BBC-Studie zu Deutschland: Geliebte Störenfriede

Von Matthias Matussek

Public Viewing zur EM 2012 in Hamburg: Deutschland, eine Fanmeile Zur Großansicht
dapd

Public Viewing zur EM 2012 in Hamburg: Deutschland, eine Fanmeile

Südeuropa wirft uns das Spardiktat vor, bei der Eurovision straft man uns ab - und nun das: Laut BBC liegt Deutschland weltweit in der Beliebtheit auf Platz eins. Haben die Deutschen denn wirklich noch in anderen Disziplinen als im Fußball Schule gemacht?

Ich versteh' die Welt nicht mehr. Ja genau, die Welt, die gerade von der BBC über die Beliebtheit der Deutschen befragt wurde. Wir - das heißt: die Deutschen - sind doch als arrogant und wenig mitfühlend verschrien, das wissen alle, die an unseren salonlinken Stammtischen mitreden wollen.

Wir sind isoliert in Europa, keiner mag uns, selbst die Eurovision straft uns ab, und nun das: Wir liegen weltweit in der Beliebtheit auf Platz eins. Befragte in 25 Ländern kürten die Bundesrepublik in einer Umfrage der britischen BBC zum weltweit beliebtesten Staat. Endlich vor Kanada, dem Erzrivalen! Und vor Großbritannien! Und das nach dieser vergurkten und verkorksten und erbärmlich gespielten Euro-Saison, die uns Kanzlerin Angela Merkel beschert hat, ich sage nur: Eurovision!

Kaum auszudenken, wie wir da gepunktet hätten, wenn wir von der SPD regiert werden würden. Wenn also Steinbrück bereits jetzt schon im Schulterschluss mit Frankreichs Premier die Schulden vergemeinschaftet und die Steuerabgaben nach oben hin angepasst hätte! Wir müssten gar nicht mehr auftreten bei der Eurovision, man würde uns das Kristallmikrofon gleich ins Kanzleramt schicken.

Trotz alledem weltweit die Beliebtesten

Monatelang ist uns eingebimst worden, wie arrogant wir Deutschen "in der Welt draußen" wirken. Gerade erst hat uns Martin Schulz, Europa-Parlaments-Präsident und SPD-Mitglied, in einem großen "FAZ"-Interview berichtet, dass er in Portugal immer wieder bang nach unserer Wahl gefragt wird. "Dort fragt mich jeder: Wie geht die Bundestagswahl aus? Sie fragen das, weil die Menschen dort glauben, dass diese Wahl ihr Leben beeinflussen wird".

A SPD vai ganhar, wird Schulz in Lissabon auf dem Markt und in den Restaurants gefragt, das heißt im Klartext: die SPD wird doch hoffentlich gewinnen? Schulz, ganz überparteilicher Euro-Staatsmann, macht im Interview nebenbei "darauf aufmerksam", dass es die SPD war, die die Transaktionssteuer durchgesetzt hat. Bürger der Welt, schaut auf uns, das heißt, auf uns gute Deutsche, die sozialdemokratischen!

Dass die Griechen, die gerade murrend Katasterämter aufbauen und die Korruption bekämpfen und Steuern eintreiben, dass sie auf Demonstrationen Merkel ein Hitlerbärtchen verpassen, findet natürlich auch Schulz geschmacklos und übertrieben. Aber hey, unter uns, so sekundieren und suggerieren Frank Schirrmacher und Soziologe Ulrich Beck im genannten Interview, irgendwas Diktatorisches hat sie ja...

Und jetzt?

Sind wir trotz alledem (Merkel!) weltweit die Beliebtesten. Kann es sein, dass unsere Kanzlerin in ihrer Konsequenz auch bewundert wird, wie es der französische Schriftsteller Alexis Jenni für SPIEGEL ONLINE aufschrieb?

"Typisch deutsch" - das Hassattribut schlechthin

In der gleichen Geschichte lieferte die spanische Kolumnistin Soledad Gallego-Díaz einen Hinweis darauf, wie sehr die Deutschen nicht nur im Fußball, sondern auch in einer anderen Disziplin Schule gemacht haben. "Um die Wahrheit zu sagen: das einzige Land, von dem die Spanier eine schlechte Meinung haben, ist ihr eigenes". Diese Disziplin heißt Selbsthass.

