Von Daniel Haas
Im Mythenarsenal amerikanischer Kultur besetzt er noch immer einen Spitzenplatz: Elvis, der King of Rock, ist nach wie vor eine dominante Ikone der Popgeschichte und Held eines zur Fabel gewordenen Lebensdramas. In seiner Person laufen die konträren Linien des kulturellen Selbstverständnisses der USA zusammen: das Primat, schön, erfolgreich und sexy zu sein, ebenso wie die Gefahr, hässlich und krank zu scheitern. In Demian Lichtensteins Thriller "Crime Is King" (Originaltitel: "3000 Miles To Graceland") addieren sich diese Aspekte zu einem bizarren Szenario.
Der König des Rock'n'Roll erscheint hier gleich mehrfach - in der Gestalt von Gangstern, die ein Casino in Las Vegas überfallen. Als Elvis-Doubles verkleidet startet die Truppe um Murphy (Kevin Costner) und Michael (Kurt Russell) einen Coup, der mit gewalttätiger Grandezza die ganze Stilgeschichte des neueren Action-Kinos plündert. Vor allem Quentin Tarantino und John Woo standen Pate bei dieser Gewaltorgie, an deren Ende nur die beiden zentralen Kontrahenten übrig bleiben: der brutale Sadist Murphy und der gutherzige Michael, der mit der Beute, seiner Geliebten (Courteney Cox-Arquette) und deren Sohn das Weite sucht.
Am Ende begegnen sich der gute und der schlechte Elvis in einem Zweikampf, der noch einmal die Konflikte durchspielt, die sich schon am historischen Presley zeigten. Denn der hüftschwingende Superstar ist zum einen die Projektionsfigur eines demokratischen Individualismus, der Menschen weltweit zu "imaginären Amerikanern" einte, wie der amerikanische Kritiker und Essayist Leslie Fielder einmal schrieb. Wenn Boris Jelzin sich mit dem Blues von "Are You Lonesome Tonight" tröstete oder Salman Rushdie erklärte, Elvis zu hören sei ihm bereits 1956 alles andere als fremd erschienen, dann hatte sich die Phantasie der lichten Seite des Mythos zugewandt, um dort ihr utopisches Potenzial zu bergen. Derselbe Elvis erscheint der kulturellen Imagination aber auch als teuflischer Kumpan wie in Ace Atkins' Roman "Crossroads Blues" oder als zerrütteter Zombie wie in Michael Almereydas Vampirtragödie "Nadja": Die Lichtgestalt wandelte sich zur Dekadenzfigur, zur untoten Manifestation einer schäbigen Illusion.
"Crime Is King" wurde von der amerikanischen Kritik einhellig zerrissen: zu manieristisch sei die Kamera, zu inkonsistent die Dramaturgie, zu unmotiviert die Darstellung. Doch auch wenn all das leider zutrifft, verfügt der Film dennoch über eine strukturelle Logik, die den Film von innen her organisiert. Unter der Oberfläche einer reinen Thriller-Handlung lässt der ehemalige Musikvideo-Regisseur Lichtenstein in seinem zweiten Spielfilm immerhin eine höchst emblematische Figur gegen sich selber antreten; es ist die schmerzhafte Auseinandersetzung einer Ikone mit sich selbst, der man hier in aller - zugegebenermaßen oft uninspiriert inszenierten Breite - beiwohnt.
Kevin Costner und Kurt Russell bleiben auch nach ihrem großen Coup die Elvisse, als die sie auf dem Filmplakat erscheinen: ob sie Fünfziger-Jahre-Chevys durch die Wüste fahren oder ihre messerspitzen Koteletten pflegen - hier sind nicht psychologisch motivierte Charaktere unterwegs, sondern hyperreale Doppelgänger eines Mannes, der zu Lebzeiten schon irreal geworden war. Ihr Dilemma liegt deshalb weniger im Kampf um Geld und Liebe als darin, Vertreter einer Warholschen Serie zu sein, an deren Ursprung kein Original, sondern eine vom Symbolischen durchdrungene Größe steht. Nicht umsonst reklamiert Murphy für sich, der verheimlichte leibliche Sohn Presleys zu sein: Hier soll die Genealogie richten, was die komplexe Dynamik der Kultur, ihre verunsichernde Verschlingung von Fakt und Fiktion, Authentizität und Inszenierung längst durcheinander gebracht hat.
So ist "Crime is King" gleichermaßen missraten und gelungen: Als realistische Fiktion des Thriller-Genres ist er filmische Stümperei auf Videoclip-Niveau, als Revision eines amerikanischen Mythos bietet er ein quälend konsequentes Experiment mit den Mitteln des Kinos.
"Crime Is King" ("3000 Miles To Graceland"). USA 2001. Regie Demian Lichtenstein; Buch: Richard Recco; Darsteller: Kurt Russell, Kevin Costner, Courteney Cox-Arquette, Jon Lovitz, Kevin Pollak, Christian Slater, David Arquette, Bokeem Woodbine; Produktion: 3000 Miles Productions, Franchise Pictures, Morgan Creek Productions; Verleih: Warner Brothers; Länge: 125 Minuten; Start: 23. Mai 2002.
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