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Klaras Sicht der Dinge Der König von Berlin

Der Königsmord hat nicht stattgefunden. König Kohl lebt. Und was, fragen die Retromonarchisten, machen wir mit dem Schloss? Seien wir konsequent, sagt Klara, bauen wir's dem Patriarchen wieder auf.

Klara, konstruktiv wie sie ist, hat einen glorreichen Vorschlag. Soeben haben die ratlosen Ansager der ehemaligen preußischen Hauptstadt (auch mal der Deutschen Demokratischen Republik) alle möglichen Experten – und sogar den Plebs – dazu aufgerufen, Vorschläge zu machen, wie der halbverwaiste Schlossplatz in Zukunft zu nutzen sei. Halbverwaist, weil die Hälfte des zentralen Areals eine architektonische Brache ist, die andere aber eine historische: Die so mal genannte Republik für den Palast der Republik ist verschwundihuibuh, und nun drängt die Zeit, denn Mitte 2001 soll die moderne Ruine endlich entgiftet, asbestfrei sein.

Vermutlich wird es die ratlosen Ansager kaum interessieren, dass Klara es sehr begrüßen würde, wenn man Geschichte nicht verdrängt und folglich ihre stein- oder glasgewordenen Überbauten nicht pulverisiert. Als ob man Tabula rasa machen könnte mit der Erinnerung! Wenn man Mahnmale stehen lassen könnte, bevor man nach einer halben Ewigkeit neue aus dem Boden stampfen muss. In luziden Momenten der Historie hat man das kapiert, deswegen gibt es die traurig berühmte Gedächtniskirche zu Berlin, den traurig berühmten Kuppelkrüppel von Hiroshima oder auch die entsetzlich berühmten Überreste der Konzentrationslager in ganz Europa. Aber die Historie ist sehr arm an hellen Momenten.

Der momentane Trend hat ja einen enormen Drall zur Vertuschung und zur verzweifelten Ehrerbietung an marode Ordnungen. Und Klara will nicht von gestern sein. Der Patriarch der CDU hat seinen Herbst eigentlich längst hinter sich, die Jahrhundert-Eiche ist entlaubt, vom Blitz getroffen und verkohlt. Doch das Gesetz des Vaters - wie Psychoanalytiker die oberste wortgebende Nullnummer jeder symbolischen Ordnung nennen –, Vater Kohls ganz persönliches Gesetz also, das gilt noch. Der Königsmord ist nicht gelungen. Der König ist nicht totzukriegen.

Ergo Klaras konstruktive Schlussfolgerung: Lang lebe der König! Klara will, dass wir es endlich offen zugeben und in Steine hauen: Wir wollen die Monarchie wieder haben! Wir brauchen starke Männer, wir brauchen Patriarchen, wir können nicht ohne autoritäre alte Säcke, wir brauchen den Hermelinmantel der Geschichte und protzige Zepter und Ehre und auch manchmal Gnade und Gunst, in Form von liebevollen finanziellen Zuwendungen. Und deswegen muss das Stadtschloss wieder aufgebaut werden. Der Palazzo Prozzo, der geschmacklose Ballast der Republik, gehört abgerissen, und dann muss das Schloss wieder her, haargenauso wie es war, jedes Steinchen soll zeigen, wie unser Bewusstsein funktioniert. Und wir sind der Mörtel im Bau, nicht der Sand im Getriebe.

Bis das Stadtschloss wieder steht - es könnte eine Weile dauern, denn die Fürsten der Berliner Bau- und Finanzimperien müssen erst noch den Flughafen, den Alexanderplatz und die Brandenburger Sommerfrischeresidenzen unter sich aufteilen. Bis wir also unsere geliebte Königsresidenz wieder haben, sollten wir den ewigen Monarchen verschicken. Zum Beispiel nach Chile, da wächst das Gras recht gut. Und dann, wenn alles alles vergessen ist, dann darf Helmut Kohl mit seinem Hofstaat ins Berliner Schloss einziehen. Die umstehenden Ministerien und Reichsbundestage und all den demokratischen Krempel, können wir ganz einfach in die Luft sprengen. Oder, Klara ist ja konstruktiv, wir machen daraus Einkaufspassagen, Luxusmalls und andere aufregende Erlebniswelten.

Und dann lassen wir das Schloss, den Kohl, den Koch und alle Hofchargen in einen tiefen Schlaf fallen. Dornröschenschlaf. Hundert Jahre. Tausend Jahre. Und wehe, es kommt einer, der es wachküssen will. Aber das ist wirklich nur so 'ne Idee am Rande.

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