Von Wolfgang Höbel
Freunde, das Leben ist schlecht: Das muss einem auch und gerade in Cannes natürlich immer wieder gesagt und vorgeführt werden, damit man unter all dem Palmengewedel, im klaren Maisonnenlicht und inmitten des Fesivalrummels nicht vergisst, wie schwer es die Mühseligen und Beladenen dieser Welt haben - ach was, nicht bloß die, auch das Dasein des einigermaßen wohlstandsverwöhnten Mittelständlers (also sagen wir ruhig: unseres) ist hohl und leer.
Lektion 1 (Das ausweglose Elend der sozial an den Rand Gedrängten) bekommen wir in "Sweet Sixteen", dem neuen Film von Ken Loach eingetrichtert; Lektion 2 (die Sinnlosigkeit der durchschnittlichen Angestelltenexistenz) lehrt uns Jack Nicholson persönlich in Alexander Paynes Verfilmung eines Louis-Begley-Bestsellerromans, "About Schmidt". Beide Filme laufen im Wettbewerb um die Goldene Palme.
Ken Loach lässt natürlich schon durch den schwer ironischen Filmtitel "Sweet Sixteen" ahnen, dass es um ein Jugendlichen-Drama geht: Die Geschichte eines schottischen Jungen, der erst als kleiner Drogendealer und dann als Lehrjunge der großen Bosse um Geld und die Liebe seiner im Gefängnis sitzenden Mutter kämpft, ist aber ordentlich spannend und mit großem, gerechtfertigten Zutrauen zum jungen Hauptdarsteller Martin Compston erzählt. Da rackert ein chancenloser junger Held für seine Vorstellung vom Glück, und Loach findet schöne, karg-poetische Bilder, um diesen Traum (und dessen Scheitern) in der verregneten schottischen Landschaft lebendig zu machen: Das Grün der Natur in diesem Film wird immer wieder sehr eindrucksvoll kontrastiert durch die blutig roten Schrunden auf dem Körper des jungen Rebellen.
Es ist gut und wichtig, denkt man sich auf dem Weg aus dem Kino in die Sonne, dass es solche Filme gibt - aber an wen richten sie sich eigentlich? Filmemacher wie Loach und Mike Leigh (im direkten Vergleich zu Leighs "All Or Nothing" ist Loach in Cannes klarer Sieger) berichten vom Leben der sozial Deklassierten für ein bürgerliches, politisch aufgeschlossenes, saturiertes Publikum - und lassen die Zuschauer im sicheren Kinosessel ein wenig in die Hölle der Vorstädte blicken, die eben diese Zuschauer im wirklichen Leben eher meiden. Das kann man leicht pervers finden oder aber auch voll in Ordnung; Anlass zum Staunen aber ist es dann doch, dass ausgerechnet die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen Loachs poetische Beschwörung der britischen Jugend- und Sozialmisere mitfinanziert hat. Gäb's in Dortmund oder Duisburg nicht ähnliches zu filmen?
Branchenkenner finden solche Fragen naiv: Auch die deutschen Filmförderer (die Filmstiftung NRW hat nebenbei auch in den Riesenerfolg "Amelie" oder, hier in Cannes, in den palästinensischen Film "Divine Intervention" investiert ) wollen heute international mitspielen. Nur haben sie offenbar nicht kapiert, dass sie Geschäfte auf Gegenseitigkeit machen sollten. Würden nämlich endlich mal auch französische Filmfinanzierer wie Canal plus sich an Produktionen deutscher Regisseure beteiligen, dann wäre das deutsche Kino in Cannes plötzlich superpräsent. Französisches Geld gilt, egal ob der Regisseur aus Asien, Afrika oder Russland kommt, in Cannes traditionell als eine Art Freifahrtschein in die wichtigen Startpositionen. In diesem Jahr sind mehr als die Hälfte der knapp zwei Dutzend Wettbewerbsfilme irgendwie auch mit französischem Geld bezahlt; allerdings soll gerade die Förderungspolitik von Canal plus, der zum derzeit wackeligen Großkonzern Vivendi/Universal gehört, in Zukunft gründlich von Kunst auf Kommerz umgepolt werden.
Ganz jenseits solcher Niederungen hat der junge US-Regisseur Alexander Payne nun mit Jack Nicholson filmen dürfen - wieder in Paynes Heimat, im US-Bundesstaat Nebraska, wo bislang alle Payne-Filme (zum Beispiel die Komödie "Election") spielten. Nicholson ist in "About Schmidt" ein Versicherungsangestellter, der anlässlich seiner Pensionierung erkennt, wie sinnlos er sein Leben vergeudet hat. Seine Frau stirbt ganz plötzlich an einem Gehirnschlag, die Tochter ist dabei, einen Schwätzer und Nichtsnutz zu heiraten - und das Einzige, an das sich der zerknitterte Mann in dieser Lage klammern kann, sind ein paar Briefe, die er an einen kleinen schwarzen Jungen in Tansania schreibt: Den nämlich hat der ansonsten geizige Alte in einem plötzlichen Entschluss für 22 Dollar pro Monat fern-adoptiert.
Nicholson macht aus der penetrant schulmeisternden Romanvorlage von Begley (O vanitas!) eine wunderbare Solonummer, Regisseur Payne aber umstellt ihn mit Karikaturen des amerikanischen Alltagslebens: grotesken Visagen und fetten Leibern, gut gemeinten dummen Sprüchen und kaum verhohlener Bosheit. Na gut, die Tochter des Helden Schmidt (Hope Davis) darf als einzige außer Schmidt selbst mehr als eine reine Schießbudenfigur abgeben, aber sonst? Nicht zufällig ist das berührendste Bild dieses Films die Zeichnung, die der sechsjährige Patenjunge aus Tansania schickt: ein schlichtes Gekrakel, dass ein Kind und einen Erwachsenen Hand in Hand zeigt.
Die Pressevorführung wurde belacht und bejubelt, für mich blieb's trotz aller Bewunderung für Nicholsons Virtuosität ein billiger Spaß, vielleicht gerade wegen des ständigen Gegackers im Kino: "About Schmidt" zeigt wenig Mitleid und schon gar kein Erbarmen für seine Figuren, stattdessen geht's mit viel Tuba-Musik (humpta, humtpa ohne täterä) und Witzelei um immer dieselbe Erkenntnis: Das satteste Leben ist großer Mist, solange wir nicht in der Liebe zu anderen Menschen ein bisschen Erlösung suchen. Beim goldenen Palmwedel, beim azurblauen Himmel, beim türkis plätschernden Meerwasser in der Bucht von Cannes - wer hätte das gedacht?
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