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Zwiebelfisch: Glücksgefühle in Hülle und Fülle

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Gülühwein, Gümüse, Gürüstbau - beginnt das Türkische allmählich aufs Deutsche abzufärben? Oder ist das Deutsche nicht sowieso schon eine ü-beraus ü-freudige Sprache? Spüren wir den Ümlauten nach, und machen wir ein kleines Gewünnspül!

Fündstück aus Wün Zur Großansicht
Michael Gericke

Fündstück aus Wün

In der Adventszeit bekommt der Mensch Stiefel voller Lebkuchen und Schokolade, er bekommt kalte Füße und rote Nasen, Kaufanfälle, Beklemmung im Gedränge, Lust auf Gesänge, Hass auf Wham! und Katerstimmung nach zu viel Punsch. Ich bekomme in der Adventszeit regelmäßig Leserzuschriften mit Fotos von Weihnachtsmarktständen, auf denen "Advent's-Kerzen", "Adventzkaländer" oder "Atwentskarten" feilgeboten werden.

Einmal schickte mir jemand ein Bild von einer Angebotstafel, auf der das Wort "Gülühwein" stand. "Jetzt haben auch die Türken die Freuden der Vorweihnachtszeit entdeckt", schrieb er dazu. Dem "Gülühwein"-Fundstück folgten weitere mit türkischem Anstrich: ein "Fürühstückssalon" in Österreich, ein Hinweisschild auf frisches "Gümüse", ein Lkw mit der Aufschrift "Gürüstbau". Das könne kein Zufall sein, meinte mein Freund Henry und raunte: "Das sind Ündizien dafür, dass das Türkische aufs Deutsche abzufärben begünnt!"

Dazu fielen mir die Schülerwitze ein, die den Klang des Türkischen aufs Korn nehmen: "Wie nennt man auf Türkisch einen winselnden Hund? Antwort: Nöletöle" - "Wie sagt man auf Türkisch zu Pampers? Antwort: Güllehülle!" Es mag ja stimmen, dass das Türkische eine Sprache mit vielen "Ös" und noch mehr "Üs" ist: Es gibt Wörter wie "Müdürlügü" (Direktion, Leitung) und Sätze wie "Gülüm, gül yüzünü güldürürüm senin" (Meine Rose, ich kann dein Rosengesicht zum Lachen bringen).

Für deutsch-türkische Schreibweisen wie "Gülühwein" und "Fürühstück" gibt es übrigens eine plausible Erklärung: Die türkische Sprache zeichnet sich durch ihren Vokalreichtum aus. Sie kennt keine zwei aufeinanderfolgenden Konsonanten. Daher wird beim Sprechen (und offenkundig auch beim Schreiben) ins deutsche Konsonantengestrüpp gern die eine oder andere türkische Vokal-Blume gepflanzt. Aus "Glühwein" wird "Gülühwein" und aus "Frühstück" wird "Fürühstück"; nach den Gesetzen der türkischen Vokalharmonie hätte sogar ein "Fürühsütück" daraus werden können.

Den Ansprüchen der türkischen Klangmalerei wird die deutsche Sprache niemals gerecht werden. Wörter wie Güllehülle und Nöletöle sind im Deutschen eher die Ausnahme als die Regel. Dennoch verfügt das Deutsche in Sachen Umlaute über gewisse Reichtümer.

Tatsache ist, dass zwischen dem türkischen Alphabet und dem deutschen eine ganz besondere Verbindung besteht. 1928 löste das Neue türkische Alphabet die bis dahin gültige arabische Schreibweise in der Türkei ab. Der Staatsgründer Kemal Atatürk hatte bei der Entwicklung des neuen Alphabets selbst mitgewirkt. Als es galt, Buchstaben für die Abbildung des Ü-Lautes und des Ö-Lautes zu finden, entschied Atatürk, dem deutschen Vorbild zu folgen. Daher ist die türkische Schrift neben der deutschen eine der wenigen Sprachen, in der es sowohl Ös als auch Üs mit Pünktchen gibt.