Jahrzehntelang war das unsere Domäne. "Typisch deutsch" gilt für jeden, der sich kosmopolitisch wähnt, als Hassattribut schlechthin. Die Deutschen sind der ewige Störenfried auf der Weltkarte und die braune Gefahr schlechthin, und die lauert überall, das war schon so, als Deutschland 2006 die Fußball-WM ausrichtete und Uwe-Karsten Heye, der ehemalige Regierungssprecher der SPD, no go areas für Ausländer vorschlug - um sie vor dem vermuteten braunen Mob in unseren Straßen zu schützen!

Ich war kurz zuvor, nach langen Jahren im Ausland, nach Deutschland zurückgekehrt und hatte, erstaunt über diese neurotische nationale Verklemmtheit, mein Deutschen-Buch herausgebracht, Untertitel: "Warum die anderen uns gern haben können".

Mir waren außer Heinrich Heine tatsächlich noch ein paar andere, aktuellere Gründe eingefallen, weshalb man mich in verschiedenen Kultursendungen und Talkshows der Psychiatrie empfahl, doch kurz darauf gingen unseren ausländischen Gästen vor lauter schwarzrotgoldenen, friedlich und beschwingt feiernden Familienvätern und jungen hübschen Frauen die Augen über und sie staunten: Man kann sie tatsächlich mögen, die Deutschen, und sie können feiern, wie mir mein Kollege vom "Guardian" anerkennend schrieb.

Was für ein Rückschlag für die "Nie-wieder-Deutschland"-Fraktion der Grünen und der Jusos und der Kreuzberger Anarchos und der eigenen Kollegen, denn es gab doch mittlerweile diese Ausweich- und Fluchtidentität "Europäer", die mit Deutschland und der vermaledeiten deutschen Geschichte nichts mehr zu tun haben musste.

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Schwindendes Vertrauen: EU? Nein, danke!
Dass es nun Zoff um den Euro und die Eurozone gibt, muss ihnen wie ein Himmelsgeschenk erscheinen, denn nun ist die europäische Identität die historisch richtige! Endlich also dürfen unsere ewigen Mahner erneut nichts mehr mit Deutschland zu tun haben müssen, sie sind europäisch, übrigens europaweit die einzigen, die es so enthusiastisch sind. Griechen und Italiener machen sich nicht viel aus dieser Brüsseler Verordnungsidentität.

Doch unsere Europa-Enthusiasten dürfen in Merkel den Machiavellismus geißeln und die schiere Gefahr sehen, sie dürfen zurückgreifen zu Bismarck und zu Kaiser Wilhelm, sie dürfen Deutschlands Führungsrolle schaudernd beschwören, kurz, sie dürfen - und das nicht nur heimlich - den Merkel-Hitler-Demonstranten in den Athener Straßen recht geben. Oder denen, die sich besorgt an den Präsidenten des Europa-Parlaments Martin Schulz (SPD) wenden.

Komisch nur, dass Merkel zuhause immer noch die beliebteste deutsche Politikerin ist.

Im Spiel mit deutscher Schuld und südeuropäischen Schulden und der demokratischen Hausordnung gibt es übrigens die lustigsten Verzerrungen. Als Peer Steinbrück den Ausschluss Ungarns aus der EU wegen "klar antidemokratischer Tendenzen" vorschlug und der ungarische Premier Viktor Orbán protestierte, schlichtete Angela Merkel mit den Worten, man müsse ja "nicht gleich die Kavallerie losschicken".

Damit ironisierte sie ein Wort ihres SPD-Herausforderers, des schneidigen Peer Steinbrück. Orban hatte nicht richtig hingehört und warf nun Merkel "Nazimethoden" vor, und sagte zum Thema Kavallerie: "Es hat damals nicht geklappt und es wird auch diesmal nicht klappen".

So schnell geht das mit dem braunen Mustopf. Der wird einfach rumgereicht, und manchmal eben von der SPD.

Erstaunlich nur, dass sich unsere britischen Nachbarn in letzter Zeit so sparsam daraus bedienen. Wahrscheinlich mögen sie den Pragmatismus unserer Kanzlerin.

