Von Lars-Olav Beier
Cannes - Der Sommer an der Côte d'Azur ist ausgebrochen, und schon hat Cannes ein massives Fliegen-Problem. Doch es gibt von ihnen nicht zu viele, sondern zu wenige. Denn wer die allabendlichen Galapremieren besuchen will, kommt ohne Krawatte nicht mal durch die erste Kontrolle und wird mit Krawatte spätestens an der zweiten Sperre zurückgeschickt. Fliege ist Pflicht.
Das weiß aber nicht jeder. Und so gehen pfiffige Verkäufer mit Plastiktüten voller Eintagsfliegen durch die Reihen. 15 Euro das Stück. Mancher Geiz-Kragen ist nicht davon überzeugt, dass dies eine Investition in die Zukunft ist, zieht sich flugs einen Schnürsenkel aus dem ausgelatschten, ungeputzten Schuh und bindet ihn sich um. Fertig ist die Ersatzfliege - für schlappe 15 Cents. Das ist Cannes: Wohin man blickt, vollendete Eleganz, vom Scheitel bis zur Sohle.
Diese Phantasie, mit der hier die Widrigkeiten des Festival-Alltags gemeistert werden, wünscht man sich auch auf der Leinwand. Tatsächlich besticht der diesjährige Wettbewerb durch Grenzüberschreitungen. Am häufigsten überschritten wird dabei leider die Schmerzgrenze. Selten sah man in so rascher Folge so viele Filme nach ihrem verheißungsvollen Anfang ins Verderben torkeln - von Olivier Assayas' "Demonlover" bis zu Michael Moores "Bowling for Columbine".
Würde man nur die ersten dreißig Minuten aller Wettbewerbsfilme nehmen, wäre die diesjährige Auswahl ein Traum. Doch nach der halben Stunde geht es ja stets weiter, und je weiter es geht, desto mehr entwickelt der Zuschauer einen Hang zum umgekehrten Eskapismus: Er ist immer froh, wenn er nach dem Abspann wieder in die schöne Wirklichkeit von Cannes entfliehen kann.
Dort war es an diesem Wochenende auf den Straßen so voll, dass es schwer fiel, seinen Nächsten zu lieben, denn der Nächste hatte nichts Besseres zu tun, als einem in die Hacken zu treten und die Ellenbogen in die Seite zu rammen. Da war es eine echte Alternative, ins Kino zu gehen und sich den Wettbewerbs-Beitrag "Yadon Ilaheyya" von Elia Suleiman anzusehen.
Mit der spielerischen Phantasie und Lakonie eines Jacques Tati, dessen Komödien-Klassiker "Playtime" am gleichen Tag in Cannes zu sehen war, spürt Suleiman - Autor, Regisseur und Darsteller in Personalunion - der latenten Aggressivität im heutigen Nazareth und Jerusalem nach.
Ein Mann bittet einen anderen Mann, sein Auto wegzufahren. Doch der zeigt sich renitent. Sei das wirklich sein Wagen? Was stehe denn auf dem Nummerschild? Der erste überlegt und geht nach rechts aus dem Bild, während die Kamera auf dem Asphalt verweilt. Man hört jemanden werkeln, ein Autoalarm geht los, dann tritt der Mann wieder ins Bild und wirft etwas auf die Straße - das abmontierte Nummernschild.
In einer Welt, in der sich in jedem abgestellten Auto eine Bombe befinden kann, riskiert Suleiman Gags, die lange brauchen, bis sie zünden, weil sie den Umweg über den Bildaußenraum nehmen. Die Angst ist so groß, dass auch der Witz einige Zeit braucht, bis er sich aus der Deckung traut. Leider verliert Suleiman diesen ganz ungewöhnlichen Humor im Laufe seines Films immer mehr und sprengt am Ende mit einem gut fünfminütigen Musical-Ninja-Spektakel den Rahmen, den er sich selbst gesetzt hat. Statt die Phantasie seiner Zuschauer herauszufordern, lähmt er ihre Augen und Ohren mit einem Fantasy-Spektakel.
Am gleichen Tag verwandelte der in Kanada lebende Regisseur Atom Egoyan ("Calendar", "The Sweet Hereafter") das Grand Théatre Lumière, das Premierenkino im Festivalpalais, in den größten Volkshochschulsaal der Welt.
In "Ararat" behandelt er den Völkermord der Türken an ihrer armenischen Bevölkerung in den zehner Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf mehreren Zeit- und Realitätsebenen. Bei den wohl bewusst künstlich und ungelenk inszenierten historischen Szenen merkt der aus Deutschland stammende Zuschauer, dass Cannes und Bad Segeberg gar nicht so weit voneinander entfernt sind."Ararat" redet dem Zuschauer mit aufklärerischem Pathos fast zwei Stunden lang ins Gewissen. Das ist - selbstredend - überaus ehrenwert, aber leider wird das Kino hier einmal mehr - fast wie bei Bellocchios "Ora di Religione" zur Quasselbude. Schön, dass in Cannes auch jene eine Chance bekommen, die wirklich etwas zu sagen und nicht bloß etwas zu zeigen haben - zum Beispiel falsche Fliegen.
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