Über "Gülühwein" und "Güllehülle" kam ich ins Grübeln - und dann fing ich an, nach wirklich existierenden deutschen Wörtern zu suchen, die mindestens zwei Üs enthalten. Einmal damit angefangen, ließ mir die Ü-Suche keine Ruhe mehr. Nachts lag ich wach und grübelte bis in die Früh über Wörter mit zwüfachem Ü. Am Morgen hatte ich eine beachtliche Liste zusammengetragen:

Türdrücker, Geflügelwürste, Glückwünsche, Mühlenflügel, Südfrüchte, Lückenbüßer, Rührschüssel, Brühwürfel, Glühwürmchen, Rückenbürste und - quasi als Tüpfelchen auf dem Ü - Stützstrümpfe und Bürzeldrüse. Es gibt Büchners Bühnenstücke, schwüle Frühlingsgefühle, günstige Frühflüge und überfüllte IC-Züge. In Norddeutschland gibt es außerdem viele "Kürchtürme".

Apropos Türme: Dazu fällt mir ein Kindergedicht ein, das in diesem Zusammenhang nicht fehlen darf. Das Gedicht vom Würmlein auf dem Türmlein: "Auf 'nem Türmlein sitzt ein Würmlein mit 'nem Schirmlein unterm Ärmlein. Kommt ein Stürmlein, bläst das Würmlein mit dem Schirmlein unterm Ärmlein - sssssssssst! - vom Türmlein." Das ist ganz hübsch ü-trächtig*, aber das lässt sich noch steigern. Danach begann ich, ganze Sätze mit Ü-Wörtern zu bilden. Dieses übermütige Vergnügen kostete mich eine weitere schlaflose Nacht. Aber es hat sich gelohnt. Als draußen schon die Vögel zu zwütschern begannen, hatte sich das Blatt Papier mit folgenden Sätzen gefüllt:

  • Süßliche Düfte übertünchen üble Küchengerüche.
  • Fünfundfünfzig verrückte Thüringer türmen in Güterzügen über Uelzen und München in den Süden.
  • Hüben wie drüben sprühen Rübenzüchter flüssige Gülle über die Frühblüte.
  • Müffelnde Müslitypen mümmeln süße Frühstücksgrütze mit Früchteklümpchen.

Schließlich verstieg ich mich zu mystischer Lyrik:

  • Züchtig verhüllte die Büßerin ihre fülligen Brüste mit Tüll; die Übrigen zügelten mit Mühe ihre sündigen Gelüste.
  • Wütende Bürger stürmen die Güter des Fürsten, plündern und zündeln und flüchten mit güldenen Lüstern und Münzen. (Die gestürzten Büsten des Fürsten dümpeln fürderhin im trüben Tümpel.)

Wer da glaubte, ich wäre dieses Spielchens irgendwann überdrüssig geworden und ermüdet, der befündet süch üm Ürrtum! Morgen verkleide ich mich als Schlemihl und fahre ins "Glücksrad"-Studio. Wenn ich denen nur - Pssst! - die Hälfte meiner Üs verkaufen kann, brauch ich mir um meine Zukünft keine Gedünken mehr zu machen! Genauuu! Und ab öbermörgen sammle ich dann schöne, wohltönende Wörter mit Ö! Tschö!

Gewinnspiel

www.bastiansick.de
Sind Sie auf den Appetüt gekommen? Dann machen Sie doch mit! Schreiben Sie mir einen Satz mit möglichst vielen Ü-Wörtern an zwiebelfisch@bastiansick.de!

Folgende Regeln sollten dabei beachtet werden: Er darf kein "a" und kein "o" enthalten und auch keinen Diphthong ("äu", "eu", "au" oder "ei"); neben "ü" gelten auch "ue" und "y", wenn sie wie "ü" gesprochen werden; kein Ü-Wort darf doppelt auftauchen, der Satz muss grammatisch korrekt sein und einen Sinn ergeben. Dieser Sinn darf aber gern so verrückt wie möglich sein.

Der Einsender des längsten, schönsten und lustigsten Ü-Satzes gewinnt zwei Freikarten für meine in Kürze beginnende Bühnentournee "Nur aus Jux und Tolleranz" in einer Stadt seiner Wahl. Einsendeschluss ist der 14. Januar 2011. Ich wünsche vül Vergnügen!

*ausgenommen in der hessischen Variante, darin kommen überhaupt keine Üs vor: "Uffm Tömmsche sitzt a Wömmsche middm Schömsche uffm Ämsche. Kimmd a Stömmsche, wirft's Wömmsche midm Schömmsche vom Tömmsche".

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