Von Thomas Hüetlin
Mal von afrikanischen Diktatoren und russischen Mafiosi abgesehen, die sich das nicht leisten können, weil so ein Ding mehr als acht Milliarden Mark kostet und ihnen keine Großmacht eins leihweise überlässt, gibt es wahrscheinlich nicht viele Leute, die davon träumen, eine Party auf einem Flugzeugträger zu feiern, der von zwei Atomreaktoren angetrieben wird. Aber der Hollywood-Produzent Jerry Bruckheimer ist so jemand.
Klein, schmal und schüchtern, wie einer von den Jungs, die an amerikanischen Schulen gern verdroschen werden, praktiziert Bruckheimer nun schon seit Jahrzehnten den überaus erfolgreichen Glauben, das Leben sei nur Dreck wert, wenn es nicht auf XXXXL-Größe hochgepumpt würde. "Bigger is better", mit diesem Mantra erkor er sich zum Herrscher des modernen Popcorn- und Action-Kinos.
Deshalb war es kein Wunder, dass allein der rote Teppich vor dem Kriegsschiff fast einen halben Kilometer lang war. Für Veteranen und Damen mit hohen Absätzen - geladen war unter anderem die Popdiva Courtney Love - ein Problem. Aber Bruckheimer hatte für dieses Malheur Golfwägelchen aufgestellt. Die Gäste, die er zur Premiere seines Films "Pearl Harbor" in den gleichnamigen Militärhafen nach Hawaii geladen hatte, sollten nicht vor dem Schiff zusammenbrechen.
Natürlich galt auch für die Gästeliste: XXXXL. Nicht einer, sondern möglichst alle lebenden US-Präsidenten sollten kommen, aber als die Sonne im Pazifik versank, die amerikanische Schlagersängerin Faith Hill mit nachtschwarzen Düsenjägern um die Wette lärmte und noch nicht einmal der Navy-Rentner George Bush Sr. in die Menge winkte, war klar, dass es nichts werden würde mit Bruckheimers Gipfeltreffen von Pop und Politik. Außer den Kapitänen des mitveranstaltenden Disney-Konzerns und der Navy war nur einer angetreten, vor dem wenigstens die Dampferbesatzung strammstand. Ein Mann namens William Cohen. Schlecht frisiert und früher, woran sich die wenigsten erinnern, mal US-Verteidigungsminister.
Es half nicht wirklich, das Problem nach Art des Hauses zu lösen. Es ist Tradition bei Inszenierungen der Firma Bruckheimer, bei mangelhaften Besetzungslisten und holpriger Dramaturgie die Flucht nach vorn anzutreten und aufs Tempo zu drücken, bis die Zuschauer - vor Adrenalin schwitzend - die weiße Fahne schwenken.
Im Fall der "Pearl Harbor"-Party bedeutete dies: erst 182 Minuten lang dem Filmgetöse von Maschinengewehren, Bomben und Torpedos aus dem Zweiten Weltkrieg lauschen, dann einem Feuerwerk, welches die Eiswürfel im Pepsi-Glas zittern ließ.
So viel Rauch hatte der Hafen, auf dessen Grund, eingeschlossen in das Schlachtschiff "USS Arizona", noch immer die Überreste von 1102 Menschen liegen, seit dem Überfall der Japaner am 7. Dezember 1941 nicht mehr gesehen. Alles natürlich nicht als Werbung für den mit über 300 Millionen Mark teuersten Film des Jahres, sondern zum Andenken an die Opfer und Überlebenden, die glücklich grinsend, Blumenketten um den Hals, in Rollstühlen übers Deck geschoben wurden: Micky-Mäuse auf Rädern.
Schön, dass in Amerika außer Geld und Playmates jetzt auch Kriegsveteranen als sexy Party-Accessoires gelten. Alt ist das neue Jung - vorausgesetzt, es hat in einem der großen Kriege im letzten Jahrhundert nicht bloß in irgendeiner Schreibstube herumgesessen.
Das geht ja nun schon ein paar Jahre. Mit nicht enden wollender Begeisterung hat sich Amerika auf der Suche nach den Fundamenten seiner Seele der Kriegsgeneration zugewandt - jenen Leuten, die nicht viel zu lachen, dafür eine Menge zu erleiden hatten und deren Leistung die USA erst zur Supermacht aufsteigen ließen.
Der Erste Weltkrieg, dann die Weltwirtschaftskrise, dann die Große Depression, dann der Zweite Weltkrieg: Immer wieder galt es, die Welt und die Freiheit zu retten vor den Diktatoren in Japan und Europa. "The Greatest Generation" hat der Fernsehjournalist Tom Brokaw diese Leute in seinem gleichnamigen Bestseller geadelt. Eine Generation, die noch klare Werte hatte. Das Land, die Familie, der Job. Genau in dieser Reihenfolge. Wenn diese Werte bedroht waren, hieß es: Widerstand leisten - und notfalls mit dem höchsten Preis bezahlen, dem eigenen Leben.
