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Zurück zur alten Rechtschreibung: "Die "FAZ" handelt unverantwortlich"

Die "FAZ" steht in ihrem Kulturkampf gegen die neue Rechtschreibung allein da: Kaum eine Zeitung oder ein Verlag wollen es ihr gleichtun und zur alten Schreibweise zurückkehren. Stattdessen hagelte es Kritik.

Frankfurt/Main - Der Appell der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, ist bisher ungehört verhallt. Zwar erklärte die "Kronen-Zeitung" aus Wien, ernsthaft darüber nachzudenken, aber die überwiegende Mehrheit der deutschsprachigen Presse und der Verlage lehnt die Rückwärtsrolle entschieden ab. Auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger glaubt, dass die Entscheidung der "FAZ" ein Alleingang bleiben werde. Zugleich bekräftigte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Willi Lemke, eine erneute Änderung der Regeln sei nicht geplant.

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Zurück zur alten Rechtschreibung?

Die FAZ kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Andere Redaktionen nannten diese Entscheidung "idiotisch". Welche Schreibweise würden Sie gerne in Ihrer Zeitung sehen?

"Wir wollen die Verwirrung nicht auf die Spitze treiben und sollten keinen Glaubenskrieg entfachen", erklärte der Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", Sergej Lochthofen, und vertrat damit die Mehrheitsmeinung der deutschen Chefredakteure. Die Erfahrungen der Praxis hätten zwar die Zweifel an der Reform oftmals bestärkt. Dennoch wolle man vorläufig die neuen Schreibweisen vor allem mit Rücksicht auf die jüngeren Leser beibehalten, die diese in der Schule lernten.

Der Klett-Verlag, der Schulbücher herausgibt, kritisierte die Entscheidung der "FAZ" heftig. Eine Rücknahme der Reform würde "für unsere Branche Milliardenverluste bedeuten", sagte die Pressesprecherin des Verlages, Magrit Philipp. Mit Blick auf die rund zwölf Millionen Schüler, die seit drei Jahren die neuen Regeln lernten, sei eine Rücknahme der Reform nicht nur wirtschaftlich unverantwortlich.

Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger, bezeichnete die neu entfachte Diskussion als "lästig". Der "unglaubliche Vorgang" solle offenbar vergessen machen, "dass die Reform Ergebnis eines Konsenses ist".

Einige Politiker begrüßten dagegen den "FAZ"-Vorstoß. Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Gerhardt wertete ihn als "Signal gegen die kulturelle Verarmung der deutschen Sprache in ihrer Schriftform". Der SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhold Robbe forderte, die "gescheiterte Reform erneut auf die Tagesordnung zu setzen". Auch die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt forderte, mit dem "Rückbau der Rechtschreibreform zu beginnen". Die Akademie will die alte Schreibweise aber nur teilweise wieder einführen - die Reform habe auch Vorteile gebracht, die beibehalten werden sollten.

Die großen deutschen Zeitungen und Magazine hatten sich bereits am Mittwoch wenig begeistert gezeigt. "Wir verstehen die Diskussion überhaupt nicht. Wir arbeiten vollkommen problemlos mit den neuen Regeln", hatte der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Woche", Hans-Ulrich Jörges, erklärt. Auch "Süddeutsche Zeitung", "Handelsblatt", "Frankfurter Rundschau", "Stern" und der SPIEGEL bleiben bei der neuen Rechtschreibung, die sie am 1. August 1999 eingeführt hatten.

Bei vielen Regionalzeitungen, die immer noch mit der Umstellung zur neuen Rechtschreibung beschäftigt sind, machte sich Unmut breit. Aus der Chefredaktion der Düsseldorfer "Rheinischen Post" verlautete, mit der einheitlichen Einführung der neuen Schreib-Variante habe man noch genug zu tun. Auch der Chefredakteur der "Sächsischen Zeitung" in Dresden, Peter Christ, betonte, der Aufwand für eine erneute Umstellung "wäre viel zu groß". Der Chefredakteur des Bremer "Weser-Kurier", Volker Weise, nannte es gar "idiotisch, jetzt einen Rückzieher zu machen".

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