Von Wolfgang Höbel
Das Kino sei ein Ort der Träume, heißt eine der ältesten Kritiker-Phrasen, und sie soll besagen: Wer ins Kino gehe, der wolle entführt werden in eine Welt, die größer, schöner und durchaus auch schrecklicher sein darf als das wirkliche Leben. Wie alle abgedroschenen Lehrsätze ist auch dieser bestenfalls halb richtig: Fürs große Kommerzkino, für Filme, die wirklich ein Millionenpublikum anziehen, mag er ja gelten - zum Beispiel für George Lucas und sein neues "Star Wars"-Spektakel "Episode II", das am Donnerstag hier in Cannes in einer Digitalversion (und natürlich außer Konkurrenz) vorgeführt wurde. Natürlich war Lucas mit seinem ausgiebig zelebrierten Pressekonferenzauftritt gleich der König des Tages.
In Wahrheit aber widmen sich die meisten nach Cannes eingeladenen Regisseure nicht der Beschwörung verwegener Träume, sondern der Schilderung des wirklichen Lebens - oder dessen, was sie dafür halten. Vor allem Briten und Franzosen haben es darin, möglichst schonungslos von den sozial und politisch Benachteiligten zu erzählen, mittlerweile zu einer manchmal etwas zweifelhaften Meisterschaft gebracht: Mitunter fühlt man sich als Kinozuschauer in Cannes, als wollten die Filme einen ständig belehren, wie trist die Welt jenseits der Croisette mit ihren schönen Menschen (von Filmkritikern jetzt mal abgesehen), den Palmen und den auf dem Meer schaukelnden Yachten sein kann.
In der Dauerkonfrontation mit dem zumindest angeblich realen Leid in der Welt ist Mike Leigh ein Routinier, und grauslig routiniert wirkt auch sein Wettbewerbsbeitrag "All Or Nothing": Zwei Stunden und acht Minuten lang sieht man tolle, mit grandiosen Visagen gesegneten Darstellern zu, wie sie die Tristesse der britischen Arbeiterklasse auswalzen. Es wird geprügelt, geflucht und gevögelt, vor allem aber geschwiegen; ein Mädchen wird schwanger und vom Kindsvater übel beschimpft, ein verfetteter junger Nichtstuer bekommt unvermutet eine Herzattacke. Dazu lässt Leigh hin und wieder tragische Geigen jauchzen - und doch wirkt seine Anteilnahme am Schicksal der Mühseligen und Beladenenen diesmal seltsam bemüht.
Sehr viel mehr Lob gab es für "Marie-Jo et et ses deux amours" (Marie-Jo und ihre zwei Lieben) von Robert Guédiguian, der ebenfalls im Wettbewerb läuft: die Geschichte einer Frau (Ariane Ascaride), die zwei Männer liebt und zunächst sowohl ihren Liebhaber als auch ihren Mann überzeugen kann, dass sie keine andere Wahl haben, als ein Leben zu dritt zu führen. Komisch ist nur, dass Guédiguian jede Menge malerische Aufnahmen von Industrielandschaften braucht, um auch ja das Authentische der Story zu unterstreichen - und dass er seine Figuren dann doch noch in eine Tragödie jagen muss.
Richtig finster ist "Une part de ciel" (Ein Stück vom Himmel) von Bénédicte Liénard, gezeigt in der wichtigsten Cannes-Nebenreihe "Un Certain Regard": ein Ausflug in die Enge eines Frauenknasts und einer trostlosen Fabrik, lange Blicke in elende, zum Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse entschlossene Gesichter, ein kaltes, gnadenloses Licht auf den hässlichen Rand der Gesellschaft - als die schwangere Knastheldin Joanna (Séverine Caneele) einmal in Einzelhaft landet, wird die Leinwand immer wieder schwarz, damit man sich die Ohren der Zuschauer ganz Joannas Heulen widmen können.
Schwer zu sagen, warum dieses engagierte Kino hier in Cannes manchmal wie die schiere Sozialpornografie wirkt. Vielleicht, weil die Filme mitunter den Eindruck erwecken, sie wollten dem Zuschauer predigen: Sieh, wie gut es dir geht, von wie viel Trugbildern eines angenehmen Lebens du umstellt bist, geh in dich und entdecke dein soziales Gewissen.
Bei allem Staunen, ja Entsetzen über die Einblicke in die Schlechtigkeit der Welt fragt sich der Festivalbesucher in manchen besonders trostlosen Kinomomenten: Ist es nicht ganz okay, dass es den schönen Schein auch noch gibt? Dass man sich beim Blick auf das abendliche Stardefilee in Cannes zum Beispiel am Anblick hinreißend schöner Frauen wie Rosanna Arquette oder Gong Li erfreuen kann? Und dass auch Leute wie George Lucas in diesem bösen, miesen Universum noch ihren seltsamen Träumen hinterher filmen dürfen?
Im Wettbewerb läuft übrigens als Nächstes Michael Moores Film "Bowling For Columbine" - darin geht es streng dokumentarisch und mit viel politischem Engagement um die Hintergründe des Schulmassakers an der Columbine High School im amerikanischen Littleton. Das reale Grauen geht weiter.
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