In Mexiko war Ihr Film ein Riesenhit; auch in den USA und anderen Ländern läuft er hoch erfolgreich. Woran liegt das?
Alfonso Cuarón: Manche Leute glauben natürlich, das hätte mit den freizügigen Sexszenen zu tun. Aber nach dieser Logik müsste jeder erotische Film Erfolg haben. "Y Tu Mamá También" handelt von ganz universellen Themen und schickt seine Protagonisten auf eine emotionale Reise - das spricht jeden Zuschauer an, egal in welchem Land er lebt.
SPIEGEL ONLINE: Die Bettszenen waren für Ihre Darsteller wohl nicht ganz einfach.
Cuarón: Der Sex war irrelevant. Wir wollten in diesem Film eine größtmögliche Ehrlichkeit erreichen. Deshalb sind sämtliche Szenen in einem ähnlichen Stil gedreht, einerseits realistisch, andererseits distanziert. Wenn die Charaktere miteinander schlafen, haben wir die Kamera nicht verschämt weggeschwenkt, doch wir wollten auch nicht voyeuristisch sein. Unser Ziel war Objektivität. Und die Schauspieler waren so souverän und entspannt, dass sie das wunderbar umgesetzt haben.
SPIEGEL ONLINE: Wie erreicht man solche Ehrlichkeit?
Cuarón: Erst mal war alles genau geprobt. Die Ereignisse vor dem Beginn einer Szene, die der Zuschauer nicht zu sehen bekommt, wurden improvisiert. Wenn die Schauspieler dann bei der eigentlichen Szene angekommen waren, haben wir angefangen zu drehen. Wichtig war es auch, innerhalb einer Szene möglichst wenig zu schneiden. So spielt sich die Handlung fast in Realzeit ab. Wir betrachten die Charaktere von außen, also nicht aus einer subjektiven Perspektive. Hinzu kommen die Hintergrundkommentare der Erzählerstimme. Die schaffen nochmals Distanz.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht schwer, einen menschlich tief greifenden Film über Teenager zu machen?
Cuarón: Sie unterstellen, dass Teenager weniger vielschichtig sind. Das mag zwar an der Oberfläche so aussehen, aber in Wirklichkeit sind sie genauso komplex wie Erwachsene.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie und Ihre Bruder Carlos dann über zehn Jahre hinweg an dem Drehbuch gearbeitet?
Cuarón: Wir wussten einfach nicht so recht, in welche Richtung wir die Geschichte führen wollten. Phasenweise steuerte das Ganze auf eine Teenager-Komödie im Hollywood-Stil zu. Aber alle paar Jahre kamen dann neue Schichten dazu. Die erotischen Elemente waren ursprünglich nicht dabei, ebenso wenig die Erzählerkommentare.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit "Die Traumprinzessin" und "Große Erwartungen" selbst Erfahrungen mit Hollywood gemacht. Welche?
Cuarón: Ich habe gelernt, dass ein gewisses Maß an Disziplin gut ist. Und dass sich umso mehr Leute einmischen, je größer dein Budget ist.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie deshalb mit "Y Tu Mamá También" nach Mexiko zurückgekehrt?
Cuarón: Das war keine Flucht aus Hollywood. Ich hatte einfach Lust, diesen Film in Mexiko zu drehen. In der Filmszene ist einiges in Bewegung geraten. Da tritt langsam eine neue Generation von Regisseuren hervor, die nicht mehr so provinziell eingestellt ist, sondern ganz universelle Geschichte erzählt. Nehmen Sie beispielsweise Alejandro González Iñárritu mit "Amores Perros". Ich selbst habe mit Jorge Vergara, einem etwas exzentrischen Unternehmer, einen Partner, der mir das Geld für meine spanischsprachigen Filme zur Verfügung stellt. Das sichert mir die völlige künstlerische Freiheit.
SPIEGEL ONLINE: Sie planen also keine Rückkehr nach Los Angeles?
Cuarón: Doch. Gerade stelle ich ein Drehbuch für ein Studio fertig, eine Art Science-Fiction-Antiutopie. Das würde ich gerne verfilmen. Es gibt in der US-Filmindustrie auch viele großartige Leute. Hollywood ist nicht Darth Vader.
Das Interview führte Rüdiger Sturm
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