Von Carolin Ströbele
Alles fängt damit an, dass Lukas (Daniel Brühl) im falschen Film ist. Dabei sollte doch für sein erstes Date alles perfekt sein: Er lädt seine Angebetete in ein Kleinkunstkino ein, zu "Taxi Driver" mit Robert De Niro. Doch dann läuft der Film nicht. Erst in zwei Tagen wieder, erklärt die Kassiererin freundlich. Doch Lukas ist sich sicher: Gegen ihn läuft eine Verschwörung. Er rastet aus, beschimpft die Kartenverkäuferin, tritt gegen das Kassenhäuschen, schreit, schimpft, spuckt.
Lukas fühlt sich eigentlich die ganze Zeit wie im falschen Film. Dabei ist er erst mal nur einer, dem schnell alles zu viel wird: der Umzug von dem kleinen Kaff auf dem Land in die große Stadt. Das Behörden-Chaos an der Uni, die vielen fremden Menschen. Lukas ist ein Träumer, der lieber den Bongo-trommelnden Hippies im Garten hinter der Mensa zuhört, als sich für ein Studienfach zu entscheiden. Er freut sich wie ein Kind über das schäbige Zimmer mit Hinterhofblick, das er in der WG seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) bezieht, doch er ist unfähig, zu den Menschen in seiner Umgebung Kontakt aufzunehmen.
Bei einem Drogenexperiment reißt die dünne Schutzhülle, die den Jungen umgibt. Als Lukas mit seiner Schwester und ihrem Freund (Patrick Joswig) psychedelisch wirkende Pilze probiert, hört er plötzlich Stimmen, die ihn beschimpfen und bedrohen. Was von den anderen als vorübergehender Horrortrip abgetan wird, stellt sich als bleibende Wahnvorstellung heraus. Am nächsten Morgen sind die Stimmen immer noch da, und Lukas wird sie erst wieder los, als er sich aus dem Fenster seines Zimmers stürzt.
"'Das weiße Rauschen' ist kein Film - es ist eine Erfahrung": Wenn ein Kinofilm so angekündigt wird, sind die Erwartungen dementsprechend hoch. Und wenn die Ankündigung dann auch noch von kryptischen Texten ("Siehst Du alle Visionen aller Menschen aller Zeiten in einem Augenblick, dann siehst Du das weiße Rauschen") begleitet wird, hofft man, dass einem etwas offenbart wird, was man so noch nie gesehen, gehört oder gefühlt hat.
Optisch und akustisch hat Weingartner den Ausbruch der Schizophrenie tatsächlich eindrucksvoll in Szene gesetzt. Durch die Verwendung mehrerer Handkameras, die sich ständig um den Hauptdarsteller bewegen, überträgt sich Lukas' körperliche Bedrängnis unmittelbar auf den Zuschauer.
Fast noch quälender wirken die Stimmen und Geräusche, die nach und nach zu einem bedrohlichen Sog anschwellen und Lukas' Kopf überschwemmen. Übertönt wird der Stimmteppich nur durch das gleichmäßigen Rauschen der Dusche, in die sich der junge Mann stundenlang einsperrt. Doch auch hinter dem Vorhang aus Wasserstrahlen holt ihn schließlich eine Stimme ein und flüstert ihm zu. "Finde das weiße Rauschen. Nur dort kannst du Frieden finden."
Trotz dieser beeindruckenden Sequenzen bleibt der Film - natürlich - hinter den Erwartungen zurück. Es scheint, dass dem Regisseur beim Zusammenschneiden der ursprünglich 130 Stunden Filmmaterial sein dramaturgisches Konzept verloren gegangen ist. Das ist schade, denn der Film weckt zumindest in der ersten Hälfte die Hoffnung, dass im deutschen Kino ein sperriges Thema auch einmal ohne falsches Pathos umgesetzt werden könnte.
Doch genau dieser Versuchung erliegt Weingartner. Während der Film anfangs gerade durch seinen dokumentarischen Charakter besticht, geht im weiteren Verlauf die Symbolik mit dem Regisseur durch: So erleidet Lukas gerade dann einen Anfall, als er bei der Arbeit einer Schaufensterpuppe den Kopf absägen muss. Das Bild des geschockten Jungen mit dem abgetrennten Kopf in der Hand hat nichts Schockierendes, sondern wirkt vielmehr unfreiwillig komisch.
Auch die Wendung, dass Lukas nach einem Selbstmordversuch ausgerechnet von ein paar alternativen Aussteiger-Hippies aus dem Rhein gefischt und von ihnen nach Spanien mitgenommen wird, wirkt arg konstruiert. Und als er schließlich mit einem kleinen Jungen - seinem Alter Ego - unbeschwert unter einem Regenbogen herumtollt, überschreitet der Film schon fast die Grenze zum Kitsch.
Einzig Daniel Brühl ist es zu verdanken, dass die Figur des Lukas ihre Glaubwürdigkeit nicht verliert. Der 23-Jährige ("Nichts bereuen", "Vaya con Dios") liefert hier die beste Charakterdarstellung seiner bisherigen Karriere. Der Wahnsinn nähert sich seinem Gesicht manchmal so schleichend, dass die Verwandlung für den Zuschauer häufig zum überraschenden Schock wird. Und wenn sich Lukas' Blick am Ende schließlich über den Wellen des Meers verliert, wird der Zuschauer nicht wissen, ob er dort seinen Tod findet oder den lang ersehnten Frieden. Oder beides.
"Das Weisse Rauschen": Deutschland 2001; Buch und Regie: Hans Weingartner; Darsteller: Daniel Brühl, Anabelle Lachatte, Patrick Joswig; Länge: 104 Minuten; Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln, Cameo Film- und Fernsehproduktion; Verleih: X-Verleih; Start: 31. Januar 2002.
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