Montag, 23. November 2009

Kultur



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05.09.2001
 

Biennale

Globales Roulette der Gewalt

Von Urs Jenny

Das Filmfestival in Venedig startete mit einem aufgestockten Programm, lukrativen Preisen und fast ohne Hollywood-Glamour ­ dafür waren manche Filme, etwa aus den USA und Korea, ein Härtetest in Sachen Brutalität.

Nicole Kidman im Gespräch mit dem spanischen Regissuer Alejandro Amenabar
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REUTERS

Nicole Kidman im Gespräch mit dem spanischen Regissuer Alejandro Amenabar

Früher, als man noch an die Kunst glaubte, war es eine Sache der Ehre, an einem Filmfestival teilzunehmen. Nur die Veranstalter dachten zusätzlich vielleicht auch an die Wohltaten des Fremdenverkehrs: Die ältesten Filmfestspiele der Welt, die nächstes Jahr in Venedig ihren 70. Geburtstag feiern, sind die Erfindung eines cleveren Gastronomen, des Grafen Giuseppe Volpi, der sie zwecks Belebung der Nachsaison auf der Terrasse seines Hotelpalasts "Excelsior" auf der Lido-Insel stattfinden ließ.

Der pokalförmige Schauspielerpreis des Festivals erinnert als "Coppa Volpi" noch heute an ihn, worüber man gern vergisst, dass der gräfliche Hotelier auch ein faschistischer Kulturpolitiker von Format war.

Tempi passati: Der Aufmarsch der aufgetakelten Lokalprominenz zur Festspielpremiere ist längst eine Inszenierung für die lokalen TV-Stationen, weshalb auch kein Kulturpolitiker mehr die Rolle des Gastgebers spielt, sondern ein reifes TV-Revuegirl; und den "Excelsior"-Palast hat sich nun ein amerikanischer Konzern einverleibt. Er hat breite elektrische Drehtüren montieren lassen und damit die allseits geschätzten adretten Lakaien eingespart, die vor jedem Gast die Flügeltüren mit Schwung aufrissen.

Nur für die Ehre und einen Cocktail auf der "Excelsior"-Terrasse muss im Jahr 2001 niemand mehr in Venedig zum Filmfestival antreten. Amtlich ist es ja noch immer der "arte cinematografica" gewidmet und in den Rahmen der großen Kunst-Biennale gehoben, doch die Einsicht, dass Filmkunst besonders teuer ist, hat zu einer wundersamen, wenn nicht bedenklichen Neuschöpfung von Preisen geführt.

Neben dem traditionellen "Goldenen Löwen", um den sich dieses Jahr 20 Filme bewerben, und dem nun auch schon traditionellen Extra-"Leone d'Oro" für ein Lebenswerk hat man zwei weitere Löwen geschaffen, die nicht Gold, doch dafür Geld wert sind: den mit 100 000 Dollar ausgestatteten "Leone dell'Anno 2001", um den 21 Filme konkurrieren (auch von Regisseuren, die schon Ende 50 oder Anfang 60 sind), sowie einen ebenfalls mit 100 000 Dollar dotierten "Leone del Futuro", für den 17 Erstlingsregisseure zur Wahl stehen.

Plausibel ist diese Kategorisierung kaum, wenn man sich erinnert, dass schon öfter, zuletzt vor sieben Jahren, ein Erstlingswerk den damals noch allein herrschenden "Goldenen Löwen" gewonnen hat. Wenn man allerlei opportune Spezial-Vorführungen dazurechnet, präsentiert das Venedig-Programm in 10 Tagen gut 80 ausgewachsene Spielfilme. Sei's drum.

Nicht zuletzt lockt ja das Kino mit Zeitreisen, Crash-Kursen oder Sprüngen über den halben Globus, die auch dem gewieften Stadt-Land-Fluss-Spieler neue Erkenntnis bringen. Zum Beispiel am ersten Festivaltag Beidaihe, seit Maos Zeiten Lieblings-Sommerfrische der Pekinger Nomenklatura und deshalb lange Zeit off limits für den gemeinen Chinesen: Nun versetzt der Film "Hai Xian" ("Seafood") den Festival-Gänger aus der tropisch schwülen Lido-Nacht nach Beidaihe, und zwar in den Tiefschnee und die klirrende Kälte der toten Saison, wenn sogar das Meer bis zum Horizont zugefroren ist.

Beidaihe, so hört man, gelte zu dieser Eiszeit als Ziel aller Selbstmörder, und das glaubt man sofort, wenn man davon absieht, dass in der sozialistischen Weltordnung Selbstmord eigentlich nicht vorgesehen ist. Die Fama scheint zuzutreffen: Der einzige Gast, dem die junge Frau aus Peking dort am ersten Abend in den kühlkellerartigen Korridoren eines großen Hotels begegnet, liegt anderntags tot in der Badewanne, und der Polizist, der den Fall routinemäßig zu untersuchen hat, verdächtigt auch die junge Frau, hier in Beidaihe nichts als den Tod zu suchen.

Brad Renfro, der Hauptdarsteller von " Bully", bei der Biennale
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AP

Brad Renfro, der Hauptdarsteller von " Bully", bei der Biennale

Erst lädt der Polizist die Frau zum Essen ein, Seafood natürlich, dann vergewaltigt er sie ­ vielleicht, weil es schon egal ist, falls sie ohnehin sterben will ­, dann bietet er ihr einen Job als Dienstmädchen an. Sie aber ­ so schweigsam, dass offen bleibt, warum sie tatsächlich hierher gekommen ist ­ erschießt den Mann mit seiner Dienstwaffe, kehrt nach Peking zurück und geht wie bisher ihrem Gewerbe als Prostituierte nach.

Selbstmord in China: Man kann in Statistiken nachlesen, dass das Land besonders in der Rubrik "Frauen" so weit und einsam an der Spitze steht, dass jede zweite Frau auf der Welt, die sich das Leben nimmt, eine Chinesin ist. Doch im zeitgenössischen Kino war davon noch nicht die Rede, und auch ein plüschiges Pekinger Bordell hat man noch nicht auf der Leinwand gesehen.

"Seafood", mit einer Videokamera gedreht, ist der erste Film des Schriftstellers Zhu Wen, 34. Ob, wann und in welcher Form er in China ins Kino kommt, wusste Zhu in Venedig selbst nicht zu sagen, und für den Rest der Welt ist der Film wohl zu unhandlich und obskur ­ aber weil jemand doch diese 100 000 Erstlings-Dollars gewinnen muss: warum nicht Zhu?

Stadt, Land, Fluss. Die Silbe Dai ist der Name des Flusses, der in Beidaihe ins Meer mündet. Das venezianische Festival hat in seinen Wettbewerbssortimenten weit und breit keinen Hollywood-Film zu bieten, und als der erste echte Hollywood-Star auftauchte, wurde er von hysterischen Paparazzi über die Lagune gehetzt: die Australierin Nicole Kidman, die in einem spanischen und einem britischen Film zu sehen sein wird.

In Venedig legt man nach wie vor mehr als sonstwo Wert darauf, noch an den entferntesten Welten die Filmkunst zu entdecken. So konnte man am Tag nach der Eröffnung im Lauf von 14 Stunden von China nach Florida hüpfen, von dort nach Korea, dann auf die Philippinen, weiter nach Mexiko und zuletzt nach Spanien.

Lesen Sie weiter in Teil 2: Über gründliche Brutalität und den neuen "asiatischen Fassbinder"

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