Thalia Theater Feuerwerk im Kater-Kosmos

Kleiner Rahmen, große Wirkung: Fritz Katers neues Stück brauchte nur fünf Personen und moderate Technik, um BRD und DDR konzentriert und beispielhaft abzuhandeln. Bei "We are camera/Jasonmaterial" blickte der Zuschauer sofort durch - nicht nur wegen der raffinierten Kameraführung.

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Hamburg - Die zweite Spielstätte des Hamburger Thalia Theaters in der Altonaer Gaußstraße ist klein. Rund 200 Plätze hat der Saal an diesem Abend zur Uraufführung des neuen Stückes "We are camera/Jasonmaterial" von Fritz Kater, mit dem der Autor seine viel bejubelte "Harvest"-Triologie abschloss, die er als Auftragswerk für das Thalia Theater verfasst hatte. Armin Petras (Jahrgang 1964) ist natürlich der Regisseur, der mit seinem Autoren-Alter-ego Fritz Kater eine raffiniert witzige Doppelbesetzung auf die Theaterszene losgelassen hat, die ihm viel Freiraum für Witz und Versteckspiel lässt. Ein Spiel, das allen gefällt, weil es große Dinge konzentriert, aber nicht verkleinert. Das funktioniert auf Bühnen wie in der Gaußstraße am besten. Ein bescheidener Rahmen also, den das Deutschland-Stück von Beginn an mühelos und lustvoll sprengte - und das nicht nur, weil der Theaterraum zwischen Bühne und Publikum redlich geteilt war.

Recht so, denn die Geschichte vom Wissenschaftler Ernst, der zu Sylvester 1969 mit seiner Frau Paula und zwei Kindern, Mirco und Sonja, über Finnland in die DDR reist, braucht schon einen cinemascopischen Raum, der sich vor den Zuschauern kinomäßig auffächert. Ernst ist Spion und liefert Dinge, hinter denen auch andere her sind, seine Kinder und seine Frau haben nicht viel mit seinen Ambitionen am Hut, wollen weder nach Finnland noch in die DDR. Kein glorreicher Held wie Jason auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, aber eben auf dem Weg - "Jason-Material", bestenfalls. Eine fünfte Figur kreist in wechselnden Personifikationen um das Familien- und Filmszenario. Agentenstory, Melodram, Komödienstoff, alles ist in "We are camera", und die Kamera ist der stumme Kommentator von fast allem, was auf der Bühne geschieht. Sei es der rohe und laute Streit der Eheleute, sei es die schnelle Kopulation von Paula mit dem Hotelpagen, der selber Spion ist, immer ist das Auge der Distanz präsent. Wir sehen durch die Kamera, das Publikum und die Akteure. Sie spielen, und sie zeigen, wie sie spielen. Das hört sich nach Brecht an, ist aber Kater pur.

Schnelle Schnitte, harte Gegensätze

Und Kater bedient sich gern und oft der Filmseh-Gewohnheiten des Publikums. Schnelle Schnitte, harte Gegensätze, viel stimmungsfördernde Musik. Natürlich reißen in Szenen, die Ende der Siebzigerjahre spielen, die Sex Pistols die emotionalen Kratzwunden, und es ist natürlich Sid Vicious' "My Way"-Version, die am Knast- und Alkohol-Ende von Ernst den Kommentar abgibt. Dazwischen wechseln mit Miles Davis' "All Blues" und Verletzungsballaden vom schon alten Johnny Cash die Szenen und Situationen. Hoch emotional, aber dennoch nur eine grundierte Fläche für das Ensemble, das für die wahren Wunder sorgt.

Multitasking ist das Gebot des kleinen Rahmens: Alles sind mal mit der Kamera dran, füllen die rechts vom Publikum platzierte Leinwand mit Dokubildern oder launigen Zeichnungen und Skizzen, in denen Figuren und Kommentare eingeschoben oder einfach hinein gezeichnet werden. Retardierende Momente vor den detailliert ausgeformten Spielszenen, denn bei aller virtuosen und witzigen Technik vertraut Kater/Petras vor allem seinen Schauspielern und bietet ihnen viel Raum - Dialoge, Monologe, Körperaktion und Pantomime, ein großer Katalog an klassischer Bühnenweisheit. Und umso schöner, wenn ein Team wie das vom Thalia dies ausnutzen kann.

Seitenpfade und Haarnadelkurven

Fritzi Haberlandt, längst ein Jungstar eigener Ordnung, ist ein Wunder. Sie spielt die Tochter Sonja, mal fünf Jahre, mal fünfundzwanzig, Kind, Schwangere, verletzt und vergrätzt, ein extrovertierter Bilderbogen an Schauspielerei. Fritz Katers Weg zum "Volksstück" windet sich natürlich auf Seitenpfaden und durch gewagte Haarnadelkurven, doch die Schauspieler dürfen das Steuer in der Hand halten. Sonjas Bruder Mirco, gespielte von Hans Löw, agiert zurückhaltend und perfekt ergänzend zu Haberlandts beinahe entrücktem Spiel, dennoch pointiert, komisch, schlaksig verdreht. Fritzi Haberlandt kennt sich in Katers Kosmos bestens aus, sie spielte in den beiden ersten Stücken der Heimat-Triologie ("Fight City.Veneta" und "zeit zu lieben zeit zu sterben") mit, Hans Löw war auch beim zweiten Teil dabei.

Peter Moltzen und Natali Seelig umkreisen sich als Ehepaar in der Krise, mal Reality-soapmäßig schrill im TV-Zuschnitt, mal als Tragöden von Gravität und Tiefe. Nur schnell muss es gehen, denn - "we are" schließlich "camera" - der nächste Schnitt wartet schon. Gleich in vier Rollen wirbelt Stephan Johannes Richter zwischen Familienmitgliedern hin und her, er ist nicht zuletzt Gegenspieler-Spion und Rivale von Weltenwanderer Ernst.

Navigation per Leuchtanzeige

Die breite Bühne - man kann getrost sie als sechsten Akteur ansehen - kommt mit knappen, aber effizienten Mitteln aus. Sylvesterfeuerwerk mit Feuerzeugen, Schneesturm aus Zeitungschnipseln im Styroporschnee, Hotelzimmer aus Brettern, Glamour durch einen Lamettavorhang an Kleiderständern: Die Ausstatter Natascha von Steiger und Bernd Schneider sind mit ihren Ideen immer auf Texthöhe, es macht Spaß, sich auf die nächste Idee zu freuen, toll flankiert von der Beleuchtung. Durch die eigenwillige Bühnenausbreitung gewinnen die tief gestaffelten Handlungsebenen wie von selbst innere Logik und Struktur. Zur Sicherheit läuft bei allen Szenen eine Leuchtschrift mit Zeit und Ort über dem Bühnenausgang: Immer Kater-Kosmos navigiert man leicht.

Es gibt kein Entkommen, aber auch keine Konfusion. Armin Petras/Fritz Kater, der keine Lösungen, sondern nur eine Geschichte anbieten will, sagt Privates über deutsche Historie, aber die Wahrheit ist für ihn ohnehin eine persönliche Sache. Die Wahrheit der Autorenfigur Fritz Kater jedenfalls hatte einen großen Abend, nicht zuletzt wegen der exzellenten, zu Recht begeistert gefeierten Schauspieler der ersten Thalia-Garde. Aber auch, weil wiederum eine Darstellung dessen gelang, was Theater heute sein kann. Im kleinen Rahmen ein Kosmos, so winzig, so groß. Im Wortsinn wunderbar.



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