Oscar 2002
Triumph der schwarzen Stars
Ron Howards "A Beautiful Mind" wurde zum besten Film des Jahres gekürt, doch die 74. Oscar-Verleihung stand ganz im Zeichen der afroamerikanischen Stars. Mit Halle Berry gewann erstmals eine farbige Darstellerin einen Hauptrollen-Oscar, Denzel Washington bekam seine zweite Trophäe.
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Hollywood schreibt Kino-Geschichte: Halle Berry und Denzel Washington gewinnen in den Hauptkategorien
Es war in mancherlei Hinsicht ein Neuanfang für Hollywood und die Academy of Motion Pictures Arts. Nicht nur, dass die Verleihung der Oscars erstmals wieder direkt in Hollywood, im neu gebauten Kodak Theatre am Hollywood Boulevard, stattfand. Es war auch die erste Zeremonie nach den Terroranschlägen vom 11. September. Ein Umstand, der die Academy und viele Filmschaffende zum Nachdenken über ihr tägliches Werk brachte und sich mit einer andächtigen und ehrfürchtigen Atmosphäre über eine Show legte, die ansonsten wieder so viel Glamour versprühte wie eh und je.
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Fassungslose Gewinnerin Berry: "Dieser Moment ist so viel größer als ich"
Vielleicht sogar ein bisschen mehr als sonst, denn im Vorwege der Verleihung hatte es eine unangenehme Diskussion darüber gegeben, ob afroamerikanische Darsteller im Filmbetrieb Hollywoods und insbesondere bei der Vergabe der Oscars noch immer benachteiligt werden. Stars wie Julia Roberts und Warren Beatty hatten lauthals nach Preisen für die ungewöhnlich zahlreich nominierten schwarzen Darsteller gerufen. Nach der 74. Oscar-Show dürften derlei Forderungen jedoch nichtig sein. So viel "schwarzes" Hollywood gewann noch nie bei einer Oscar-Zeremonie: Sidney Poitier, 1963 der erste schwarze Oscar-Preisträger in einer Hauptkategorie, wurde mit einem Ehrenpreis für seine Verdienste um die afroamerikanischen Darsteller der Filmstadt ausgezeichnet und erntete in einem bewegenden Moment den Jubel und die Standing Ovations der 3300 Gäste im Saal.
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Fantasy-Epos "Herr der Ringe": Vier Oscars, aber wenig Ruhm
Ein Zeichen der Academy, aber damit noch nicht genug: Überraschend gewann Halle Berry und nicht Favoritin Nicole Kidman den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle in dem Südstaaten-Drama "Monster's Ball". Fassungslos stolperte die 33-jährige Darstellerin unter dem Jubel der Gäste auf die Bühne und konnte sekundenlang nur sichtlich bewegt und unter Tränen verharren. "Dieser Moment ist so viel größer als ich", rief sie und widmete ihren Preis "jeder namen- und gesichtslosen farbigen Frau, die nun eine Chance hat", denn, so Berry, in dieser Nacht sei "eine Tür aufgestoßen worden". Berry ist die erste afroamerikanische Darstellerin in der Geschichte der Oscars, die in dieser Haupt-Kategorie gewonnen hat.
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Der Triumph des "schwarzen Kinos" war perfekt, als schließlich nicht Top-Favorit Russell Crowe den Oscar als bester Hauptdarsteller gewann, sondern Denzel Washington für "Training Day". Washington hatte für "Glory" (1989) schon einmal einen Oscar gewonnen, für die beste Nebenrolle. Als hätte sie es geahnt, hatte Gastgeberin Whoopi Goldberg bereits zu Beginn der Show einen Seitenhieb auf die Debatte im Vorwege gewagt: Vor der Preisvergabe sei so viel Schlamm geworfen worden, dass nun ohnehin alle schwarz seien.
