Zwiebelfisch Liebling, Was Wird Nun Aus Uns Beiden?

Pump Up Your Letters! Es Regiert Die Allwortgroßschreibung! So machen es iTunes und Amazon vor. Aber nicht mit mir! Wer sich darüber aufregt, dass alle Anfangsbuchstaben in deutschen Liedertiteln großgeschrieben werden, der findet in dieser Kolumne einen Seelenverwandten!

Heesters-Songtitel in Allwortgroßschreibung - was soll da aus diesem Land werden?

Heesters-Songtitel in Allwortgroßschreibung - was soll da aus diesem Land werden?


Sie wollen wissen, was ich in meiner Freizeit mache? In meiner Freizeit zupfe ich an meinen Balkongeranien (ca. 10 Minuten täglich), lese die Zeitung (ca. 20 Minuten täglich) und pflege mein digitales Musikarchiv (ca. 4 Stunden täglich). Vor einem Jahr bin ich von Windows auf Apple umgestiegen, habe mir einen iPod zugelegt und mich bei iTunes registriert. Dann fing ich an, meinen CD-Bestand in meinen Computer einzulesen. Dabei verbindet sich der Rechner automatisch mit einer Datenbank namens "Gracenote". Von dort ruft er die Daten ab, die zu der CD gehören, und wenige Augenblicke später erscheinen der Name des Interpreten, der Name des Album und sämtliche "Tracks" in der Maske auf meinem Bildschirm. Es könnte alles so einfach sein und würde mir nicht so viele Stunden Zeit abverlangen, wenn - ja, wenn ich nicht so ein Perfektionist wäre. Und wenn die Liedertitel bei der "Gracenote Media Database" in korrekter Orthografie gespeichert wären. Sind sie aber nicht.

iTunes und andere Musikanbieter liefern deutschsprachige Titel fast ausschließlich mit großen Anfangsbuchstaben:

"Er Gehört Zu Mir"
"Du Machst Mir Noch Mein Herz Kaputt"
"Schau Mich Bitte Nicht So An"
"Da Ist Eine Zeit Zu Lachen Und Zu Leben"
"Nein, Es Tut Mir Nicht Leid"

Das kannte man bislang von englischsprachigen Liedern ("I Want To Hold Your Hand", "My Heart Will Go On") und hat es achselzuckend hingenommen. Wobei es selbst bei englischsprachigen Produktionen nicht immer gleich gehandhabt wurde und wird: Auf diversen Alben findet man die Artikel "a" und "the" sowie Präpositionen wie "of", "in" oder "at" in kleingeschriebener Version ("Strangers in the Night" vs. "Candle In The Wind"). Die Angelsachsen mögen ihre Lieder buchstabieren, wie sie wollen. Doch in Deutschland gelten andere Regeln - nämlich die der deutschen Orthografie. Und die hat niemals vorgesehen, dass Liedertitel durchgehend mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden. Einerseits sieht das für deutsche Augen ungewohnt, wenn nicht gar befremdlich aus.

Andererseits verstärkt die Allwortgroßschreibung die heute ohnehin schon starke Verunsicherung in Bezug auf unsere Schriftsprache. Wenn ein außenstehender Betrachter sieht, dass in E-Mails offenbar jedes Wort kleingeschrieben werden darf, während in Liedertiteln alles großgeschrieben wird, muss er zu dem Schluss kommen, dass sich die Rechtschreibung nicht nach Schulstandard richtet, sondern nach dem Medium. (Womit er allerdings recht hat.)

Zuletzt lud ich eine CD mit Liedern von Johannes Heesters in meinen Rechner. Als der Titel "Liebling, was wird nun aus uns beiden" in meiner iTunes-Maske als "Liebling, Was Wird Nun Aus Uns Beiden" erschien, dachte ich: "Liebes Land, was wird nur aus deiner Rechtschreibung?"

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Zwiebelfisch: Liebling, Was Wird Nun Aus Uns Beiden?
Nun mag manch einer denken: "Das Ist Doch Halb So Schlimm" - mich aber lässt es nicht kalt. In meinen Augen ist die Allwortgroßschreibung weder zeitgemäß noch praktisch oder schick, sondern einfach nur lästig. Außerdem bedeutet sie eine weitere Kapitulation der deutschen Sprachkultur vor der amerikanischen Übermacht. Den Anbietern solcher Datenbanken sind derlei Überlegungen vermutlich herzlich egal. Deutschsprachige Titel stellen in der Gesamtmasse aller gespeicherten Musiktitel eine verschwindend kleine Menge dar. Aber dieses Problem betrifft ja nicht nur die deutschsprachige Musik: Auch französische, italienische, niederländische und schwedische Lieder werden mit großen Initialen geliefert. Und von diesen Sprachen weiß ich mit Sicherheit, dass die noch nicht einmal die Großschreibung von Hauptwörtern kultivieren. Das ist eine (von vielen oft verwünschte) deutsche Einzigartigkeit.