"In wenigen Monaten", schreibt Brokaw, "verwandelten sich die USA von einem friedlichen, fast pazifistischen Staat in eine Kriegsnation, deren Ziel es war, die Deutschen und die Japaner zur bedingungslosen Aufgabe zu zwingen. Heiratspläne wurden beschleunigt; Brüder und Freunde beeilten sich beim Einschreiben, um in eine gemeinsame Einheit zu kommen; College-Kids versuchten, schneller ihre Prüfung abzulegen." Aus Einzelnen wurde ein Land, in dem jeder das tat, was in der amerikanischen Mythologie ganz oben angesiedelt ist - "the right thing".
Natürlich gab es auch andere. Leute, die sich drückten oder bereicherten, es gab auch in der Armee noch immer die Diskriminierung Farbiger, trotzdem hat Brokaw wohl Recht: An Entschlossenheit, Mut und Opferbereitschaft kann es keine der folgenden Generationen mit der "größten" aufnehmen.
Das ist der Vorteil von klaren Konflikten, klaren Hierarchien und klaren Feindbildern, und schon deshalb strahlt die Kriegsgeneration besonders stark, je komplexer und unübersichtlicher die Zeiten werden. Als "the last good war" wird der Zweite Weltkrieg verklärt, "the big one" - der letzte Krieg, wo man noch das Recht hundertprozentig auf seiner Seite wusste. Kein Dschungelkrieg wie in Vietnam, wo GIs im Drogenrausch gegen unsichtbare Vietcong kämpften; kein Computerbildschirmkrieg gegen Saddam, dem man vorher noch Waffen geliefert hatte; kein Ehekrieg; kein Arbeitskrieg; keine Familientherapie. "The big one" - der Krieg als Sinnsuchmaschine.
Bei so viel Begeisterung und Sehnsucht gibt es natürlich auch einen gigantischen Markt. Bis vor drei Jahren Steven Spielberg mit "Der Soldat James Ryan" einen seiner künstlerisch und kommerziell erfolgreichsten Filme herausbrachte, galt das Kriegsfilmgenre als unpopulär und ökonomisch tot. Nun ist alles anders. Hollywood produziert teure Martialwerke mit Nicolas Cage und Bruce Willis, in den Buchhandlungen biegen sich die Tische unter Kriegsmemoiren. Jeder, der noch kann, macht sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Auch Jerry Bruckheimer und "Pearl Harbor".
Es ist der Versuch, mit abzukassieren im patriotischen Geschmetter und selbst emporgehoben zu werden in den goldenen Glanz dieser Zeit. Mehr als zwölf Milliarden Dollar hat Bruckheimer bislang mit Filmen wie "Flashdance", "Top Gun", "Beverly Hills Cop" und "Enemy of the State" umgesetzt; er hat Stars wie Eddie Murphy, Tom Cruise, Will Smith und Ben Affleck in den Kinohimmel katapultiert; und sein wichtigstes Verdienst: Er hat durchgesetzt, dass er als Produzent die Nummer eins auf dem Filmset ist, der Kontrolleur. Schreiber und Regisseur müssen ihn bedienen wie Hotelangestellte. Allein für einen Film wie "Beverly Hills Cop" ließ er 37 Drehbuchversionen anfertigen. "Eine große Idee", pflegte Don Simpson, der vor fünf Jahren an Drogen- und Alkoholmissbrauch gestorbene Partner von Bruckheimer, zu sagen, "hat auf der Rückseite einer Streichholzschachtel Platz."
Es müssen einige Streichholzschachteln zusammengekommen sein in der Karriere von Jerry Bruckheimer, aber wenn er - der auf die 60 zugeht, doch sein Alter ängstlich verschweigt - zurückblickt, dann sind da zwar ein Haufen Geld, eine Garage voller Rennautos, ein persönlicher Fitness-Trainer und ein Arbeitstag, der morgens früh beginnt und selten vor zehn Uhr abends endet. Nur: In jener Nacht Ende März, in der die Oscars vergeben werden, erlebt Bruckheimer regelmäßig den Tiefpunkt des Jahres.
