euro also für die Gewissheit, dass Schumacher noch nicht wieder gehen kann, also nicht etwa - auch dies eine Theorie - insgeheim längst wieder fit ist und sich ins Fäustchen lacht.

Auch das würde niemanden etwas angehen. Das gibt's: Schwer zu verstehen in einer Welt, in der noch die größte Null das Privateste freiwillig heraustrompetet. Und doch ist es so. Es gibt immer Dinge, die gehen niemanden etwas an.

Die Presse dieselt weiter

Die Presse kümmert das nicht, die dieselt weiter. Wer verwaltet das Vermögen? Wie geht es Corinna? Kann die Tochter nicht toll reiten und der Sohn schnell Auto fahren? Was posten die eigentlich so auf Instagram? Sieh an, sieh an.

Im Normalbetrieb ist die Presse auf "enge Freunde" wie den Sportfunktionär Jean Todt oder - besonders bizarr - Erzbischof Georg Gänswein angewiesen. Der erzählte neulich freimütig der "Bunten", wie Schumacher gegenwärtig so aussieht und welche Temperatur seine Hände haben. Wenn es gerade keine ärztlichen Ferndiagnosen gibt, sagt sicher Sebastian Vettel etwas Respektvolles. Oder man lügt sich einfach etwas wahlweise Skandalöses oder Tröstliches zusammen.

Die Chronologie des Falls Schumacher

Jüngstes Beispiel für eine hässliche Mücke, die sich pünktlich zum Jahrestag der Katastrophe zu einem noch hässlicheren Elefanten aufblasen lässt, ist die Meldung von der Helmkamera, die Schumacher an diesem Morgen vor fünf Jahren getragen haben soll. Weil Corinna Schumacher das Gerät nach Abschluss der Ermittlungen zurückgegeben wurde, "hat" sie jetzt "das Video aus der Helmkamera".

Ob sie es gelöscht hat? Weiß keiner.
Ob sie es jeden Abend anschaut? Weiß auch keiner.

Und weiter? Wo kann ich draufklicken, um es zu sehen? Nirgends? Respekt gilt einer Familie, die selbst eine solche Grausamkeit unkommentiert lässt. Sie leistet Übermenschliches. Denn es wird nie Ruhe sein.

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
jujo 29.12.2018
1. ....
Schumacher war und ist als Sportler und Mensch jemand der Zeitgeschichte, dessen Schicksal weiterhin interessiert. Dennoch finde ich richtig, dem Voyeurismus, nicht dem Interesse, einen Riegel vorzuschieben. Wie gelingt es Menschen, die nicht nur in ihren Ländern Superstars waren ein "normales" Leben zu führen. Z.B. in Schweden. Es gelingt weil, man hier die Privatsphäre respektiert.
bluemetal 29.12.2018
2. Gegenmeinung
Bei einer so berühmten Persönlichkeit mit diesem medialen Interesse hätte man aber auch nach einigen Monaten hergehen können und sagen: "es tut uns sehr Leid, Michael ist und bleibt ein Pflegefall und wird Zuhause gepflegt. Bitte respektiert das." Damit wäre einmal ein ehrliches und offenes Wort gesprochen wodurch jeder Bescheid wüßte und das jeder respektieren würde. Denn das passiert so hundertfach täglich in Deutschland, und ohne dass die Menschen ihre Angehörigen verstecken und totschweigen ! Hier hat sich die Familie seit 5 Jahren das Leben selbst schwer gemacht und wurde unglaublich schlecht beraten.
SethSteiner 29.12.2018
3. Eher fragwürdig
Den Schutz der Privatsphäre finde ich auch wichtig und richtig, eine offizielle Mitteilung wie es im geht, was sein Zustand ist, wäre trotzdem anständig. Schumacher ist nun Mal nicht irgendein Nachbar, sondern eine Person des öffentlichen Lebens. Er hat sich ins Rampenlicht begeben, bejubeln lassen und zugleich profitiert vom Merchandise-Verkauf. Es ist nicht verkehrt klipp und klar mitzuteilen, wie sein aktueller Zustand ist. Interviews, Home-Stories und Co. gehören da klar nicht dazu, kein (selbsternannter) Journalist hat irgendwas in seiner Nähe zu suchen.
dasfred 29.12.2018
4. Artikel über Schuhmacher, um nicht über ihn zu schreiben
Klingt etwas paradox, trotzdem finde ich gut, dass Herr Frank das Thema hier behandelt. Nur wenige Promis, wie Stefan Raab oder Barbara Schöneberger haben konsequent ihre Anwälte aufgefahren um ihr Privatleben aus den Medien zu halten. Familie Schuhmacher wäre ähnliches zu gönnen, wenn nicht der Name immer wieder missbraucht worden wäre, um Quoten und Auflage zu steigern. Da nehmen einige Redaktionen auch die Geldauflage in Kauf. Das Interesse der Fans am Schicksal von Michael Schumacher ist wohl noch groß, dass Recht der Familie auf Schutz der Privatsphäre ist aber von Vorrang. Niemand von uns geht es was an, was mit den Schuhmachers los ist, sofern sie nicht selbst an die Öffentlichkeit gehen.
Southwest69 29.12.2018
5. Respekt in den Medien ?
Wenn der Respekt vor der Familie Schumacher so groß ist, dann lasst die Berichterstattung einfach sein, ganz sein. Hätte ich mir für Ayrton Senna auch gewünscht.
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