Monsieur Jeunet, Sie sagten, sie wollten mit "Amélie" einen optimistischen Film drehen. Muss Kino die Leute glücklich machen?
Jeunet: Keinesfalls. Das ist die Denke Hollywoods. Das war auch die Herausforderung bei "Amélie": eine positive Geschichte über Großzügigkeit zu erzählen, ohne dabei klebrig-kitschig zu werden. Das Kino muss Phantasie haben. Es muss bereit sein, Risiken einzugehen.
SPIEGEL ONLINE: War denn "Amélie" ein Risiko?
Jeunet: Wir beginnen mit der eigentlichen Geschichte des Films erst nach 20 Minuten. Das war ganz schön gefährlich. Die ursprüngliche Produktionsfirma hat sich geweigert, den Film zu finanzieren, nachdem das Drehbuch fertig war. Sie glaubte, kein Mensch im Ausland würde sich dafür interessieren.
SPIEGEL ONLINE: Auch die Festivalleitung von Cannes hat ihren Film abgelehnt.
Jeunet: Sie sagten, das wäre kein Thema für Jeunet. Aber wir waren sogar ganz glücklich darüber. 1995 war "Stadt der verlorenen Kinder" der Eröffnungsfilm, und das war ein Fehler. Cannes ist eher ein Ort für die traditionellen, realistischen Streifen des französischen Kinos. Natürlich, nach dem Riesenerfolg von "Amélie" prügelt jetzt jeder auf die Festivalchefs ein.
SPIEGEL ONLINE: Einzelne Journalisten haben auch auf Sie eingeschlagen. Serge Kaganski, Redakteur eines einflussreichen Kunstmagazins, stellte Sie in eine Reihe mit dem rechtsgerichteten Politiker Jean-Marie Le Pen, weil in ihrem Paris keine Ausländer vorkommen. Der Kritiker der "Libération" attackierte "Amélie" als "Euro-Disney goes Montmartre".
Jeunet: Es ist klar, dass Sie mit einem großen Erfolg immer auch Hass auf sich ziehen. Diese Menschen mögen die Art von Kino nicht, die ich repräsentiere. Geht auch in Ordnung. Aber mich als Faschist zu bezeichnen, ist einfach nur dumm. Andererseits: Unter 500 Kritiken waren vielleicht nur drei negative. Bei "Libération" regte man sich intern übrigens über den Verriss so sehr auf, dass sie zwei Wochen später eine große Titelgeschichte brachten.
SPIEGEL ONLINE: Womit erklären Sie sich die Begeisterungswelle, auf der "Amélie" durch Frankreich surft?
Jeunet: Die Leute mögen Einfallsreichtum und Ehrlichkeit. Und ich wollte einfach eine ehrliche, persönliche Geschichte erzählen. Aber dass es so funktionierte, war einfach ein Wunder. Das lässt sich nicht wiederholen.
SPIEGEL ONLINE: Für ihr Wunder haben Sie eine Fülle bizarrer Ideen abgefeuert. Woher nehmen Sie diese Munition?
Jeunet: Ich war als Kind sehr einsam und flüchtete mich in die Phantasie. Mit sieben oder acht Jahren habe ich versucht, Puppentheater zu machen, und drehte schon früh kleine Filme.
SPIEGEL ONLINE: Aber "Stadt der verlorenen Kinder", den sie zusammen mit ihrem "Delicatessen"-Kollegen Marc Caro drehten, funktionierte trotz aller Phantasie nicht und wurde zum künstlerischen und kommerziellen Flop.
Jeunet: Marc und ich haben da einen Fehler gemacht. Denn wir fingen an zu arbeiten, ohne eine Geschichte zu haben. Wir hatten nur eine Stimmung, die wir schaffen wollten. Bei "Amélie" war es genau umgekehrt.
SPIEGEL ONLINE: Seither haben Sie nicht mehr mit Caro zusammengearbeitet. Gab es nach dem "Stadt"-Flop Knatsch?
Jeunet: Keineswegs. Wir sind Freunde geblieben und bereiten gerade die DVD-Fassungen unserer Filme vor. Marc mag einfach keine Liebesgeschichten wie "Amélie". Ich fragte ihn auch, ob er "Alien 4" mit mir drehen wollte. Doch er hatte keine Lust, sich von einem Hollywood-Studio herumschubsen zu lassen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn von Twentieth Century Fox herumgeschubst worden?
Jeunet: Es war ein Kampf, denn das Studio wollte ständig vereinfachen und streichen, um Geld zu sparen. Und das in Hollywood! Ich musste mich hundertprozentig an das genehmigte Drehbuch halten. Trotzdem war es eine großartige Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie diese Erfahrung irgendwann einmal wiederholen?
Jeunet: Warum nicht? Ich habe sogar ein paar Angebote vorliegen. Allerdings, man weiß nie, ob ein Drehbuch nicht gleichzeitig an 50 andere Regisseure geschickt wurde. Bei "Alien 4" wusste ich, dass sie mich und keinen anderen wollten.
SPIEGEL ONLINE: Welche Art des Filmemachens ist besser: die amerikanische oder die französische?
Jeunet: Dem Publikum ist es egal, ob ein Film französisch oder amerikanisch ist. Er muss einfach gut sein. Wir dürfen nur nicht versuchen, amerikanische Filme zu kopieren. Wir müssen unsere Kultur behalten. Deshalb liegen mir meine französischen Stoffe natürlich näher als "Alien". Zum Beispiel spiele ich gerade mit dem Gedanken an einen Film über "Tim und Struppi". Außerdem hat man als Regisseur in Frankreich viel größere Freiheiten. Wenn ein amerikanischer Filmemacher nach unseren Methoden arbeiten müsste... Ich glaube, er würde sterben.
Das Interview führte Rüdiger Sturm
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