Zwiebelfisch: Die Entmannung unserer Sprache

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Ist unsere Sprache sexistisch? Werden Frauen durch Wörter wie "Studenten", "Besucher" und "Fußgänger" diskriminiert? Müssen wir das Deutsche einer Geschlechtsumwandlung unterziehen? Einige Bürokraten verlangen dies tatsächlich, vor allem in der Schweiz.

Zwiebelfisch: Ein paar Beispiele für geschlechtergerechte Formulierungen Fotos
Inserat aus Österreich

Als ich am vergangenen Freitag in der Zeitung blätterte, blieb ich an einem Artikel über Amtsstubendeutsch hängen und habe mich prompt an meinem Kaffee verschluckt. Darin wurde über die Arbeit einer Schweizer Nationalrätin berichtet, die sich seit Jahren energisch dafür einsetzt, die Amtssprache so geschlechtsneutral wie möglich zu gestalten.

Mit Erfolg, wie sich zeigte. Denn in diesem Sommer hat die Stadt Bern einen "Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung" herausgebracht, der die Vermeidung geschlechtsspezifischer Wörter vorschreibt. Anstelle von männlichen Personen- und Berufsbezeichnungen wie "Arbeiter", "Kunde", "Fußgänger" und "Besucher" solle man neutrale Begriffe wie "Arbeitende", "Kundschaft", "Passanten" und "Gäste" verwenden. Ähnliche Bestrebungen kennt man ja bereits von unseren Universitäten, an denen es laut offizieller Sprachregelung keine Studenten mehr gibt, sondern nur noch Studierende.

Der Berner Sprachleitfaden geht aber noch weiter. Auch bei Zusammensetzungen, die einen geschlechtsspezifischen Teil enthalten, müsse künftig umgedacht werden. Statt "Mitarbeitergespräch" empfiehlt der Leitfaden "Beurteilungsgespräch" - offenbar voraussetzend, dass es in Gesprächen mit Mitarbeitern immer um deren Beurteilung gehe. Die "Einwohnerbefragung" soll nach Willen des Berner Stadtrates künftig zur "Bevölkerungsbefragung" werden. In Deutschland haben wir ja zum Glück noch das schöne kompakte Wort "Volksbefragung" oder auch die "Volkszählung", die zwar nicht unumstritten ist, aber das zumindest nicht aus genderspezifischen Gründen.

Der "Führerschein" ist in der Amtssprache der Schweiz ein Führerausweis. Allerdings nicht mehr lange. Denn beim Wort Führerausweis fragt sich jede(r) klar denkende Bürger/-in schließlich gleich: Wo bleiben die Ausweise für die Führerinnen? Darum soll es nun "Fahrausweis" heißen. In der Schweiz mag das funktionieren, in Deutschland würde es zwangsläufig zu Missverständnissen bei Kontrollen im öffentlichen Personennahverkehr führen.

Schaffner: "Die Fahrausweise, bitte!"

Schweizer Bahntourist: "Seit wann brauche ich denn einen Fahrausweis, um mit dem Zug zu fahren?"

Schaffner: "Wollen Sie mich veräppeln? Zeigen Sie mir Ihren Fahrausweis!" Schweizer: "Ich habe keinen! Warum, glauben Sie, fahre ich wohl sonst mit dem Zug!"

Schaffner: "Dann muss ich Ihnen den vollen Fahrpreis berechnen!" Schweizer: "Aber wieso denn? Ich habe doch ein Billett!"

Schaffner: "Das können Sie in der Oper vorzeigen, hier gilt nur der Fahrausweis!" Schweizer: "Verstehe einer die Deutschen!"

In der DDR sagte man nicht "Führerschein" und auch nicht "Führerausweis", sondern "Fahrerlaubnis". Dies hatte allerdings weniger mit Feminismus zu tun als mit der Tatsache, dass man nach 1945 mit dem Wort "Führer" etwas vorsichtiger war. (Da bewies die DDR-Führung deutlich mehr politisches Taktgefühl als bei der Übernahme der "Reichsbahn".)