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Gewann für beste Regie und den besten Film: "A Beautiful Mind"-Regisseur Ron Howard
In den Hintergrund rückte dabei fast, dass "A Beautiful Mind" Oscars für das beste adaptierte Drehbuch (Akiva Goldsman), beste Nebendarstellerin (Jennifer Connelly), beste Regie (Ron Howard) und den Königs-Preis für den besten Film gewann und damit den 13fach Nominierten "Herr der Ringe" ins Abseits schob. In dieser Beziehung blieb Hollywood sich treu: Das biografische Drama über den unter Schizophrenie leidenden Nobelpreisträger John Nash konnte sich bei der Academy vor dem Fantasy-Epos von Peter Jackson behaupten, obwohl auch "Der Herr der Ringe" mit vier Oscars belohnt wurde, allerdings in weniger glamourösen Kategorien (bestes Make Up, beste Visual Effects, beste Kamera und beste Original-Musik).
Ob sich die Jury absichtlich zurückhielt, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, die nächsten beiden Teile der "Ringe"-Trilogie ebenfalls hoch dekorieren zu müssen, oder ob man einfach davor zurückschreckte, einen Fantasy-Streifen zum besten Film des Jahres zu machen - wer weiß? Klassischer pathosbeladener Hollywood-Stoff wie "A Beautiful Mind", das zeigte diese Verleihung, hat noch immer die besten Chancen, selbst wenn alle Mitbewerber, das Musical "Moulin Rouge!" sowie die beiden Dramen "In The Bedroom" und "Monster's Ball" ganz objektiv zu den besseren Filmen gehörten.
DPA
Standing Ovations für eine Ikone: Oscar-Gewinner Sidney Poitier
"Moulin Rouge!" musste sich mit zwei Trostpreisen (Kostüme und Ausstattung) zufrieden geben. "In The Bedroom" ging gar ganz leer aus. Regisseur Ridley Scott, der im vergangenen Jahr mit "Gladiator" den Siegerfilm repräsentierte, durfte sich über zwei Oscars (Schnitt und Ton) für sein Kriegsdrama "Black Hawk Down" freuen. Jim Broadbent gewann den Oscar als bester Nebendarsteller und damit den einzigen Preis für das Schriftstellerinnen-Drama "Iris". Als erster Animationsfilm in der Geschichte der Academy Awards gewann der Dreamworks-Streifen "Shrek" den Oscar in der neu geschaffenen Trickfilm-Kategorie. Eine Überraschung gab es bei der Vergabe des Oscars für den besten fremdsprachigen Film: Nicht der als sicherer Favorit geltende Film "Amélie" des französischen Regisseurs Jean-Pierre Jeunet gewann die Trophäe, sondern der Kriegsfilm "No Man's Land" aus Bosnien-Herzegowina.
Die einzige deutsche Hoffnung auf einen Academy Award erfüllte sich ebenfalls nicht: Statt Johannes Kiefer für "Gregors größte Erfindung" gewann der amerikanische Konkurrent "The Accountant" von Ray McKinnon und Lisa Blount in der Kategorie "Bester Kurzfilm". Der Oscar für den besten animierten Kurzfilm ging an den "For The Birds" von Ralph Eggleston. Robert Redford, Schauspieler und Gründer des Sundance-Filmfestivals, wurde für sein Lebenswerk und seine Verdienste um Hollywood mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet.
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Gewann seinen zweiten Oscar: Denzel Washington
Viele bewegende Momente gab es während der knapp fünfstündigen Show, etwa als Kevin Spacey zu einer Schweigeminute für die Helden und Opfer der Anschläge vom 11. September aufrief und danach die verstorbenen Entertainment-Persönlichkeiten des vergangenen Jahres geehrt wurden (u.a. Jack Lemmon, George Harrison). Hollywood und seine Fähigkeit, das alltägliche Leben zu dramatisieren, es abzubilden und zu vereinfachen, oder einfach nur für puren Eskapismus zu sorgen, geht stärker als je zuvor aus den Schrecknissen der letzten Monate hervor. Im kreativen Treiben der Filmschaffenden Amerikas scheinen der lautstarke Patriotismus und das Muskelspiel der US-Regierung kaum Wirkung gezeigt zu haben. Stattdessen wurde mit dem Triumph der "schwarzen Stars" ein Signal für mehr Toleranz gesetzt. Wie gesagt, ein Neuanfang in vielerlei Hinsicht...
Andreas Borcholte
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