Wie kommen iTunes, Amazon und andere Musikanbieter überhaupt zu ihren digitalen Angaben? Werden Millionen einzelner CD-Listen, so wie einst die deutschen Telefonbücher, irgendwo in China oder Indien von billigen Arbeitskräften Titel für Titel, Wort für Wort abgetippt? Wahrscheinlicher ist doch, dass die Daten von den deutschen Plattenfirmen gleich mitgeliefert werden. Und dass die Verursacher der Großschreibsucht nicht in den Firmenzentralen irgendwelcher amerikanischer Großkonzerne, sondern im eigenen Land sitzen.

Ich stelle mir das ungefähr so vor: Eines Tages klingelte es wieder mal im Büro des Geschäftsführers eines großen deutschen Tonträgerkonzerns. "Was gibt's?" - "Ich bin's, Chef, der Dateneingabe-Aushilfsstudent! Ich hab da mal eine Frage: Hier ist ein Lied mit dem Titel "Die Männer im allgemeinen". Auf der CD steht "im allgemeinen" klein, aber seit der Rechtschreibreform schreibt man "im Allgemeinen" ja groß. Das Lied stammt allerdings noch aus der Zeit vor der Rechtschreibreform. Was soll ich nun machen?" - Chef (schäumend): "Das ist mir doch egal! Was interessiert mich die Rechtschreibreform? Was interessiert mich überhaupt die Rechtschreibung? Wir Schreiben Hier Ab Sofort Jeden Anfangsbuchstaben Groß, So Wie´s Die Amerikaner Machen! Und Damit Basta!"

Ein historischer Beschluss mit weitreichenden Konsequenzen. Die meisten deutschen Musikredaktionen haben es klaglos geschluckt und stellen deutsche Alben und Lieder mit großen Initialen vor. Egal ob aktuelle Popstücke oder traditionelles Liedgut - von der Allwortgroßschreibung bleiben auch "Leise Rieselt Der Schnee" und "Horch Was Kommt Von Draußen Rein" nicht verschont. Filmverleihe und Programmredaktionen werden eines Tages gleichziehen und Fernseh- und Kinofilme mit großen Initialen ankündigen (20:15, ZDF: "Spiel Mir Das Lied Vom Tod", 23:00, ARD: "Denn Sie Wissen Nicht, Was Sie Tun"), und am Ende werden auch Feuilleton und Buchverlage einknicken. Ich sehe schon mein nächstes Buch vor mir: "Die Datenbank Ist Der Rechtschreibung Ihr Tod".

In diesem Zusammenhang darf ein weiterer Hinweis nicht fehlen: Nur allzu oft verwechseln die emsigen Dateneingeber den Apostroph mit dem Akzent. Das Zeichen für den Apostroph ist nicht ´, sondern '. Es heißt also nicht: "Heut´ Abend hab´ ich Kopfweh", sondern allenfalls "Heut' Abend hab' ich Kopfweh". Im Übrigen kann man auf beide Apostrophe ganz verzichten. Damit hätte man das Kopfwehrisiko schon mal um die Hälfte gemindert. Dass der Akzent kein Apostroph ist, gilt übrigens in allen Sprachen: Der französische Chansontitel "Je N´sais Même Plus De Quoi J´ai L´air" wird in Wahrheit so geschrieben: "Je n' sais même plus de quoi j'ai l'air".

Ich bin sicher, dass ich in unseren Nachbarländern zahlreiche Verbündete habe. Dass es ebenso Franzosen und Niederländer gibt, die über die absurde Titelgroßschreibung und Apostrophverwechslung klagen und diese nicht widerspruchslos hinzunehmen bereit sind. Neben der Verunstaltung der Orthografie verbindet uns noch ein weiteres Merkmal: Wir sind die Kulturen, deren landeseigenes Liedgut von internationalen Datenbanken meist als "World" verschlagwortet wird. Bei Briten und Amerikanern wird zwischen "Pop", "R&B", "Rock", "Singer/Songwriter", "Vocal" "Jazz", "Dance" und "Country" unterschieden - was wir Deutschen, Franzosen, Schweden, Italiener, Niederländer, Schweizer und sonstigen Europäer produzieren, wird schlicht und einfach unter dem Genre "World" zusammengefasst. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich mich darüber wunderte oder amüsierte, wenn ich im Plattengeschäft Sänger aus anderen Ländern in dem Fach "Weltmusik" wiederfand. Nun sind wir selbst dort gelandet! Das verbindet Edith Piaf mit Helene Fischer. Und Herbert Grönemeyer mit Patrick Lindner: Sie machen Weltmusik. Was nicht heißt, dass sie Musik für alle Welt machten. Bei "Weltmusik" dachte man früher an karibisches Getrommel, an Panflötenformationen aus den Anden, an indische Raga-Klänge und an russische Militärkapellen. Heute bedeutet Weltmusik: alles, was nicht englischsprachig ist. Und die deutschen Musiker können noch dankbar sein, wenn sie als "Weltmusik" eingestuft werden. Bei vielen CDs heißt es nämlich "Genre: Unclassifiable".