In der Liste der Berner Empfehlungen findet sich unter anderem das Wort "Zebrastreifen". Dies solle den bisherigen "Fußgängerstreifen" ersetzen. Da schmunzelt man als Deutscher natürlich gleich, denn die Vorstellung, dass alle Fußgänger in der Schweiz einen Streifen tragen, ist amüsant. Hierzulande heißt der Zebrastreifen offiziell "Fußgängerüberweg", was weniger lustig klingt und sich eher nach einer Schikane für Ausländer anhört, die Deutsch lernen müssen. Die Entmannung der Sprache macht aber nicht beim Fußgänger Halt.

Wörter, die das erkennbare Wort "Mann" enthalten, stehen auf der Berner Abschussliste ganz oben: Aus "Mannschaft" wird "Gruppe" (oder auch - um mal ein deutsches Wort zu nehmen: "Team"). In die Verlegenheit, die Fußballnationalmannschaft in "Fußballnationalgruppe" umbenennen zu müssen, kommen die Schweizer zum Glück nicht, da diese für sie ohnehin nur die "Nati" ist, was sie "Nazi" aussprechen, was für uns Deutsche wiederum bisweilen irritierend ist. Da die Berner Stadtverwaltung ganz bodenständig denkt und sich nicht anschickt, nach den Sternen zu greifen, brauchte sie sich auch kein Ersatzwort für "bemannte Raumfahrt" auszudenken. Was wäre dabei herausgekommen? "Bemenschte Raumfahrt"? Im Unterschied zur behundeten oder beafften Raumfahrt?

Und was ist in Bern nach neuer Sprachregelung wohl ein "herrenloses" Fahrrad? "Besitzerlos" kann es auch nicht heißen, denn der Besitzer ist genauso männlich wie der Herr. Es ist ja nicht einmal ein Fahrrad, sondern ein "Velo". Richtig kompliziert wird es, wenn es sich bei dem herrenlosen Fahrrad auch noch um ein Damenfahrrad handelt. Ich möchte nicht in der Uniform des Schweizer Polizeibeamten stecken, der zu Protokoll geben muss: "In der Berner Herrengasse - pardon: in der Berner Gruppengasse wurde heute Vormittag ein kaufkundschaftsloses Velo für weibliche Verkehrsteilnehmende sichergestellt."

Mit all dem könnte man leben, gingen die Ideen der Sprachkastrationsbeauftragten nicht noch weiter: Auch die Wörter "Mutter" und "Vater" seien zu vermeiden, da diese "zu geschlechtsspezifisch" seien. Anstelle von "Vater" oder "Mutter" solle man "der Elternteil" oder "das Elter" schreiben. Demnächst wird es in der Schweiz dann keine Vaterschaftstests mehr geben, sondern Elterschaftstests. Die Parallele zum Elchtest ist übrigens nicht von der Hand zu weisen: Schließlich gerät hier der gesunde Menschenverstand gefährlich ins Schleudern und droht umzukippen.

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Sprache verändern muss, wenn man die Gesellschaft verändern will. Wörter wie "Fußgänger" und "Kunde" mögen grammatisch männlich sein, aber ihre Bedeutung ist so geschlechterübergreifend wie "der" Mensch. Wenn ich das Wort "Person" höre, denke ich auch nicht automatisch an eine Frau, nur weil "die Person" weiblich ist.

Vielleicht sind die Schweizer in Geschlechterfragen deshalb so besonders sensibel, weil ihr Land zu den ganz wenigen Ländern zählt, die einen weiblichen Artikel haben. Deutschland hingegen ist sächlich und somit - zumindest grammatisch - ebenso neutral wie Österreich. Wenn die Gender-Diskussion weiter vorangetrieben wird, kommt es womöglich irgendwann dazu, dass die Schweizer ihre Neutralität auch im Landesartikel verankert sehen wollen und von oberster Stelle verfügt wird: Ab sofort heißt es "das Schweiz".

(c) Bastian Sick 2010

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