In solchen Momenten dämmert ihm, dass er vielen in der Branche nur als besserer Sprengmeister gilt, der "Master of Desaster", wie er überall genannt wird. Er, der die Multiplexe weltweit beherrscht; er, der über 30 Filme produziert hat, muss damit leben, dass genau zwei seiner Werke von diesen Geschmacksbonzen der Oscar-Akademie ausgezeichnet wurden: für den besten Song. "Wenn die Meinung der Kritiker wirklich etwas zählen würde", sagt Bruckheimer, "wäre ich schon längst bankrott."
Er hat noch eine Rechnung offen in Hollywood, und mit "Pearl Harbor" ist er gekommen, sie zu begleichen. Vor dem Flugzeugträger, wo die Disney-Angestellten in bunten Hawaiihemden über den roten Teppich wanken, schreitet er im schwarzen Anzug, als besuche er einen Gottesdienst. "Es ist ein großes Epos", sagt er, "ein Film wie 'Doktor Schiwago', 'Lawrence von Arabien' oder 'Die Brücke am Kwai'."
Weitere Superlative folgen: Mit dem ehemaligen Werbefilmregisseur Michael Bay habe er "den Steven Spielberg seiner Generation" angeheuert, mit den nahezu unbekannten Schauspielern Josh Hartnett und Kate Beckinsale "zwei zukünftige Superstars".
Natürlich ist Bruckheimer nicht dumm genug, den von Marketing-Leuten in die Welt posaunten Irrsinnshype zu wiederholen, dass "Pearl Harbor" eine gelungene Mischung aus "Der Soldat James Ryan" und "Titanic" sei. Trotzdem hält er sich an diesem Glücksversprechen fest wie an einer teuren Zigarre.
Er wird es brauchen, denn obwohl "Pearl Harbor" zweifellos finanziell durchstarten wird, ist er künstlerisch eine Bruchlandung - selbst, wenn Bruckheimer diesmal für die Idee wahrscheinlich sogar zwei Streichholzschachteln hat springen lassen: Zwei befreundete Navy-Piloten aus dem Mittleren Westen verlieben sich in dieselbe wundervolle Krankenschwester, und als die Japaner über Pearl Harbor herfallen, sind die beiden Jungs die einzigen, die ihre Maschinen in die Luft bekommen und ein paar Feinde abschießen.
Das klingt gar nicht so übel. Auf jeden Fall klingt es nach großem, glamourösem Hollywood-Melodram. Was war "Casablanca" anderes als die Story eines von der Liebe enttäuschten Barbesitzers, der vorsichtig in den Tag hineinlebt, bis ihn ausgerechnet die Frau, die ihm das Herz gebrochen hat, dazu bringt, gegen die Nazis zu kämpfen? Auch Bruckheimer setzt auf diese wunderbare Freundschaft zwischen Kitsch und Geschichte, auf der großes Kino gern herumbalanciert. Nur: Er stürzt ab.
Es geht nicht mal darum, dass er seinen Drehbuchautor Randall Wallace die Geschichtsfakten bis an den Rand der Lächerlichkeit hat verbiegen lassen - nur um jenen Moment der einträchtigen Unschuld herauszudestillieren, in dem die Amerikaner von ganz oben bis ganz unten, von Präsident Roosevelt bis zum Schiffsmaschinisten, nichts ahnend erwischt wurden, als die Japaner und die Bomben kamen.
Wollte Roosevelt nicht den Kriegseintritt der USA? Hatte er nicht wenige Tage zuvor Vertraute gefragt: "Wie können wir Japan in die Position manövrieren, dass es den ersten Schuss abgibt - ohne dass wir selbst in zu große Gefahr geraten?" Wurden nicht vor dem Angriff die wertvollen Flugzeugträger aus Pearl Harbor abgezogen und nur veraltete Schlachtschiffe zurückgelassen? "Die Japaner haben nur einen Haufen alter Hardware zerstört", zitiert der Autor John Gregory Dunne einen unbekannten Admiral im "New Yorker". "Sie haben uns gewissermaßen einen Gefallen getan."
Aber, wie gesagt, darum geht es nicht. Kinokassen füllen sich nicht mit dem Geld eifriger Geschichtsstudenten, ein Oscar für historische Genauigkeit ist noch nicht erfunden, und Hollywood hat sich, wenn es die Wahl hatte zwischen faktischer Wahrheit und Legende, stets für Letzteres entschieden. Historische Genauigkeit ist in der Stadt der Träume und der Zahlen genauso viel wert wie Pünktlichkeit am Set. Und über die hat Billy Wilder schon alles Nötige gesagt. Wilder rüffelte Leute, die sich über das chronische Zuspätkommen von Marilyn Monroe aufregten, stets mit dem Satz: "Ich habe eine alte Tante in Wien, die kommt immer pünktlich - aber wer will sie auf einer Leinwand sehen?"