Also sitze ich da, Stunde um Stunde, und bringe die Titel in eine für mich akzeptable Orthografie, ergänze fehlende Jahresangaben und pflege Coverbilder ein. Es gibt sicherlich sinnvollere Arten, sich in seiner Freizeit zu beschäftigen. Aber wer hat behauptet, Freizeit sei dazu bestimmt, mit Sinn gefüllt zu werden? Inzwischen bin ich mit meiner Arbeit fast am Ende angelangt: Der Stapel der noch hochzuladenden CDs ist auf ein kleines Häufchen zusammengeschrumpft. In Kürze werde ich mir eine neue Freizeitbeschäftigung suchen müssen. Meine Balkongeranien zittern schon vor Angst!



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
thseeling 20.10.2010
1. wer macht das?
Zur Frage im Artikel, wer das alles macht: bei freecddb zumindest die Benutzer, die eine CD zum ersten Mal auf ihrem Rechner rippen und dann die Titelinfos hochladen. Aus den Titeln und Zeitinfos der einzelnen Titel wird dann eine eindeutige Nummer generiert, unter der die CD-Infos gespeichert wird (UUID). Zum zweiten: da es sehr systematisch aussieht, wird wohl auf der Empfängerseite, d.h. der Datenbank von Gracenote, eine Automation zur "Normalisierung" von Titeln laufen, d.h. ein kleines Stück Code, das jedes Wort mit einem großen Initial versieht, d.h. jeder erste Buchstabe im Satz und jeder Buchstabe nach einem Leerzeichen wird automatisch in Großschrift umgewandelt. Üblicherweise wird solcher Code auf Datenbankfelder für Namen, Orte etc. angewendet. Für Liedtitel finde ich das auch nicht schön. Also volle Zustimmung zum Artikel ;)
slava grof 20.10.2010
2. skript
.... heißt das zauberwort
Bhur Yham, 20.10.2010
3. dER zUG iST aBGEFAHREN, dAS wIRD nICHTS mEHR
Zitat von sysopPump Up Your Letters! Es Regiert Die Allwortgroßschreibung! So machen es iTunes und amazon vor. Aber nicht mit mir! Wer sich darüber aufregt, dass alle Anfangsbuchstaben in deutschen Liedertiteln großgeschrieben werden, der findet in dieser Kolumne einen Seelenverwandten! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,723999,00.html
Man muß nur das Forum auf SpON durchlesen, dann wundert einem nichts mehr. So viele Analphabeten, Legastheniker, Schreibfaule und PISA-Opfer findet man selten auf einem Haufen. Manche halten sich sogar noch für Individualisten, wenn möglichst viel Käse dasteht. Aber wehe, man sagt mal was dagegen, dann kommt sofort der Aufschrei der Getroffenen: Darauf kommt's ja gar nicht an, sondern auf den Inhalt! Nun ja, wer nicht mal richtig schreiben kann (oder will), braucht sich um den Inhalt keine Sorgen mehr zu machen. Der ist derselbe Müll.
mmueller60 20.10.2010
4. @Autor
Hier finden Sie die Infos, wie die Einträge in der von iTunes verwendeten Datenbank zustandekommen - zumindest im Wesentlichen durch die User selbst. http://en.wikipedia.org/wiki/CDDB
DJ Doena 20.10.2010
5. deutsch einfach
Im Prinzip haben wir Deutschen es da noch sehr einfach. Titel 8acuh von Büchern, DVDs, ...) werden gemäß der rechtschreibung geschrieben. Im Englischen wird es da gleich viel komplizierter. Von 2nur Substantive groß" über "alles außer Bindewörter" groß bis "alles groß" ist da alles vertreten: http://en.wikipedia.org/wiki/Choice_of_case_in_text#Headings_and_publication_titles
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