Von Manfred Müller
"The Claim" lautet der Originaltitel zu Michael Winterbottoms Westernepos. Kurz und bündig. Aber auch wenn man den deutschen Verleih für seine sprachliche Blähung nicht direkt beglückwünschen muss, auch das neutestamentarische "Reich und die Herrlichkeit" trifft auf seine Weise den Charakter des Films.
Eine kleine, entlegene Stadt wird von einem Fremden heimgesucht, und er wird hier nichts zurücklassen, wie er es vorgefunden hat. Diese stereotype Fabel hat Winterbottom so vielschichtig ausgedeutet, als müsse er rückwirkend das ganze Genre vom Vorwurf der beständigen Wiederholung befreien.
Die Geschichte nach einem Roman des Engländers Thomas Hardy führt eigentlich gleich zwei Fremde nach Kingdom Come, eine prosperierende Goldgräbersiedlung in den verschneiten Höhen der Sierra Nevada - und schon einer der beiden hätte gereicht, um diesen Außenposten der Zivilisation in seinen Grundfesten zu erschüttern. Dalglish (Wes Bentley) ist Landvermesser im Auftrag der Central Pacific. Er entscheidet über die Streckenführung der transkontinentalen Eisenbahn, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts große soziale Umwälzungen mit sich bringt. Wo er Station macht, wird Dalglish erwartungsfroh empfangen, oft aber mit Morddrohungen wieder verabschiedet. Führt er die Trasse durch die Stadt, sind Wohlstand und Wachstum auf alle Zeit gesichert, führt er sie daran vorbei, wird sie bald von der Landkarte verschwunden sein. Dieser Mann entscheidet über die Zukunft. Und er ist unbestechlich.
Elena (Nastassja Kinski) dagegen führt eine düstere Vergangenheit nach Kingdom Come. Sie ist todkrank, übersteht nur mit Hilfe ihrer Tochter Hope (Sarah Polley) die Strapazen der Reise. Aber sie ist nicht nur zum Sterben gekommen, sie hat eine alte Schuld einzufordern. Ein dunkles Geheimnis verbindet sie mit Dillon (Peter Mullan), dem unumschränkten Herrscher und Gründer der Stadt.
Winterbottom ("Wonderland") führt seine Zuschauer schnörkellos in das soziale Gefüge der abgeschiedenen Gemeinde ein. Eine Bank, ein Bordell und ein Saloon, wo Dillons Mätresse (Milla Jovovich) mit Gesangsnummern für Stimmung sorgt. Wacklige Kamerafahrten auf unwegsamen Straßen. Enge Einstellungen auf spärlich beleuchtete Gesichter. Dillons unermesslicher Reichtum wirkt hier deplatziert wie eine Fata Morgana. Chinesisches Porzellan und barockes Mobiliar wirken exotisch in jener kahlen Einöde, die man damals Stadt nannte und sogar für eine Metropole hielt.
In dieser ohnehin engen Welt entfaltet Winterbottom ein dichtes Geflecht von Beziehungen, ohne dabei das vorgegebene Szenario zu sprengen. Ein Shakespearesches Königsdrama zwischen biblischer Sühnemechanik und modernem Globalisierungskonflikt. Da steht der Sünder zwischen der Heiligen und der Hure, aber auch ein Absolutist gegen die aufziehende Technokratie, ein Pionier gegen globalen Unternehmergeist. Aus einer gleichnishaften Geschichte mit holzschnittartigen Figuren wird ein Welttheater gezimmert, dem ein hervorragendes Ensemble die nötige Statik verleiht.
Ein spröder Stoff von schlichter Symbolik also, am Schluss auch sentimental und theatralisch. Ein Western eben. Und ein guter, auch wenn ein Brite Regie führte und Thomas Hardys Romanvorlage ursprünglich vom englischen Wessex des 19. Jahrhunderts handelt.
"Das Reich und die Herrlichkeit" ("The Claim"). Großbritannien/Kanada 2000. Regie: Michael Winterbottom; Drehbuch: Frank Cottrell Boyce; Darsteller: Peter Mullan, Wes Bentley, Milla Jovovich, Nastassja Kinski, Sarah Polley. Länge: 120 Minuten; Verleih: Concorde; Start: 8. November 2001.
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