Von Oliver Hüttmann
Vampire sind die Wiedergänger des Kinos. Keine andere Figur wurde derart häufig auf die Leinwand gebannt wie diese lichtscheuen Parasiten. Resistent gegen alle künstlerischen Katastrophen und überaus anpassungsfähig im Wandel der Zeiten, überdauerte die mythologische Gattung seit der Erfindung des Films die Jahrzehnte, in denen ihr fast alle Obsessionen und beinahe jede Paranoia der Menschen angehängt worden sind. Noch beständiger als der Western ist der Vampirfilm damit das einzige Genre, das im künstlerischen Ausdruck und im Subtext stets gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert und vom Zustand des Kinos zeugt.
E. Elias Merhige fügt der Typologie vom Blutsauger nun in "Shadow Of The Vampire" keine neue Interpretation hinzu und führt auch keine soziologisch-psychologische Analyse durch. Der Regisseur debütierte mit dem Horror-Thriller "Begotten", hat dann Theater gemacht, mehrere Musikvideos gedreht, darunter für Marilyn Mansons Song "Antichrist Superstar", und Vorlesungen über Ästhetik am Carnegie Mellon Museum und dem American Film Institute in Washington gehalten.
All diese Aktivitäten sind nun in seinen zweiten Film eingeflossen. Denn "Shadow Of The Vampire" ist eine Hommage an F. W. Murnaus expressionistischen Stummfilm "Nosferatu Eine Symphonie des Schreckens" von 1922. Steven Katz zeichnet in seinem Drehbuch die Dreharbeiten zu diesem stilistisch bis heute prägenden ersten Klassiker des Vampirfilms nach, und Merhige hat daraus ein cineastisches Referat entworfen, das geistreich und amüsant Fragen nach kreativen Realismus und dem Blutzoll für die Kunst verhandelt. Und ganz nebenbei ist sein Film im Film sehr auf der Höhe des momentanen Zitaten- und Referenz-Kinos.
Friedrich Wilhelm Murnau, den John Malkovich diszipliniert, etwas tuntig und mit fiebriger Selbstgewissheit verkörpert, will den "realistischsten Film aller Zeiten" drehen. Als Vorlage dafür dient ihm Bram Stokers "Dracula", dem heute legendären Schauerroman, der als Folie für die meisten und besten Vampirfilme benutzt wurde. Um aber nicht für die Rechte zahlen zu müssen, hat Murnau den transsilvanischen Grafen in Orlock umbenannt, während die Handlung nahezu unverändert blieb. Stokers Witwe hat später dennoch dessen Produzenten Albin Grau (hier gespielt von Udo Kier) verklagt.
Für die Hauptrolle hatte Murnau mit Max Schreck einen nahezu unbekannten Schauspieler verpflichtet, dessen furchteinflößende Darstellung noch heute gerühmt wird. Daraus hat Katz den Clou des Films entwickelt: Schreck (Willem Dafoe) ist ein echter Vampir. Nur weiß das keiner außer Murnau. Der stellt den obskuren Fremden seinem Team erst am Drehort, einem halb verfallenen Gehöft in Osteuropa, vor als "Method Actor, der von Stanislavski wurde". Um seine Rolle zu verinnerlichen, lege er Maske und Kostüm nicht ab, erklärt Murnau, und trete er auch nie bei Tageslicht auf.
Von den ersten Aufnahmen sind alle begeistert. Doch danach wird Kameramann Wolfgang Müller (Ronan Vibert) von einer mysteriösen Krankheit dahingerafft. Murnau ersetzt ihn durch Fritz Wagner (Cary Elwes) und macht unbeirrt weiter. Später erwischt es auch Drehbuchautor Henrick Galeen (John Gillet). Murnaus verzweifeltes Geständnis über Schrecks Identität kommt da allerdings zu spät. Der Film muss beendet werden. Und so wird der berühmte "Nosferatu"-Schlussakt bei Tagesanbruch im Schlafzimmer zu einem aberwitzigen Triumph der Authentizität.
Merhige ist ein kleines, etwas artifizielles Meisterwerk gelungen. Akribisch hat er die Licht- und Schattenspiele von "Nosferatu" eingefangen, indem er während Murnaus Dreharbeiten mit dem Blick durch die Kamera immer wieder vom eigentlichen Farbfilm ins Schwarzweiß der nachgestellten Originalszenen wechselt. Detailgetreu wurde auch Dafoe mit kahlem Schädel, grotesk gekrümmter Nase und dürren Fingern hergerichtet. Wenn er die Arme vor der Brust kreuzt und mit den krallenartigen Fingernägeln klappert, agiert er fast so famos wie einst Schreck, nur dass er den Grusel mit nuancierter Mimik ironisch bricht. Als sich Grau und Galeen einmal über ihn lustig machen und ihn auffordern, endlich mal die alberne Maske abzunehmen, greift der sich eine vorbeiflatternde Fledermaus und saugt sie schmatzend aus.
Die Pointen sind ohnehin das große Plus von "Shadow Of The Vampire", etwa wenn Murnau seinen schmollenden Vampir dazu verpflichtet, sich nicht an der Filmcrew zu verbeißen, und ihm dafür nach Drehende den hinreißend zarten Hals der Diva Greta (Catherine McCormack) verspricht. Eine köstliche Vorstellung ist auch, wie Murnau die Schauspieler beim Dreh anleitet und deren dumme Bemerkungen bei einem Stummfilm natürlich nicht auffallen.
Wie Forscher stehen die Filmemacher mit Laborbrillen und in weißen Kitteln am Set. Damals konnte Kino noch eine wissenschaftliche Pioniertat sein. "Wir sind dabei, etwas Bleibendes zu schaffen", sagt Murnau. Und Grau erklärt der Presse, Murnau werde einen Film drehen, der ihn "in eine Reihe mit Regisseuren wie D.W. Griffith und Sergej Eisenstein stellt". Das ist zwar ein Anachronismus, denn Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" entstand erst 1925, aber als Huldigung natürlich korrekt. E. Elias Merhige gebührt zumindest die Ehre, den ersten Vampirfilmklassiker des neuen Jahrhunderts gedreht zu haben.
"Shadow Of The Vampire". USA 2001; Regie: E. Elias Merhige; Drehbuch: Steven Katz: Darsteller: John Malkovich, Willem Dafoe, Udo Kier, Cary Elwes; Länge: 95 Minuten; Verleih: Fox; Start: 21. Juni 2001
© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH