Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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09.05.2001
 

"It's Showtime" von Spike Lee

Tanz auf dem Vulkan

Von Oliver Hüttmann

Kann Satire den Rassismus überwinden? Spike Lees Film "It's Showtime" zeigt die Widersprüche in der afroamerikanischen Identität auf und führt einen deftig-galligen Rundumschlag gegen die weiße Film- und Fernsehbranche und heuchlerische Toleranz.

Eine Satire, die einen allgemeingültigen Konsens voranstellt, hat sich fast schon neutralisiert. Denn so nimmt Spike Lee dem Stachel, den er in "It's Showtime" mit Klischees, scharfem Spott, Vorurteilen und Dialogen mit Doppelsinn über den latenten Rassismus in den Medien bis zum Irrwitz famos anspitzt, den kathartischen Schmerz. Als wollte er vorbeugen: Ich musste das mal loswerden, will aber niemandem weh tun,­ es ist nur Satire.

"New Millennium Minstrel Show": Stepptänzer Womack (Tommy Davidson, links) und TV-Schreiber Pierre Delacroix (Damon Wayans)
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AP

"New Millennium Minstrel Show": Stepptänzer Womack (Tommy Davidson, links) und TV-Schreiber Pierre Delacroix (Damon Wayans)

Bislang hatte der schwarze Filmemacher solche Diplomatie nicht nötig. Allerdings ist er auch noch nie mit so deftiger Ironie vorgegangen wie bei "It's Showtime". Es ist ein ungewohntes Terrain für Lee, der seit mehr als einem Jahrzehnt mit mahnender, manchmal moralinsaurer Ernsthaftigkeit dem amerikanischen Alltagsrassismus nachspürt und dabei immer wieder die Unterschiede zwischen schwarzer (Lebens-)Kultur und dem weißen Establishment formuliert.

Das über Jahrhunderte gewachsene Dilemma zwischen Schwarz und Weiß und Schwarzen untereinander beleuchtet Lee nun mit einem grellen Rundumschlag, für den er tief in die amerikanische Geschichte zurückgreift. Sein tragischer Held ist Pierre Delacroix (Damon Wayans), als affektierter Harvard-Absolvent ein angepasster afroamerikanischer Aufsteiger und der einzige Autor bei einem TV-Sender. Dessen Quoten sind im Keller, auch Delacroix' letztes Format ist gefloppt. Und sein Boss Dunwitty (Michael Rapaport) droht damit, ihn zu feuern. Der überdrehte Phrasendrescher ist eine Witzfigur für jene Weißen, die Muhammed Ali und Kareem Abdul-Jabbar bewundern, eine Schwarze geheiratet und "Mischlingskinder" haben. "Brüder, ich bin schwärzer als ihr", dröhnt er und meint dann zu Delacroix: "Vergiss den Arsch Spike Lee. Tarantino hat Recht: Nigger ist nur ein Wort. Warum soll ich es nicht benutzen?"

"Uramerikanischen Unterhaltungstradition" als Inspiration

In der Nacht hat Delacroix dann eine zünde(l)nde Idee, inspiriert von einer "uramerikanischen Unterhaltungstradition", der so genannten "Minstrel-Show". Die hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, wo Weiße sich mit verbranntem Kork die Gesichter schwärzten und als "Black-Faces" zu Tanz und Musik in Sketchen die schwarzen Sklaven als faule Hühnerdiebe, dumme Kannibalen und fette Mamis darstellten. Es ist ein verdrängtes und hier zu Lande kaum bekanntes Kapitel, das sich später auch in Hollywood-Filmen fortsetzte, die schon lange nicht mehr gezeigt werden. Heute, daran lässt Lee keinen Zweifel, machen sich Eddie Murphy, Whoopie Goldberg, Martin Lawrence oder Will Smith zur Belustigung für ein überwiegend weißes Publikum devot zu Trotteln.

