Zweiteiler "Die Flucht" Go West, Gräfin!

Nobel geht das Reich zugrunde: Als Landadlige versucht Maria Furtwängler in dem zweiteiligen Vertriebenen-Melodram "Die Flucht" zum Kriegsende ihre Schutzbefohlenen aus Ostpreußen herauszuführen – der Film aber bleibt in gediegenen bis gefährlichen Stereotypen stecken.

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Die meisten deutschen Männer sind schon lange tot. Und mancher von denen, die noch leben, bringt sich lieber gleich selbst um. Im Kriegswinter 1944/45 ist die Geschlechterfrage in Ostpreußen erstaunlich eindeutig geklärt: "Es ist die Stunde der Frauen!" Das verkündet feierlich der alte Graf von Mahlenberg (Jürgen Hentsch) seiner Tochter. Dann bleibt er alleine auf seinem Gut zurück, tötet seine treuen Hunde und jagt sich eine Kugel in den Kopf, bevor das die Soldaten der vorrückenden Roten Armee tun können.

Die Rollenverteilung in "Die Flucht" ist also ziemlich übersichtlich: Die wenigen überlebenden deutschen Männer sind meist schwach, ängstlich und dazu noch krankhaft ehrgeizig, die Frauen stark, leidensfähig und selbstlos. Angeführt wird die Parade der stolzen Ostpreußinnen von der jungen Gräfin von Mahlenberg (Maria Furtwängler). Hoch zu Ross führt sie einen Treck mit Mägden, Landarbeiterinnen und Greisinnen durch die bitterkalte Winterlandschaft und über das vereiste Frische Haff in den sicheren Westen. Keine ihrer Schutzbefohlenen darf zurück bleiben, dafür kämpft die Gräfin unter Einsatz ihres Lebens. Nobel geht das Reich zugrunde.

Der deutsche Film und das Dritte Reich – es kam bislang selten etwas Gutes heraus. Man sucht sich seine Helden und Heldinnen, um wenigstens etwas Licht ins schwärzeste aller deutschen Geschichtskapitel zu bringen. Dem Durchschnittsmenschen lässt sich, so glauben wohl die meisten TV-Autoren, dramaturgisch einfach nichts abgewinnen. In dem ARD-Zweiteiler wird nun ziemlich ungebrochen der edlen vordemokratischen Attitüde des ostpreußischen Landadels gehuldigt: Man verlangt von seinen Leuten Gehorsam, dafür kümmert man sich aber auch heroisch um sie.

Zärtlich heiße Kartoffeln pellen

In den Genuss der unbedingten Fürsorgepflicht der jungen Gräfin von Mahlstein kommen in "Die Flucht" bald auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Die Frage ist: Wollen die das überhaupt? Immerhin sind die Verantwortlichen des Films so konsequent, diesen Punkt zu thematisieren. Der Franzose, der auf dem Gut arbeitet und mit dem die Heldin auf der Flucht noch zärtlich heiße Kartoffeln pellen wird, redet von Mahlstein am Anfang ironisch mit "Comtesse" an und macht klar, dass er sich trotz der von ihr wohlwollend hochgesetzten Essensrationen unfreiwillig hier befindet.

Das ist einer der wenigen Momente, in der die ostpreußische Ordnung, die in den Kriegstagen eben auch auf dem Einsatz von Zwangsarbeitern beruhte, wirklich in Frage gestellt wird. Revanchismus kann man dem opulenten Bilderbogen um Flucht und Vertreibung zwar nicht vorwerfen, schließlich wird hier die Schuldfrage des Zweiten Weltkriegs (in leicht aufgesetzt wirkenden Off-Kommentaren) genauso eindeutig verhandelt wie die Verbrechen der Wehrmacht. Aber man bedient das Bild eines eigentlich gediegenen Ostpreußens mit allerhand Stereotypen: von der naiven Magd, die zu ihrem eigenen Wohl besser gehorcht, über die junge Gräfin, die auf ihrem Pferd über saftige Wiesen galoppiert, bis zum sanften russischen Knecht, der aus Angst vor seinen marodierenden Landsleuten lieber bei der deutschen Herrschaft bleibt.