Ebenso wenig geht es darum, ob ein Kriegsfilm gewalttätig und blutig sein muss, der Abschreckung wegen. Zu wem es sich im 21. Jahrhundert noch nicht herumgesprochen hat, dass in Kriegen Leben systematisch ausgelöscht wird, der sollte nicht einmal mehr zur Musterung zugelassen werden. Es ist ja absolut verdienstvoll, wenn Spielberg in "Der Soldat James Ryan" die Landung in der Normandie so beklemmend authentisch inszeniert, dass nicht nur die Soldaten auf der Leinwand sich vor Angst übergeben wollen, sondern auch die Zuschauer. Doch wer will Bruckheimer den Vorwurf machen, dass er versucht, auch bei den Zwölfjährigen abzukassieren und deshalb keine abgerissenen Arme und Beine zeigt? Wahrscheinlich dieselben Leute, die sonst gegen zu viel Gewalt im Fernsehen protestieren.
Das wirklich tödliche Problem an "Pearl Harbor" ist, dass der Film wirkt wie ein 182 Minuten langer Werbespot der Konsumgüterindustrie. Man könnte alles mit ihm verkaufen: Hawaii, Sonnenbrillen, Cocktails, Hängematten, Krankenhäuser, Flugzeuge, Rasierklingen, Schuhe und Bomben. Alles hat den Atem für 30 bunte Sekunden, aber nicht den Mumm für das Erzählen einer Story.
Je mehr Bruckheimer und sein Regisseur Bay die Muskeln ihrer teuren Technik spielen lassen, desto armseliger wirkt ihr Werk. Die Explosionen und der Rauch können nicht verhüllen, was an cleverer Dramaturgie und Charakteren fehlt.
Allmählich dämmert dieses Missgeschick sogar dem Regisseur Bay. Was wie XXXXL aussehen soll, ist Kleinkunst. In Honolulu sagte Bay: "Ich mochte nicht einmal als Kind Knaller besonders. Ich weiß nur zufällig, wie man sie gut fotografiert. Aber es langweilt mich." Willkommen im Club der ADADs, der Anonymen Depressiven Art-Direktoren: Nicht die Japaner, nicht die Amerikaner, nicht die Produzenten, nicht die Schauspieler, sondern die Werbewelten von Gillette, Ray Ban, Ballantines und Levi's sind die eigentlichen Sieger von Pearl Harbor.
Allein ein Produkt kommt zu kurz: der viel beschworene Patriotismus. So wenig man Hauptdarsteller Ben Affleck die Liebe zu seinem Mädchen glaubt, so wenig glaubt man ihm die zu seinem Land. Zwar ist sein Grinsen so breit wie eine Munitionskiste, nur wird man nie den Verdacht los, dass er nicht seinem Amerika einen Dienst erweisen möchte, sondern seinem Vorgesetzten. Was sonst noch an Vaterlandsliebe im Drehbuch gestanden haben mag, ist ebenfalls verschwunden. Man wollte die Japaner nicht brüskieren. Schließlich soll der Film auch dort eine Menge Geld einspielen. Make Money, not War.
Aber Hollywood steht ohnehin auf verlorenem Posten, wenn es der amerikanischen Wirklichkeit Konkurrenz machen will und deren Anspruch auf den Pazifik als ihr Mare nostrum.
Es war in diesem Februar, als das nukleargetriebene U-Boot "Greeneville" eine Vergnügungsfahrt für reiche amerikanische Polit-Sponsoren vor der Küste von Hawaii unternahm. Die prominenten Nichtmatrosen waren aufgeregt, und sie durften spielen. Durften durch das Periskop gucken, durften an den Kontrollknöpfen drehen, durften mit dem Kapitän zu Mittag essen. Alles sehr schön. Aber der absolute Höhepunkt war, als sie den Notfall probten und in raketengleicher Geschwindigkeit auftauchten.
Dummerweise stand über ihnen genau zu diesem Zeitpunkt ein japanisches Fischereischulschiff mit Auszubildenden an Bord. Die "Greeneville" schlitzte das Schiff auf, versenkte es und tötete neun Menschen, darunter vier Schüler. Bis zum heutigen Tag hat sich das offizielle Amerika nur zu lahmen Pflichtentschuldigungen durchringen können.
Störrisches Schweigen - bis das kollektive Unbewusste doch nach außen drang. "Dieses japanische Boot war doch nur eine Art von Ford Pinto. Das U-Boot hat ein Loch hineingemacht, aber gesunken ist das Ding von selbst. Ein ganz normaler Unfall."
Der Mann, der das sagte, hört auf den Namen John Peters. Er ist ein pensionierter U-Boot-Kapitän. Wahrscheinlich auch einer von der "Greatest Generation".
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