Für seine "New Milennium Minstrel Show" heuert Delacroix zwei Obdachlose an, den Stepptänzer Manray (Savion Glover) und seinen geschwätzigen Kumpel Womack (Tommy Davidson), die ihn ständig um einen Job angebettelt haben. Ihre Eigenschaften entsprechen bereits ganz dem Klischee vom Schwarzen, wie es nicht nur in den Minstrel-Shows vermittelt wird. Wie sehr sie sich aber prostituieren, zeigt Lee, wenn Manray auf dem Schreibtisch vortanzt und Dunwitty dabei aufgekratzt in seinem Stuhl umherrutscht, als verfolge er einen Lap-Dance. Delacroix nennt sie Mantan und Sleep'n'Eat und stattet sie mit ulkigen Klamotten aus. Vor der Kulisse eine Baumwollplantage und neben einer Kapelle namens Alabama Veranda Affen betreiben sie mit zotigen Sprüchen dann rassistische Selbstgeißelung.


Quicktime: Der Trailer zu "It's Showtime" (6,7 MB)

Spike Lee bietet dazu ein Repertoire an Schimpfwörtern auf, bei denen so mancher liberale Bürger sich schon beim Hören auf die Zunge beißen wird, etwa wenn Melonen als "Neger-Äpfel" bezeichnet werden. Die Sendung wird ein Hit, das Publikum johlt befreit und bekennt mit geschwärzten Gesichtern, es sei "geil", ein Black-Face zu sein.

Kann Satire "die Wunden des Rassismus heilen", wie Delacroix glaubt? Harald Schmidt hat so lange Witze über Polen gemacht, bis es niemanden mehr kümmerte. Heute scheint der Polen-Witz an sich ausgestorben. Das ist letztlich natürlich zu kurz gedacht. Aber Lee fordert das Ende eines heuchlerischen Liberalismus, weil er anerzogen scheint und mehr unter den Teppich kehrt als wirkliches Verständnis schafft. Radikalität bietet er allerdings auch nicht als Lösung an. Die personifiziert er in der Figur des Rappers Julius aka Big Blak (verkörpert vom Rapper Mos Def), Bruder von Delacoix' Assistentin Sloan (Jada Pinkett-Smith, die Frau von Will Smith). Der will Manray erschießen, weil er Afrika verrate, und wirft Sloan vor, sie würde "Karriere als Haussklave auf der Plantage des weißen Mannes" machen.

Weiße Neger in "Hillnigger"-Klamotten

So attackiert Lee auch die Gangsta-Rapper als moderne Minstrel-Entertainer. Statt zornig schwarzes Selbstbewusstsein zu demonstrieren, wie sie behaupten, würden sie nur ein weiteres Klischee sanktionieren, nämlich das Schwarze eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen; und sich am liebsten gegenseitig umlegen. Gleichzeitig hat HipHop für Lee erreicht, das sich schwarze Kultur als Blackface-Imitation in der ganzen Welt verbreitet, indem sich Jugendlich mit Tommy-Hillfiger-Klamotten (hier Timmy Hillnigger genannt) für weiße Neger halten können.

Lees Polemik funktioniert auf vielen Ebenen, schont niemanden und macht sich damit angreifbar. So wurde "It's Showtime" in Amerika auch von Schwarzen ebenso als "konfus" und "schizophren" wie "selbstgerecht" und "Vorschlaghammer-Satire" bezeichnet. Alles stimmt, nichts ist eindeutig richtig. "It's Showtime" ist ein Tanz auf dem Vulkan, der in einer Tragödie endet. Die Widersprüche sind zu groß. So bekennt sich Spike Lee gerade bei dieser galligen Satire als gescheiterter Utopist. "Denk daran, bring sie zum Lachen", sagt Delacroix' Vater. "Dann lassen sie dich leben."

"Bamboozled" ("It¹s Showtime"), USA 2000. Regie: Spike Lee; Drehbuch: Spike Lee; Darsteller: Damon Wayans, Savion Glover, Jada Pinkett-Smith, Tommy Davidson, Michael Rapaport; Länge: 135 Minuten: Verleih: Arthaus; Start: 10. Mai 2001.

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