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Konferenz der Neuen Deutschen Medienmacher: "Der Terror wandert nicht ein"

Von Dana Buchzik

In Redaktionen noch selten: Neue Deutsche Medienmacher mit Migrationshintergrund Zur Großansicht
Mosjkan Ehrari

In Redaktionen noch selten: Neue Deutsche Medienmacher mit Migrationshintergrund

Gegen Stimmungsmache und Stereotypen: Die Neuen Deutschen Medienmacher sind ein Zusammenschluss von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund. Sie wollen nicht als "Ausländer vom Dienst" behandelt werden.

"Voll gut", seufzt eine junge Frau erleichtert, während sie ihren Rucksack nach einem Handyladegerät durchsucht. "Ich dachte, es kommt niemand." Knapp 70 Besucher sind in die Konferenzräume der Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln gekommen - die Neuen Deutschen Medienmacher, ein bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund, halten hier ihre zweite Bundeskonferenz ab.

In drei Workshops soll über ein gemeinsames Ziel diskutiert werden: Mediale Berichterstattung über gesellschaftliche Vielfalt, die ohne Stimmungsmache und Stereotypen auskommt. Konferenzraum eins, "Gute neue (Ethno)Medien machen", ist am besten besucht. "Was gut ist, setzt sich durch" prangt als trotzig-ironisches Motto neben Mammuts, Dinosauriern und einer NSDAP-Propagandaposterfamilie.

"Was gut ist, setzt sich durch" ist wohl jener Satz, den die Neuen Deutschen Medienmacher ein paar Mal zu oft gehört haben. Jeder fünfte Einwohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund; in den Redaktionen deutscher Medien trifft das nur auf jeden 50. zu. Die wenigen, die es in die Medienhäuser schaffen, würden, so schreiben es die Neuen Deutschen Medienmacher auf ihrer Webseite, häufig als "Ausländer vom Dienst" behandelt und bei jeder Asyl- oder Islamdebatte automatisch als Gegenspieler deklariert.

Anwohner, die Flüchtlingen erklären, was Mülleimer sind

Die Neuen Deutschen Medienmacher verstehen sich als Netzwerk, das neben gegenseitiger Unterstützung auch neue Berichterstattungsformen und Beratung anbietet. Zu ihrer Bundeskonferenz sind Vertreter junger Medienprojekte eingeladen, darunter das Berliner Recherchebüro Correctiv und das deutsch-türkische Onlinemagazin "Renk", die im ersten Konferenzraum ihre Arbeit präsentieren.

Nebenan berichten Sharmila Hashimi und Monis Bukhari, zwei aus Afghanistan und Syrien geflüchtete Journalisten, wie Flüchtlinge in Deutschland in die Handlungsunfähigkeit gezwungen werden: Nicht nur die Gesetzeslage mache es ihnen unmöglich, sich Arbeit zu suchen, auch die deutschen Medien nähmen geflüchtete Journalisten nur als Opfer wahr und verweigerten ihnen die Möglichkeit, die Flüchtlingsdebatte nicht nur mit ihren persönlichen Erfahrungen, sondern auch mit ihrer fachlichen Qualifizierung zu bereichern.

Radiomoderatorin Konstantina Vassiliou-Enz spricht von einer exotisierenden und paternalistischen Grundhaltung, mit der sowohl Medien als auch Teile der Bevölkerung Flüchtlingen begegneten; sei es die "Bild"-Zeitung, die das Grundgesetz auf Arabisch abdruckte und in Flüchtlingslagern verteilen ließ, seien es Anwohner, die glauben, Geflüchteten erklären zu müssen, was Mülleimer sind und was Pünktlichkeit bedeutet.

Eine ausgewogene Berichterstattung braucht Kontext

Günter Piening, ehemaliger Integrationsbeauftragter Berlins, nennt die mediale und politische Belastungsrhetorik rund um die Frage "Was können wir verkraften?" absurd. "Wer genau meldet sich hier mit seiner Angst zu Wort? Wovor genau hat er Angst? Kriminalität? Leistungseinschränkungen? Und an wen richtet er daraus abgeleitete Beschwerden?"

Pressereferentin Tina Adomako kritisiert, dass in den Medien verstärkt Panik vor islamistischem Terror geschürt werde: Noch habe es keinen islamistischen Terroranschlag in Deutschland gegeben, noch sei nichts passiert, heiße es häufig - "aber es ist in der Tat etwas passiert," sagt Adomako, "und zwar rechtsterroristisch. Der Terror wandert nicht nach Deutschland ein. Er ist längst hier."

Nach den Workshops quetschen sich die Teilnehmer in einem Konferenzraum zusammen, um Ergebnisse zusammenzutragen. In den Gesichtern zeigt sich Erschöpfung. Was eine ausgewogene Berichterstattung braucht, war schon vor Beginn der Konferenz klar: Kontext.

Es macht nämlich einen Unterschied, ob ein Journalist nur erwähnt, dass viele Geflüchtete keinen Schulabschluss hätten, oder ob er hinzufügt, dass ein Drittel der Flüchtlinge Minderjährige unter 16 Jahren sind, die noch gar keinen Schulabschluss haben können. Ob nur über hypothetische Gefahren islamistischen Terrors spekuliert oder auch längst existenter rechtsextremer Terror benannt wird. Ob gezielt nach skandaltauglichen Einzelfällen gesucht oder von einer Mehrheit der gelungenen Integration berichtet wird.

Man wolle bereits etablierte Mentoring- und Trainingsangebote des Netzwerks verstärkt auch geflüchteten Kollegen ermöglichen, sagt Moderatorin Rebecca Sumy Roth. Das Glossar der Neuen Deutschen Medienmacher, das Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland enthält, werde mittlerweile von Journalisten, Behörden, Universitäten und NGOs nachgefragt, ergänzt Vassiliou-Enz.

Nachdem alle Namensschilder wieder eingesammelt wurden, beginnt der informelle Teil des Abends: "Was gut ist, setzt sich auch auf der Tanzfläche durch." Unausgesprochen bleibt das Wissen, dass die Bundeskonferenz der Neuen Deutschen Medienmacher mit knapp 70 Teilnehmern und lediglich zwei externen journalistischen Besuchern eine eher Davidsche Veranstaltung ist, deren Argumente und Ideen Goliath nur dann erreichen werden, wenn er bereit ist zuzuhören.

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