"Weiß nicht, wovon Sie sprechen": Regisseur Forman
Ob "Amadeus", "Hair" oder "Larry Flynt", ihre Filme drehen sich häufig um
Rebellen und Außenseiter des Systems.
Milos Forman: Das ist ganz natürlich, wenn man rund 40 Jahre unter totalitären Regimes
gelebt hat - zuerst unter den Nazis und dann unter den tschechischen
Kommunisten. Ich habe immer davon geträumt, etwas Rebellisches zu tun, aber
ich hatte nicht den Mut dazu. Also waren diejenigen, die sich trauten, meine
Helden.
SPIEGEL ONLINE: Nach der russischen Invasion 1968 schafften sie den Absprung in die USA.
Regisseurskollege Ivan Passer, der mit ihnen kam, konnte sich nicht so
erfolgreich durchsetzen. Warum hatten Sie die Nase vorn?
Milos Forman: Eigentlich hatte Ivan mehr Talent. Aber er konnte einfach seine Zeit nicht
organisieren. Wenn du in der Tschechoslowakei 80 Minuten zu spät zum Set
kamst, wartete jeder geduldig. Wenn du in den USA nicht Punkt acht Uhr
antanzt, feuert dich der Produzent.
SPIEGEL ONLINE: Grundlage Ihrer US-Erfolge war also das bessere Zeitmanagement?
Milos Forman: So könnte man das sagen.
SPIEGEL ONLINE: Mit ihren letzten Filmen fanden Sie indes kein so großes Publikum mehr.
Milos Forman: "Der Mondmann" zeigte einfach nicht mehr den Jim Carrey mit komischen
Grimassen, den die Leute erwartet hatten.
SPIEGEL ONLINE: Selbst ein Star bewahrt nicht vor Misserfolgen?
Milos Forman: Stars sind für einen Film nicht wichtig, nur die richtige Besetzung. Aber
beim "Mondmann" gab es noch ein anderes Problem. Das Ganze war eine
Tragikomödie, und speziell das US-Publikum hat seine Schwierigkeiten, wenn
es ambivalent zugeht. Es mag Schwarzweißmalerei, aber mit grauen
Schattierungen hat es so seine Probleme.
SPIEGEL ONLINE: "Larry Flynt" hatte wohl auch zu viele solcher Schattierungen?
Milos Forman: "Larry Flynt" war ein Opfer dieser bösartigen und lächerlichen
Boykottkampagne. Ich hatte Feministinnen bis dahin immer für liberal und
progressiv gehalten, und dann attackieren sie meinen Film wegen angeblicher
Verherrlichung von Pornografie. Genauso könnte man Shakespeare vorwerfen,
er würde mit "Romeo und Julia" Werbung für den Teenager-Selbstmord machen.
SPIEGEL ONLINE: Shakespeare brauchte für seine Arbeit immerhin weniger Geld. Kriegen Sie
nach den letzten Flops noch die Budgets, die Sie wollen?
Milos Forman: Für "Mondmann" hat man mir 56 Millionen Dollar gegeben, also die
Durchschnittskosten eines Hollywood-Films. Aber ich brauche nicht antanzen
und 100 Millionen verlangen. Dazu müsste ich vorher so etwas wie "Titanic"
drehen.
SPIEGEL ONLINE: Gilt Ihr Name noch etwas bei der neuen Generation der Film-Manager?
Milos Forman: Doch, doch. Aber sie heuern dich nur für ein Projekt an, wenn sie das
Gefühl haben, dass du der Richtige bist.
SPIEGEL ONLINE: Noch stehen die Türen für Milos Forman offen?
Milos Forman: Sie müssen ja nicht immer zu den Studios gehen, wenn Sie ein Projekt machen
wollen. Es gibt viele unabhängige Produktionsfirmen, bei denen Sie
anklopfen können, und irgendeine Tür geht immer auf.
SPIEGEL ONLINE: In der Filmästhetik wird eine härtere und schnellere Gangart eingeschlagen.
Fühlen Sie sich noch auf der Höhe der Zeit?
Milos Forman: Diese Ästhetik hängt vor allem mit dem Fortschritt bei der
Schnitttechnologie zusammen, und nachdem ich den nicht stoppen kann, muss ich mich darauf
einstellen. Als ich zum ersten Mal an einem digitalen Schneidetisch saß,
war ich total nervös: Ich hatte das Filmmaterial nicht physisch vor mir; es gab
nichts, was ich berühren konnte. Aber als ich mich nach zwei, drei Wochen
daran gewöhnt hatte, war ich sehr glücklich. Allerdings ist diese
Technologie auch gefährlich.
SPIEGEL ONLINE: Gefährlich inwiefern?
Milos Forman: Ich könnte jetzt einen Film innerhalb von wenigen Wochen schneiden, aber
ich muss dazu einen geistigen Abstand entwickeln. Ich muss Zeit haben, um mich
über mein eigenes Material ärgern können: Nur so kriege ich die notwendige
Objektivität und nehme das Material heraus, das den Fluss der Geschichte
behindert.
SPIEGEL ONLINE: Filmemacher entdecken zunehmend das Internet als Medium fürs
Geschichtenerzählen. Sie auch?
Milos Forman: Ich bin ein völliger Idiot, was das Internet angeht. Offen gestanden, ich
weiß nicht einmal, wovon Sie genau sprechen.
Das Interview führte Rüdiger Sturm
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