Millennium Bug Licht versengt Festplatte

Schieb mal 'ne neue Software ein, heißt es neuerdings, wenn man schlecht drauf ist. Bei manchen Menschen hat der quasireligiöse Glaube an die Programmierbarkeit des Lebens schon die Hardware durchgeschmort. Denn jetzt kommen die "Breatharianisten", die Essensverweigerer.

Von Jörg Häntzschel


Nein danke, I'm full, ich bin satt, ich mag kein Blatt, Schluß mit Monster Munch, von jetzt an weder Vogerlsalat noch Milirahmstrudel. Ich will nie mehr abspülen, nie mehr einkaufen, kaum noch schlafen und nur alle paar Monate aufs Klo - es geht, mit Prana! Morgens, mittags, abends und zwischendurch, ich will nichts anderes mehr. Das Zeug ist genial: Es fällt gratis vom Himmel und macht satt, glücklich und vielleicht sogar unsterblich, und es haut die Libido nach oben.

Ob man es flüssiges Licht nennt wie Jasmuheen, die attraktive Australierin, die es entdeckt hat, oder „Universal Cosmic Supply" wie der ernstere Dr. Buche. Spielt keine Rolle. Einfach Kühlschrank auf die Straße stellen und atmen üben nach Dr. Buche - schon fertig. Prana kommt von selbst. Jasmuheen verging der Appetit für immer, sagt sie. Seitdem lebt sie beschwerdefrei von Licht und Liebe. Nicht einmal das kleinste Schlückchen Wasser fand, sagt sie, seitdem den Weg in ihren Mund. Sie benützt ihn nur noch dazu, die in ihren Büchern "Living On Light" und "In Resonance" erläuterten Vorteile der Lichternährung unters Volk zu bringen. Naja, und manchmal trinkt sie Tee (aber ausschließlich zwecks sozial abverlangter Geselligkeit) oder ißt ein Stück Schokolade (vermutlich nur, wenn sie einen ahnungslosen Gastgeber nicht enttäuschen möchte).

Altwerden ist eine Krankheit, die vom Essen kommt, lehrt Jasmuheen. Sterben ist eine schlechte Angewohnheit, schreibt ihr Kollege Leonard Orr. Daß wir essen und trinken, ist der jahrtausendealten Propaganda der Nahrungsmittelproduzenten geschuldet. Physiologisch gebe es dafür keinerlei Notwendigkeit. Würde die Menschheit sich erst einmal vom Joch des Essens befreien, so die sich Breatharianisten nennenden Essensverweigerer, wäre die wahre Glückseligkeit erreicht. Arbeit wäre kaum noch nötig, Zeit gäbe es im Überfluß, engelshafte Schönheit bliebe uns erhalten - für immer, versprechen viele Breatharianisten.

Vorschlag: Während wir noch Reste essen, könnten die Sudanesen, die eh auf dem Trockenen sitzen, schon mal Lichternährung üben!? Ganz genau, sagt Jasmuheen: "Wäre es nicht wunderbar, in Dritte-Welt-Länder zu gehen und zu sagen: Hört mal, Leute, ich weiß, ihr habt nur einmal die Woche was zu essen, aber das macht nichts, programmiert euch einfach neu!"



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