Zwischenruf Kurz protestiert, dann ab in den Urlaub!

In der Debatte über das Buch "Nach dem Terror" des Philosophen Ted Honderich hat sich der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts Micha Brumlik zu Wort gemeldet - mit einem bemerkenswerten offenen Brief.

Von Henryk M. Broder


Micha Brumlik ist Professor der Erziehungswissenschaft und seit einigen Jahren auch der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, eines Studien- und Dokumentationszentrums zur Geschichte des Holocaust und seiner Wirkung. Der Suhrkamp Verlag in Frankfurt ist einer der renommiertesten deutschen Verlage, der neben Martin Walser viele jüdische und israelische Autoren verlegt, darunter auch Theodor W. Adorno und Amos Oz. Außerdem gehört zum Suhrkamp Verlag der Jüdische Verlag, der vor dem Krieg so angesehen war, wie es Suhrkamp heute ist.

Nun hat Prof. Dr. Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau einen Offenen Brief an den Suhrkamp Verlag geschrieben, wie das unter Frankfurter Lokalgrößen üblich ist, die einander von lustigen Äppelwoi-Runden kennen und sich ab dem dritten Becher duzen. Brumliks Offener Brief "An die Leitung des Suhrkamp Verlages" fängt mit den folgenden Sätzen an: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich wähle diesen formlosen Weg, weil ich kurz vor meinem Urlaub stehe, aber gleichwohl meiner Empörung Ausdruck geben und Sie dessen versichern möchte, dem folgenden Vorgang demnächst weiter nachzugehen."

Lassen wir für einen Moment außer Acht, was der Auslöser für Brumliks Empörung war. Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Auch ein Professor, der sich mit der Geschichte und der Wirkung des Holocaust beschäftigt, macht mal Urlaub. Kein Mensch kann immer nur mit den Schrecken der Vergangenheit leben. Und wie jeder normale Urlauber muss auch ein Professor, bevor er losfährt, einiges regeln. Die Zeitung abbestellen, den Ersatz-Wohnungsschlüssel für alle Fälle bei den Nachbarn deponieren. Die Katze bei der Oma abgeben und bei der Post einen "Sammelauftrag" stellen. Die Putzfrau im voraus bezahlen und den Computer korrekt herunterfahren. Die Fahrräder in den Keller bringen und den Eisschrank ausräumen. Nichts ist so stressig wie die letzten Tage vor dem Urlaub, danach ist man richtig urlaubsreif.

Brumlik, der seine pädagogischen Vorlesungen als Leitartikel in der "taz" veröffentlicht, kann aber nicht in den wohl verdienten Urlaub abreisen, ohne vorher an die sehr geehrten Damen und Herren in der Leitung des Suhrkamp Verlages einen Offenen Brief zu schreiben, obwohl er einfach zum Hörer greifen und den Suhrkamp-Verlagsleiter, den er gut kennt, auch anrufen könnte. Denn bei Suhrkamp, der schon Martin Walsers antisemitisch angehauchten Roman "Tod eines Kritikers" veröffentlicht hat, ist jetzt das Buch eines kanadischen Philosophen erschienen, der den Terrorismus der Palästinenser gegen die Israelis rechtfertigt. Und Brumlik kann es nicht fassen, dass ein Verlag, der Adorno und Amos Oz verlegt und den Jüdischen Verlag vereinnahmt hat, nun "philosophischen Judenhass publiziert".

Soll heißen: Wäre das Buch bei einem anderen Verlag erschienen, könnte Prof. Dr. Brumlik sorglos in den Urlaub abzischen, ohne kurz vor der Abreise seiner Empörung Ausdruck zu geben und den Verlag aufzufordern, "das Buch unverzüglich vom Markt zu nehmen". Da hat der Direktor des Fritz Bauer Instituts nicht begriffen, wie der Markt funktioniert. Er bedient die Adorno-Fans ebenso wie diejenigen, die ein Problem mit den Juden haben und sich mit den Palästinensern solidarisieren. Jedem das Seine. Und da macht Suhrkamp keine Ausnahme. Bei Piper zum Beispiel, der das Erbe von Hannah Arendt betreut, erscheinen inzwischen auch Bücher mit obskuren Verschwörungstheorien, die genau den Irrsinn artikulieren, den Hannah Arendt so unsäglich fand. Sogar bei Fischer, der wie kein anderer deutscher Verlag eine "jüdische" Geschichte hat, kann man im Programm Bücher finden, die allem, nur nicht dem Geist der Aufklärung verpflichtet sind.

Natürlich weiß Brumlik, dass Suhrkamp das Buch des kanadischen Philosophen nicht vom Markt nehmen wird, weder "unverzüglich" noch überhaupt. Das hat Suhrkamp auch mit dem Walser-Buch trotz massiver Proteste nicht gemacht. Aber darauf kommt es auch nicht an. Hauptsache, Brumlik kann sich noch schnell in Pose werfen und wenig protestieren. Ganz formlos und kurz vor dem Urlaub.



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