Und ansonsten, wie wir Fußball spielen. Da sind sie tatsächlich "alternativlos", denn im Endspiel in Wembley stehen nur deutsche Teams.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Ist es nicht wunderbar...
svenni1064 25.05.2013
wie unterschiedlich und wie gleichzeitig ähnlich wir Europäer uns überall sind? Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Briten und Griechen, Spanier und Finnen, Malteser und Dänen schon längst irgendwo kapiert haben, dass es ohne den anderen kaum geht!
2. optional
goofy100 25.05.2013
Was fuer ein Schwachsinn. Als Auslaender will ich es mal differenziert sagen: ich respektiere deutsche Gruendlichkeit und Puenktlichkeit, bewundere deutsche Ingenieurskunst, vor allem bei Autos, und mag auch mal ein paar Tage Urlaub im deutschen Sueden machen, wo alles recht sauber ist und nur das Wetter immer grottenschlecht. Ach ja, und deutsches Essen ist unuebertroffen gut. Das Bier sowieso. Aaaaber der Rest? Die Deutschen verdienen auf jeden Fall die Bestnote im Fach arrogantes Besserwissen. Sebstgerechte Ueberheblichkeit ist ebenfalls ein deutsche Tugend, wie jeder Auslaender, der in Deutschland lebt, bestaetigen kann. Und Missionseifer, den haben die Deutschen auch: am deutschen Wesen soll die Welt genesen, dass glauben quer durch alle Parteien gefuehlte 90% der Deutschen. Und das macht euch so extreme unbeliebt!
3. Es dampft
torstenschäfer 25.05.2013
Man liest das alles und wundert sich immer noch, dass jemand für so eine Dampfplauderei so viel Geld bekommt. S´ist, als ob da einer in der Lage ist, die Luft überm Stammtisch einzufangen und in den Computer einzugeben.
4. Und ?
cato-der-ältere 25.05.2013
Was für eine triumphierender und galoppierender Redeschwall, getrieben von 5 Tassen deutschem Filterkaffee, und der deutschen Fahne flatternd auf dem Schreibtisch...? Irgendwie ist nicht so recht klar worum es eigentlich und letztlich geht. Denn das Ganze basiert auf speziellen Fiktionen von Herrn Matussek. Da die Grundlagen weitgehend seiner ständig national-erregten ständig Fantasie entspringen sind naturgemäß auch die Schlussfolgerungen, die man sich ohnehin eher zusammenklauben muss, fragwürdig. Wenn Pauschalurteile an sich das Ziel seins Unmuts wären sollte er von Formulierungen wie "die Griechen..." absehen. So etwas ist schlicht unappetitlich, sowohl ethisch (ist er nicht auch Katholik?) als auch intellektuell. Denn auch in Griechenland, hört hört, gibt es gänzlich verschiedene Gesellschaftsgruppen. Nämlich nicht nur Täter sondern auch Opfer der Misere. Dass die SPD das Geld der Deutschen verscherbeln will, also auch seines, ist auch so eine umwerfend platte Behauptung. Wie man zum Stand jetzt sehen kann, hat Merkel uns schon unrettbar in den Bürgschaftssumpf geführt, das ist ein Grund für die Gründung der AFD. Und ihre Politik hat mit offensichtlich falschen Prognosen zu einer Rezession und Arbeitslosigkeit geführt, menschlichen Katastrophen die nur mit der Weltwirtschaftskrise vor 100 Jahren vergleichbar ist, und keine Trendwende in Aussicht! Lassen wir die Ethik (er ist doch Katholik?) beiseite - technisch funktioniert das Konzept von Merkel offensichtlich nicht gerade gut.
5. optional
Robse 25.05.2013
"Ich versteh die Welt nicht mehr. Ja genau, die Welt, die gerade von der BBC über die Beliebtheit der Deutschen befragt wurde. Wir - das heißt: die Deutschen" Und ich verstehe den Autor des Artikels nicht. Wir sind seit Jahren auf Platz 1, ca. seit dem Ende des Irak Kriegs. Der Autor tut so, als ob das total schockierend ist und so neu. Kleiner Tipp, einfach mal im eigene Haus suchen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/globale-studie-deutschland-beliebtester-staat-ansehen-der-usa-waechst-erstmals-seit-jahren-a-544877.html
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