Von Rüdiger Sturm
Mr. Blatty, jeder kennt Sie nur als Autor des "Exorzisten". Ärgert Sie das?
William Peter Blatty: Eine absurde Situation ist es schon. So als wäre ich auf dem Planeten Erde gelandet, nur mit dem Manuskript des Buches unter dem Arm. Alles was vorher war - ausgelöscht. Sogar meine Fingerabdrücke. Wer weiß noch, dass ich jahrelang vorher erfolgreich Komödien geschrieben hatte, darunter den zweiten Inspektor-Clouseau-Film, der als der beste der ganzen Serie gilt? Aber würde ich den "Exorzist" rückgängig machen? Natürlich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Vom Scherz zum Schock - eine ziemlich merkwürdige Karriere.
Blatty: Den Roman hatte ich schon seit meiner Studienzeit geplant. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich einen Satz ohne Gag schreiben konnte. Außerdem hatte ich keine Zeit. Doch Ende der Sechziger wollte keiner mehr Komödien drehen. Ich musste also den Studios beweisen, dass ich auch für ernsthafte Stoffe geeignet war.
SPIEGEL ONLINE: Danach galten Sie als Prophet des Bösen, obwohl Sie einmal Priester werden wollten.
Blatty: Ein völliges Missverständnis. Das ist Billy Grahams Schuld. Der wollte der Öffentlichkeit eintrichtern, in dem Film stecke die Macht des Satans. Aber wie haben andere Kirchenvertreter reagiert? Im "Vatican Literary Quarterly" erschien die erste glühende Besprechung des Romans. Die Zeitung der Erzdiözese New York urteilte: "Ein tief spiritueller Film". Und spricht es nicht Bände, dass der Vorsteher des Jesuitenordens von New York eine kleine Rolle übernahm?
SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Nonnen, die die Zuschauer bei der Londoner Premiere mit Weihwasser besprengten?
Blatty: Ich glaube immer noch, dass der Verleih die angeheuert hat. Es gab bloß eines, was falsch interpretiert werden konnte, und das war das ursprüngliche Ende des Films.
SPIEGEL ONLINE: Das Sie im "Director's Cut" ergänzt haben. Was war denn an der alten Version so schlimm?
Blatty: Sie war einfach deprimierend. Die Hälfte der Zuschauer glaubte, der Dämon hätte gewonnen. Selbst der damalige Chef von Warner Bros., Frank Wells, dachte das. Jetzt haben wir eine kleine Coda angefügt, die uns sagt: Es ist alles wieder gut. Gleichzeitig variieren wir damit eine frühere Szene mit dem gestorbenen Exorzisten. Auf diese Weise zeigen wir im übertragenen Sinne, dass sein Geist weiterlebt.
SPIEGEL ONLINE: Aber selbst damit hätten Sie die Ekelattacken beim damaligen Publikum nicht verhindert.
Blatty: Ich selbst erlebte nur einen Fall bei einer Pressevorführung mit. Mitten im Film stand eine junge Frau auf, die Kritikerin der "New York Times", wie sich herausstellte. Schwankend ging sie auf den Ausgang zu, die Hand am Kopf, und wie sie an mir vorbeiwankte, sagte sie immer wieder "Jesus, Jesus". Doch bei welcher Szene passierte das? Bei der Arteriografie, wenn das Blut aus Regans Nacken spritzt.
SPIEGEL ONLINE: Auch in der Darstellung des übernatürlichen Schreckens war "Der Exorzist" explizit wie selten zuvor ein Film. Was halten Sie von den Forderungen, Gewaltdarstellungen im Kino zu beschneiden?
Blatty: Nehmen Sie das Schlimmste, das im "Exorzist" geschieht. Wird es präsentiert wie etwas, das man imitieren sollte? Im Gegenteil. Jetzt sehen Sie sich einen Film wie "Scary Movie" an. Ich hab ihn mir angetan, weil ich wissen wollte, was junge Leute lustig finden. Da werden doch die schrecklichsten und obszönsten Dinge so präsentiert, als sollte man sie toll finden. So etwas muss man stoppen.
SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das Publikum am besten schocken?
Blatty: Wenn ich das wüsste. Vor 15 Jahren machte ich Columbia Vorschläge für einen Gruselfilm. Aber keiner gefiel ihnen. Stattdessen wollten sie etwas über Besessenheit. Hab ich schon gemacht, sagte ich. Dann machen Sie es noch mal, sagten sie. Unsere Umfragen zeigen, dass die Leute das wollen. Ich konnte es nicht glauben.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Teufel und Dämonen so gern gesehene Schurken?
Blatty: Wahrscheinlich weil wir fürchten, dass wir mit dem Tod völlig ausgelöscht werden. Und wenn es Geister gibt, dann beweist das, dass auch nach dem Leben noch weitere Dimensionen existieren. Also: Besser böse Geister als gar keine.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH