1895 schrieb der britische Schriftsteller H.G. Wells seinen utopischen Roman "Die Zeitmaschine" und stellte eine Frage, die Hollywood wie auf den Leib geschneidert passte: Was wäre, wenn... Zeitreisen möglich wären? Es dauerte zwar noch 65 Jahre, bis das Filmstudio Metro Goldwyn Meyer seinem Regisseur George Pal den Auftrag erteilte, aus Wells' Buch einen Kinofilm zu machen, doch der Effekt ließ nichts zu wünschen übrig. 1960 befand sich die Welt mitten im Kalten Krieg. Die Angst der Menschen vor den propagandistisch dämonisierten Kommunisten und einem drohenden Atomkrieg lauerte hinter jeder Straßenecke, so dass "Die Zeitmaschine" mit Rod Taylor als Wissenschaftler, der es wagt, den Lauf der Zeit herauszufordern, wie eine Bombe einschlug, obwohl die Story in einer gänzlich anderen Epoche entstanden war.
Geschickt hatte es Wells verstanden, seine phantastische Geschichte mit allerlei soziologischer und zivilisatorischer Kritik zu würzen. Der Wissenschaftler erlebt auf seinen Reisen in die Zukunft, wie sich die Menschheit in einem vernichtenden Krieg selbst zerstört und Jahrhunderte später als gespaltene Spezies den Planeten bevölkert: als sanftes, friedfertiges Volk der Eloi und als mordende, unter Tage lebende Rasse der Morlocks - die dunkle und die lichte Seite der menschlichen Natur. In der selbst gebastelten Zeitmaschine des Wissenschaftlers, der in Wells' Roman seiner natürlichen Neugier gehorcht, manifestierte sich auch der Respekt und die Angst vor dem deus ex machina, der sein brüllendes Haupt gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts mit qualmenden Fabriken, lärmenden Früh-Automobilen und anderen Schrecknissen der Industrialisierung erhob. In Hollywoods erster Adaption des Stoffes war es nur noch die Angst vor der Apokalypse und die Ungewissheit danach, die für den Thrill im Kinosessel sorgte.
Wiederum einige Jahrzehnte später kennen wir George Pals phantastischen Film nur noch aus dem Nachmittagsprogramm einiger Kabelsender. Der Film hat seine Aktualität verloren, nicht aber seine Faszination. Immer noch rufen die düsteren Morlocks des Originals mit ihren glimmenden Augen unwillkürlich eine Gänsehaut hervor, immer noch erschüttern die Kriegsszenen, in denen Rod Taylor - ebenso fassungslos wie der Zuschauer - herumstolpert. Natürlich schmunzelt man aus heutiger Sicht über die hemmungslos unbeholfenen, aber dennoch feinen und effektvollen Tricks und Spezialeffekte, derer sich Pal bedienen musste.
Ein Manko, das es im Jahre 2002 nicht mehr gibt. Längst leben Hollywoods Fantasy-Filme schließlich kaum noch von ihrer Story, sondern vielmehr von der Güte und dem Schauwert ihrer digitalen Effekte. Auch sind die Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit anderen Utopien beschäftigt. Die Angst vor Umweltkatastrophen, Gentechnik, Seuchen und Kulturkampf ist uns präsenter als der abstrakt gewordene Schrecken einer drohenden Atom-Apokalypse. So trifft die Neuverfilmung der "Zeitmaschine" auf einen Zeitgeist, der sich nur mit nostalgischer Distanz in das zwar vertraute, aber doch antiquierte Szenario eindenken kann. Längst haben utopische Fantasy-Filme wie "Matrix" oder "A.I. - Artificial Intelligence" neue Maßstäbe in der Ästhetik und Thematik dieses Genres gesetzt.
An der ursprünglichen Story haben Drehbuchautor John Logan und Regisseur Simon Wells (ein Enkel des Schriftstellers) daher einige Details verändert: Der Wissenschaftler hat einen Namen und ein stärkeres Motiv bekommen. Er heißt Alexander Hartdegen, lebt statt in London in New York, wird von Guy Pearce als weltfremder Professor dargestellt und liebt seine Verlobte Emma (Sienna Guilleroy), die jedoch bei einem tragischen Zwischenfall ums Leben kommt. Um das Unglück abzuwenden, baut Hartdegen seine bisher nur auf papiernen Plänen existierende Zeitmaschine in jahrelanger Arbeit tatsächlich zusammen und reist zurück, um jedoch bald darauf festzustellen, dass dem Schicksal nicht ins Handwerk zu pfuschen ist. Verbittert entschließt sich der Wissenschaftler zu einem Trip in die Zukunft und gerät in die hochtechnisierte Welt des Jahres 2030, die wie eine übertriebene und ironische Hommage an unseren Alltag aussieht. Weitere sieben Jahre in der Zukunft ist die bunt blinkende HighTech-Welt dahin, als der längst kolonisierte Mond unter der menschengemachten Umweltbelastung auseinander zu brechen droht.
