Frau Kinski, es gibt zwei Stereotype über Sie: zu schön für gute Filme und zu weich für den Erfolg das Klischee der ewigen Kindfrau.
Kinski: Also, ich mache ja nun schon Filme, seit ich 13 bin, fast 30 Jahre lang. Ich glaube, ich habe ein paar sehr gute Filme gemacht und andere, die nicht so gut waren. Und ich habe viel erlebt. Ich habe drei Kinder. Meine Familie ist alles für mich obwohl ich meine Arbeit sehr schätze.
SPIEGEL: Was antworten Sie jenen Kritikern, die bedauernd darüber klagen, dass Sie nicht konsequent genug an Ihrer Filmkarriere gearbeitet hätten?
Kinski: Es ist sicher wahr, dass ich den extremen Ehrgeiz anderer nicht besitze. Aber mein neuer Film "Das Reich und die Herrlichkeit" zum Beispiel ist toll, und ich bin stolz darauf. Leider kommen solche Angebote nicht jeden Tag. Und ich kann mir nicht den Luxus leisten, alles andere abzulehnen.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Film lässt sich die einstige, schließlich verratene Liebe nur ahnen. Ist das nicht ein sehr düsterer Stoff?
Kinski: Man muss sich die Liebe der beiden einfach vorstellen. Sie wird nicht gezeigt. Aber es stimmt eben auch: Die Leute haben zu Zeiten des amerikanischen Goldfiebers im 19. Jahrhundert oft den Kopf verloren wegen der "Nuggets" oder sind einfach jämmerlich erfroren.
SPIEGEL: War es kompliziert für Sie, eine Frau zu spielen, die weder schön noch jung ist, wie die Zuschauer Sie kennen, sondern alternd und krank?
Kinski: Das war für mich eine große Chance und etwas, das mir sehr nahe ging. Auch wenn ich gesund bin, denke ich oft daran, welche Dinge jeden Tag passieren könnten, was wäre, wenn meine Kinder ohne mich sein müssten.
SPIEGEL: Die tuberkulosekranke Mutter, die Sie spielen, stirbt. Was empfanden Sie, als sich die Tochter auf dem Todeslager voller Liebe und Trauer an Sie schmiegt?
Kinski: In diesem Moment habe ich an meine eigene Mutter gedacht, an meine Kinder. So fängt's an, und so hört's auf. Der Moment, sich für immer zu trennen, ist undenkbar für mich und doch die Realität, mit der man leben muss.
SPIEGEL: Der Film erzählt auch vom Verlassenwerden. Ist das ein Thema, das auch in Ihrem eigenen Leben eine Rolle spielte?
Kinski: Ich hatte nie einen Vater. Ich hatte meine Mutter. Vom Vater habe ich nur geträumt. Ich will keine Parallelen zum Film ziehen, aber Frauen müssen immer die Starken sein, die die Kinder in die Welt setzen und am Ende oft allein dastehen.
SPIEGEL: Sie selber leben seit vielen Jahren in den USA. Was bekommen Sie noch mit von Ihrer alten Heimat Deutschland?
Kinski: 1989 war das natürlich der Fall der Mauer. Leider habe ich das nur im Fernsehen verfolgen können. Es war unglaublich, wahnsinnig. Ich bin ja in Berlin geboren, und mich hat die Existenz der Mauer immer sehr bedrückt. Erst 1990 bin ich dann in die wieder vereinte Stadt gekommen, und kurz darauf habe ich mit Wim Wenders den Film "In weiter Ferne, so nah!" gedreht. Ich weiß noch, dass Wim an Gorbatschow geschrieben hat. Und der hat gleich zugesagt, bei dem Film mitzumachen.
SPIEGEL: Wie kommt Ihnen denn Berlin heute vor mit Hotelzimmerblick auf den restaurierten Gendarmenmarkt?
Kinski: Beeindruckend. Aber so viel hab ich noch nicht gesehen. Es ist ja jetzt eine riesige Stadt geworden. Und eine spannende dazu. Das spürt man. Allerdings bin ich immer ein bisschen traurig, wenn ich hierher komme.
SPIEGEL: Warum?
Kinski: Ich weiß es nicht. Vielleicht wegen einiger Dinge, die von meiner Kindheit herrühren. Es würde mir auf jeden Fall schwer fallen, für längere Zeit hier zu leben.
SPIEGEL: Welche Stadt empfinden Sie heute als Ihre Heimat?
Kinski: Ganz sicher Los Angeles. Bald werde ich auch amerikanische Staatsbürgerin sein. Ich fühle mich da sehr zu Hause. Der "Spirit" Amerikas, stark zu sein und an sich zu glauben, gefällt mir. Er hat sich auch nach dem schrecklichen 11. September bewährt. Man steht wieder auf, und der nächste Tag ist ein neuer Tag. Es ist eine positive Art, zu leben und zu denken: "Well it's bad, but it's gonna be better!" Das ist keine oberflächliche Attitüde, es ist echt. Und es hilft.
SPIEGEL: Nehmen Sie von Amerika aus den neueren deutschen Film überhaupt wahr?
Kinski: Ja, "Lola rennt" mit Franka Potente zum Beispiel habe ich zweimal gesehen.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Chancen deutscher Schauspieler, von Ihnen mal abgesehen, auf Hollywood-Engagements ein?
Kinski: Diese Chance gibt es natürlich. Für Schauspieler wie Franka Potente ist Amerika wirklich das Land, wo alles möglich ist. Nicht, dass es einfach wäre, aber nach Amerika kommen Menschen aus der ganzen Welt, um ihr Leben neu aufzubauen, Träume zu verwirklichen und manche schaffen es.
SPIEGEL: Können Sie, die so lange das ewig junge Mädchen gespielt hat, etwas mit dem Begriff "Erwachsensein" anfangen?
Kinski: Erwachsen zu werden ist ein Prozess, eine große Bewegung. Ich erinnere mich noch wie heute, dass ich 1972 mit elf Jahren in München, wie eine kleine Erwachsene, ganz begeistert Wahlkampfposter mit dem Konterfei Willy Brandts geklebt habe. Den fand ich toll. Und auch wenn ich heute viel älter bin, etwas von dieser Begeisterung, vielleicht sogar etwas Kindliches, wird immer in mir sein auch wenn ich neunzig Jahre alt werden sollte.
INTERVIEW: REINHARD MOHR
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