Von Michael Sontheimer, London
Die Holloway Road in Nord-London - Literaturfreunden als Schauplatz der Romane von Nick Hornby bekannt - ist eine dreckige Einkaufsstraße, auf der Albaner und Polen geschmuggelte Zigaretten verkaufen. Doch die Schieber ziehen zurzeit kaum Kundschaft an verglichen mit dem Odeon-Kino gegenüber. Dort drängen sich schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorführung eine lange Schlange von Kindern mit Eltern und anderen Aufsehern.
Den Harry-Potter-Film zu sehen gilt unter Londoner Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren schlicht als Muss. Viele haben ihre Freunde statt zu einer Geburtstagsparty in den Kinderfilm des Jahres eingeladen.
Mein achtjähriger Sohn arbeitet sich gerade durch das vierte Buch über den tapfereren Zauberlehrling. Für ihn ist es eine tiefe Genugtuung, dass er den Film circa vier Stunden früher sieht als sein Kumpel Caspar. Seit der vor über einem Jahr relativ schnell wieder verebbten Pokémon-Manie hat nichts in der multinationalen Kinderkultur eine so durchschlagende Wirkung gezeigt wie Harry Potter.
Vor dem "Screen 2" des Odeon zappeln über zweihundert Kids erwartungsvoll in ihren Sitzen. Becherweise verschütten sie ihr Popcorn, bis man knöcheltief darin watet. Ständig muss eines der lieben Kleinen pullern und zu den Toiletten eskortiert werden.
Erst nachdem die Kinder mehr als eine halbe Stunde Werbung für Parfum, Autos und ähnliche für sie relevante Produkte über sich ergehen lassen mussten, beginnt der Film: Die Kids klatschen und jubeln kurz auf.
Mein Sohn kommt zufällig neben einem Jungen aus seiner Schule zu sitzen, der den Film bereits am vorigen Wochenende in einer der zahlreichen Previews gesehen hat und jetzt noch einmal von einem Freund eingeladen wurde. Jetzt kann er fachmännisch Auskünfte geben auf Fragen wie "Ist das Moaning Myrtle's Waschraum?" oder "War das der Stein der Weisen, den Hagrid aus dem Safe geholt hat?"
Was den Kindern in London entgegenkommt: Der Film ist durch und durch britisch. Hagrid, gespielt von Robbie Coltrane und nicht nur wegen seiner herausragenden Körpergröße die imposanteste Figur, hat einen unüberhörbaren schottischen Akzent. Die Diagon Alley, in der sich Zaubereibedarf aller Art erstehen lässt, ist ganz viktorianisches England à la Charles Dickens. Hogwarts schließlich, die Schule für Magie, die Harry und seine Freunde Hermione und Ron besuchen, ist ein englisches Internat beziehungsweise eine "public school" per se.
Was den Kindern - auch anderswo - entgegenkommt, wenn sie das Buch gelesen haben: Der Film hält sich sklavisch an die Vorlage - freilich mit dem traurigen Ergebnis, dass viele Episoden im Film zu kurz geraten und eher undramatisch abgespult werden. Überraschungen fehlen bei der braven Visualisierung des Romans.
Nur Quidditch, das fliegend auf Besen praktizierte Ballspiel, hat sich mein Sohn ganz anders vorgestellt; nicht als eine Art Rugby in der Luft zwischen mittelalterlich anmutenden Türmen. Und die Klimax des ganzen Buches - Harrys gruselige Begegnung mit Lord Valdemort, dem Oberbösen und Mörder seiner Eltern, nachts im Wald - fand er in Schrift und Wort eindeutig spannender als in bewegten Bildern.
Der Film wirkt über weite Strecken uninspiriert; zwar geht es um Zauberei, aber es fehlt jede Magie. Das Prädikat "wicked" (bösartig) - unter Londoner Kids rangiert es inzwischen weit vor "cool" - entlocken nur wenige Szenen den Kindern.
Doch mein Sohn und seine Freunde sehen den Hype um Harry eher sportlich: Dabei sein ist alles. Der Beifall nach 152 Minuten ist eher eine Pflichtübung. Aber wenn der nächste Film, "Harry Potter And The Chamber Of Secrets", anläuft, werden sie alle wieder da sein.
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