Schlichte Weltsicht

Diese Eindimensionalität nimmt sich umso befremdlicher aus, da mit dem letzten historischen Eventmovie aus dem Hause TeamWorx, wo man das Genre mit "Der Tunnel" oder "Die Luftbrücke" für das deutsche Fernsehen definiert hat, endlich eine gewisse psychosoziale Vielschichtigkeit Einzug gehalten hat: In dem Kriegsdrama "Dresden" war Nationalsozialismus nicht einfach etwas von außen Gegebenes, sondern ein Glaubensbekenntnis, das privateste Einheiten bestimmte. Zwischen Gut und Böse verlief nur eine äußerst dünne Trennlinie.

Für "Die Flucht" werden hingegen nur wieder die bekannten braunen Abziehbilder aufgefahren: ein menschenverachtender Gau-Leiter; ein fanatischer Pimpf, der Deserteure ihren Henkern ausliefert; ein feiger Nazi-Richter, der ganz zu recht weder das Herz seiner Mutter noch das der jungen Gräfin erobern kann. An den sympathischen weiblichen Heldinnen perlt die Unmenschlichkeit des NS-Systems ab, auf zauberhafte Weise bleiben sie von den politischen Arrangements jener Zeit und den daraus folgenden seelischen Verwerfungen verschont.

Diese schlichte Weltsicht verwundert umso mehr, wenn man die Filmschaffenden kennt: Von Regisseur Kai Wessel konnte man im Fernsehen gerade erst "Das Geheimnis im Moor" sehen, einen doppelbödigen Schuld-und-Sühne-Krimi über die Altlasten des Stasi-Überwachungsstaates. Und Drehbuchautorin Gabriela Sperl schob in ihrer Funktion als Produzentin zuvor nicht nur einige der brillantesten deutschen Fernsehfilme an, sondern lieferte auch das Skript für das Dokudrama "Carola Stern – Doppelleben", in dem klug die Widersprüchlichkeiten einer Kriegs- und Nachkriegsbiographie ausformuliert werden.

Gefährliche Mensch-Unmensch-Logik

In dem Vertriebenen-Melodram haben Zwischentöne nun keinen Platz. Gut und Böse sind leicht zu unterscheiden – nur den ganz Dummen unter den Landfrauen fehlt dafür der Blick. "Nach dem Krieg sind die Russen auch nur Menschen", sagt zum Beispiel die eine. Weshalb eine andere dann den Flüchtlingszug verlässt, um zu ihren Hof zurückzukehren. Doch der Krieg ist in diesem Winter 44/45 eben noch nicht aus – und die Russen, zumindest die in der Roten Armee, folglich auch keine Menschen.

Der Film gibt sich für einen Augenblick ganz dieser nazi-propagandistisch geprägten Mensch-Unmensch-Logik hin: Das Haus, in dem die Magd Unterschlupf findet, wird unheilvoll aus der Monster-Perspektive gezeigt, wie man sie aus Horrorfilmen kennt. Dann fallen die Russen ein, vergewaltigen, morden, plündern und ziehen schließlich wie satt gefressene Raubtiere wieder ab.

Da erinnert der Frauenwestern "Die Flucht" mit seinen Planwagen und noblen Kämpferinnen auf einmal an einen Indianerfilm. Bitter: Statt der Rothaut ist es hier der Rotarmist, der als Wilder an sich alles Zivilisatorische in Frage stellt.

Treckführerin von Mahlenberg sammelt die Gepeinigte dann aber doch wieder schnell ein. Die Kolonne zieht weiter, und die Heldin wacht über sie nun umso besser, vor malerischen Berghängen und Schneedünen. Go West, Gräfin!


"Die Flucht", Teil 1 + 2: heute, 20.40 Uhr, Arte; Teil 1: Sa, 3. März, 20.15 Uhr, ARD; Teil 2: So, 4. März, 20.15 Uhr, ARD.



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