Zwangsverstaatlichte Kunst Sachsen zahlt Millionen an Ex-Herrscherfamilie

Ist das der Anfang einer großen Entschädigungswelle? Der Freistaat Sachsen zahlt dem Haus Wettin jetzt 4,2 Millionen Euro für Porzellan, das einst zwangsverstaatlicht wurde. Die ehemalige Herrscherfamilie kann das Geld gut gebrauchen - sie lebt nach eigenen Angaben in "bedrückenden Verhältnissen".

Von Steffen Winter

DPA

Auch Königskinder leiden. Die älteren Schwestern, barmt Albert Prinz von Sachsen gern, müssten in kleinen Wohnungen in München leben. Er selbst, immerhin direkter Nachfahr August des Starken, wohne gar zur Miete. Die Familie, die auf 829 Jahre prunkvoller Regentschaft zurückblicken kann, lebe inzwischen unter "bedrückenden Verhältnissen".

Nicht ein Hartz-IV-Antrag wird den Hochadel nun vor dem Bettelstab bewahren, sondern eine Millionenüberweisung der sächsischen Staatsregierung. Am Donnerstag unterzeichnet der Freistaat eine Vergleichsvereinbarung mit dem Haus Wettin, die der einstigen Herrscherfamilie 4,2 Millionen Euro in die Kassen spülen wird. Es ist der Auftakt für einen Entschädigungsmarathon, der die Kunstwelt über Jahre in Atem halten wird.

Die Millionen überweisen die Sachsen für Porzellan, das sich zwar im Staatsbesitz befindet, aber eigentlich den Wettinern gehört. Knapp 300 Stücke werden dem einstigen Königshaus inzwischen zugeordnet, doch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind noch immer nur bei knapp 50 Objekten wirklich von der Herkunft überzeugt. Alle Kunstwerke sollen dauerhaft in Sachsen bleiben.

Dem Porzellan-Vergleich, dem das Dresdner Kabinett bereits zugestimmt hat, werden wohl weitere folgen. Die Wettiner erheben Forderungen auf Gemälde der Galerien Alte und Neue Meister, auf Skulpturen, auf Preziosen im weltberühmten Grünen Gewölbe, auf Möbel und auf Bücher.

Dabei sind die Königskinder schon mehrfach von Sachsen entschädigt worden. 1999 gab es einen Vergleichsvertrag zwischen dem Haus Wettin und dem Freistaat. 18.000 Kunstwerke wurden erfasst, von denen 6000 an die Wettiner gingen. Hinzu kamen Immobilien im Wert von 12,6 Millionen Mark, darunter ein Grundstück in bester Dresdner Zentrumslage. Allerdings gab es im Vertrag eine Öffnungsklausel, die spätere Forderungen ermöglichte. Und zwar immer dann, wenn Kunstgüter auftauchen, die offensichtlich den Erben August des Starken gehören.

Reine Theorie, hofften die Sammlungen. Schließlich ist der Nachweis nach mehr als sechs Jahrzehnten schwierig, und die Museen sind naturgemäß wenig kooperativ. Die Wettiner können Gegenstände zurückfordern, die zwischen 1924 und 1945 nachweislich in ihrem Besitz waren und nach dem Krieg beim Staat landeten.

Vor den Russen versteckt, von der DDR verstaatlicht

Vor sechs Jahren setzte sich der Berliner Anwalt Gerhard Brand erstmals monatelang ins Staatsarchiv, arbeitete sich durch Hunderte von Mikrofilmen und suchte Signaturen des Hauses Wettin. Die erste Forderung kam prompt: zehn Porzellanobjekte. Die Aufregung war groß, aber sechs gehörten tatsächlich nicht dem Staat, was 60 Jahre lang angeblich niemand bemerkt haben wollte.

Es waren gute Stücke. Ein Löwenpaar, eine Madonna, ein Fuchs mit einer Henne. Große Figuren, die nicht in kleine Münchner Mietwohnungen passen. Die klammen Prinzen und Prinzessinnen hätten lieber Geld genommen, doch die Sachsen mochten damals noch nicht zahlen. So kamen die Löwen im Dezember 2006 bei Christie's in London unter den Hammer. Ein europäischer Sammler zahlte 2,8 Millionen Pfund (4,2 Millionen Euro), während die Staatlichen Kunstsammlungen tobten. Doch Brand war inzwischen wieder fündig geworden. Er listete 1618 Porzellanobjekte auf, die den Wettinern zuzuordnen seien. Vom Krönungsadler über den Harlekin mit Mops bis zu acht Stücken aus dem sächsisch-preußischen Krönungsservice. Weitere 3000 Teile galten als möglicher Wettiner-Besitz.

Die Herkunft ist für Brand klar: 1947 war im Schloss Moritzburg bei Dresden ein zugemauertes Kellerversteck mit Porzellanteilen entdeckt worden, im selben Jahr flog der Pfarrer im benachbarten Reichenberg auf, der auf dem Dachboden der Kirche zahlreiche Kunstschätze der Wettiner vor den Russen versteckt hatte. Es war die Privatsammlung des geflüchteten Königshauses, die nun weitgehend zwangsverstaatlicht wurde.

Die Dresdner Porzellansammlung musste im vergangenen Jahr mehrere Wochen für eine umfassende Inventur schließen. Einige 100.000 Euro verschlang die längst überfällige Provenienzforschung. Das Ergebnis ist die Millionenzahlung. Intern wird in Dresden längst schon am nächsten Vertrag gearbeitet. Als die Wettiner 2007 auch noch 139 Gemälde der Sammlung Alte Meister einforderten, schäumte der damalige Kulturstaatssekretär: Es werde "mit Schrot geschossen, in der Hoffnung, dass das eine oder andere Korn trifft". Inzwischen gelten auch Bilder der Maler Louis de Silvestre, Pietro Graf Rotari, Anton Graff und Ernst Ferdinand Oehme als möglicher Wettiner-Besitz. Die Verhandlungen gehen weiter, bis Ende 2012 soll möglichst alles geregelt sein.

Immerhin setzt der Freistaat nun auf dauerhaften Frieden mit den königlichen Hoheiten. Der jetzige Vergleichsvertrag gilt erstmals als "abschließend und endgültig".

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