Ein Unfall katapultiert den erschütterten Wissenschaftler daraufhin durch mehrere neue Eiszeiten und Kontinentalverschiebungen ins Jahr 800.000, wo er, wie sein Romanvorbild, auf Elois und Morlocks und deren pervertierte Symbiose aus Jägern und Gejagten trifft. Hier bricht der erste Realfilm des Animationsregisseurs Wells ("Der Prinz von Ägypten) brutal auseinander. Kaum hat man sich an die artifizielle und idealisierte Harmonie-Welt der steinzeitlich lebenden Elois, die unter anderem von der aufopfernd um Hartdegen bemühten Mara (Popsternchen Samantha Mumba) und ihrem kleinen Bruder Kalen (Omero Mumba) bewohnt wird, gewöhnt, findet man sich in einer zehnminütigen Actionsequenz mit den mörderischen Morlocks wieder, die leider nichts Unheimliches mehr an sich haben, sondern zu stumpfen, digitalen Killermaschinen degradiert wurden.
Kurzum: die Monster entführen Mara, und Hartdegen steigt diesmal nicht in seine Maschine, sondern mutiert selbst zum Actionhelden und erstürmt die unterirdische Bastion der tumben Fieslinge, wo er auf den Über-Morlock (cartoonhaft: Jeremy Irons) trifft und mit ihm kurz vor dem knalligen Showdown lustig über Sinn und Zweck von Zeitreisen, Schicksalhaftigkeit und den Wert von Erinnerungen philosophiert. Das Ende sei hier nicht verraten, auch wenn es kaum Überraschungen birgt.
Ärgerlich an der neuen "Time Machine" ist nicht unbedingt nur die unzeitgemäße Story - ewig wird die Zukunft als Rückfall in die Steinzeit beschworen -, sondern die vielen Ungereimtheiten, die Wells & Co. im guten Willen, ihren Film dem neuen Zeitalter anzupassen, eingebaut haben. Von Zeit-Paradoxa sei hier erst gar nicht die Rede, damit würde man das gesamte Konzept des literarischen und cineastischen Zeitreisegedankens vollends aushebeln. Vielmehr sind es Elemente wie der auseinanderbrechende Mond und die offenbar gar nicht so gravierenden Auswirkungen auf Erde und Atmosphäre oder plumpe Zugeständnisse ans Mainstream-Kino wie das Hologramm eines ultracoolen Bibliothekars (überdreht: Orlando Jones), dem Hartdegen in der nahen Zukunft begegnet, das aber auch Jahrtausende später noch funktioniert. In den sechziger Jahren mag man den Traumfabrikanten von Hollywood solche Opfer an die Dramaturgie noch verziehen haben - heutzutage erwartet man zumindest die Erfüllung der oberflächlichsten Logik.
Hinzu kommt ein Hauptdarsteller, der in "L.A. Confidential" und "Memento" längst bewiesen hat, dass er mehr kann, als hölzern herumzustehen und unsicher mit dem Kinn zu mahlen. Wissenschaftler müssen im Kino-Klischee vielleicht so spröde sein, doch selbst der nicht gerade energische Rod Taylor wirkte gegenüber Pearce wie ein Teufelskerl.
So bleibt ein Ereignis-Film, der sich ganz zeitgemäß auf einige nette Spielereien und aufwändige Actionsequenzen reduziert, ansonsten aber keinerlei neue Impulse oder Gedankenanstöße liefert. Allein eine neue Frage wirft sich auf: Was wäre, wenn... Hollywood endlich die Finger von Remakes lassen würde?
"The Time Machine". USA 2002. Regie: Simon Wells; Buch: John Logan; H.G. Wells (Roman); Darsteller: Guy Pearce, Samantha Mumba; Jeremy Irons; Mark Addy; Orlando Jones; Sienna Guillory; Omero Mumba; Produktion: DreamWorks, Warner Bros.; Verleih: Warner Bros.; Länge: 95 Min.; Start: 21. März 2002
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