Von Nina Rehfeld
Spionage-Autor Le Carré: "Ich war als Kind glücklicherweise völlig vereinsamt"
Herr Le Carré, mit dem "Schneider von Panama" ist Ihr inzwischen sechster Roman verfilmt worden. Können Filme Ihren Romanen überhaupt gerecht werden?
John Le Carré: Man muss aus einer Kuh eine Bouillonpille machen. Bei der Verfilmung eines Romans gilt es, mit maximaler Flexibilität minimalen Inhalt zu beschreiben. Für mich kommt die große Freude in dem Augenblick, in dem ein Film wirklich Film wird und allen Respekt für das Buch zum Fenster hinausschmeißt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie manchmal Schauspieler vor Augen, wenn Sie Ihre Figuren konzipieren?
Le Carré: Wenn man einen Schauspieler wählt, ist das immer eine Reduktion des Charakters. Als Flaubert "Madame Bovary" schrieb, untersagte er seinem Verleger, ein Bild Madame Bovarys auf den Umschlag zu drucken. Er sagte: Solange es kein Bild gibt, hat jeder Leser eine eigene Vorstellung von der Figur. Insofern ist die Reduzierung einer Figur durch einen Schauspieler immer ein bisschen enttäuschend.
SPIEGEL ONLINE: Wer war die perfekteste Annäherung an eine Ihrer Figuren?
Le Carré: Das war Alec Guinness als George Smiley. Im "Schneider von Panama" ist das Verhältnis zwischen dem boshaften Osnard und dem Phantasten Pendel sehr gut gelungen. Bildlich weniger. Für mich ist Andy Osnard dicker, grober, nicht so schön wie Pierce Brosnan.
SPIEGEL ONLINE: Amüsanterweise darf Brosnan sein 007-Image hier lustvoll überzeichnen. War es Ihnen ein heimliches Vergnügen, die Kultfigur Ihres Schriftsteller-Kollegen Ian Fleming zum Brandstifter zu machen?
Le Carré: Osnard ist vielleicht ein Brandstifter, aber auch ein Instrument der Machthaber. Flemings Spion war ein Managertyp, der freie Hand hatte, der alle Frauen verführen und jeden töten durfte und keine moralische Konsequenzen zu fürchten hatte. Ich habe versucht, den Spionageroman auf den moralischen Schauplatz zurückzubringen. Ich habe nicht mehr für den Helden in uns geschrieben, sondern für das Opfer.
SPIEGEL ONLINE: "Der Schneider von Panama" ist Ihr erster ideologiefreier Roman. Ist es nach Ende des Kalten Krieges schwierig geworden, Spionagethriller zu schreiben?
Le Carré: Wenn die Politiker nicht mehr lügen, wenn es keine Konflikte mehr gibt, wenn die Nationen ihren Ehrgeiz verlieren, erst dann gibt es keine Spionagegeschichten mehr. Ich muss aber sagen, dass ich vom Ausgang des Kalten Krieges sehr enttäuscht bin. Ich hatte gehofft, es gäbe einen Augenblick in der Geschichte, an dem wir die Welt tatsächlich umformen könnten. Stattdessen sind wir sehr materialistisch geworden, sehr isoliert in unserem Denken.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange im Auswärtigen Amt gearbeitet. Wie viel Ihrer Kreativität beruht auf Ihren Erfahrungen in der Welt der Spionage?
Le Carré: Sie beruht auf der Lust am Fabulieren. Ich war als Kind glücklicherweise völlig vereinsamt. Meine Mutter verschwand, als ich fünf war. Mein Vater war Gelegenheitsgauner und dauernd im Gefängnis. Die Welt war für mich also ein gefährlicher Ort und Erwachsene waren gefährliche Leute. In dieser Einsamkeit habe ich eine große Fantasie entwickelt. Graham Greene sagte einmal, die Jugend sei die Kreditbilanz eines Schriftstellers. In dieser Hinsicht bin ich wohl Millionär.
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