"Billy Elliot" ist so typisch englisch wie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", aber am stärksten verwandt mit "Ganz oder gar nicht" ("The Full Monty"), dem Film über die Bergarbeiter, die sich zum Männer-Strip entschließen. "Billy Elliot" erzählt die Geschichte eines elfjährigen Jungen aus dem nordostenglischen Bergbaugebiet von Durham, der Tänzer werden will. Der britische Nachwuchs-Schauspieler Jamie Bell, 14, trägt in der Haupt- und Titelrolle die schwerste Last des Films - trotzdem spielt er nicht nur beeindruckend gut, sondern tanzt noch dazu. Naiv zwar, aber voll erkennbaren Talents.
Drehbuchautor Lee Hall hat die Geschichte vor dem Hintergrund der Bergarbeiterstreiks von 1984 angesiedelt, als Premierministerin Margaret Thatcher mit massivem Polizeieinsatz die Macht der Gewerkschaften brach. Der Billys Vater (Gary Lewis) ist ganz entsetzt, als er merkt, dass sein Sohn nicht mehr zum Boxunterricht geht, sondern bei den Mädchen der Ballettklasse mittanzt. "Jungs tanzen nicht" und "Du bist doch nicht homosexuell?" sind die Reaktionen seiner Familie und seiner Umwelt auf die ungewöhnliche Leidenschaft des schmalbrüstigen Jungen.
Es beginnt mit Billys ersten Hüpfern in der Wohnküchenatmosphäre der Bergarbeitersiedlung, es endet mit einem hohen Sprung des muskulösen erwachsenen Balletttänzers auf die Bühne des Royal Opera House am Covent Garden in London - dazwischen liegt die beinahe zu Tränen rührende Geschichte des Billy Elliot, der von seinem Traum vom Tanzen einfach nicht abzubringen ist. Vom klassischen Ballett hat er keine Ahnung, eher reizt ihn der freche Stepptanz von Fred Astaire im Fernsehen.
Regisseur Stephen Daldry hat sich bemüht, die Atmosphäre des Englands der Thatcher-Jahre einzufangen, ohne in einem depressiven Film zu enden. Das ist ihm gelungen - und eine Reihe großartiger Szenen noch dazu: Beispielsweise wenn der Vater als Streikbrecher an seinem ältesten Sohn (und Streikposten) vorbeifährt, um das Geld für Billys Ballettunterricht zu verdienen. Oder als Vater Elliot und Billy zum ersten Mal nach London fahren und der Vater auf die Frage des Sohnes, ob er denn noch nie in London gewesen sei, antwortet: "Nein. Es gibt da keine Bergwerke."
"Billy Elliot" ist auch ein Film über die englische Klassengesellschaft. Beim Vortanzen, als es um die Aufnahme in das Ballett-Internat der Königlichen Oper geht, treffen gegensätzliche Gesellschaftsschichten aufeinander. Nur gut, dass Billy die Prüfer doch noch überzeugt, obwohl es zunächst gar nicht gut für ihn aussieht. Doch die Botschaft des Films ist: Du kannst alles erreichen, wenn Du es nur wirklich willst. Auch wenn die Überwindung der Klassengegensätze für deutsche Zuschauer weniger spektakulär sein mag als für englische: Ein schöner, bewegender und großer Film ist hier entstanden, der in Erinnerung bleiben wird.
Dieter Ebeling, dpa
"Billy Elliot" ("Billy Elliot - I Will Dance"). GB 2000; Regie: Stephen Daldry; Drehbuch: Lee Hall; Darsteller: Jamie Bell, Gary Lewis, Jean Heywood, Jamie Draven, Julie Walters; Länge: 110 Min.; Verleih: UIP; Start: 30. November 2000
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH