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05.06.2002
 

Interview mit "Pollock"-Darsteller Ed Harris

"Sein Ringen um Menschlichkeit hat mich berührt"

Abseits vom Hollywood-Mainstream zeigt der amerikanische Schauspieler und Regisseur Ed Harris das Leben Jackson Pollocks in einem sensiblen Kino-Porträt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Harris über seine Identifikation mit dem enigmatischen Action-Künstler und die Bedeutung Pollocks für die moderne Ästhetik.

Filmemacher Harris: "Jeder Künstler braucht Glück"
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DDP

Filmemacher Harris: "Jeder Künstler braucht Glück"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Harris, Sie wurden 1950 geboren, als Jackson Pollock auf der Höhe seines Ruhms stand. Gehörte er zu den Helden Ihrer Kindheit?

Ed Harris: Ich kam sogar im November 1950 zur Welt, als Pollock seine bahnbrechende Ausstellung in der Galerie von Betty Parson in New York hatte. Seitdem galten seine "drip paintings" als Herzstücke des abstrakten Expressionismus. Ich erinnere mich an Tapeten, Möbelbezüge und ähnliche Haushaltsdekorationen, in deren Mustern sich sein Einfluss zeigte. Das gleiche gilt für das Design von Werbung und Verpackungen, aber das habe ich erst rückblickend verstanden. Das war natürlich nur die Oberfläche, Pollocks wahrer Einfluss ging viel tiefer. Aber es bedeutet ungeheuer viel, wenn sich die Konsumwelt in den USA ändert. Seltsamerweise hat auf diese Weise gerade der impulsive Pollock der synthetischen Pop Art Vorarbeit geleistet, die ja bald folgte.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie sonst so sehr an dem Maler interessiert, dass Sie bereits 1999 an einem Dokumentarfilm über ihn mitwirkten, für ihren eigenen Film mehr als zehn Jahre kämpften und darin schließlich Regie führten und selbst die Hauptrolle spielten?

Harris als Pollock: "Ich weiß nicht, ob ich ein solcher Freigeist bin"
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Harris als Pollock: "Ich weiß nicht, ob ich ein solcher Freigeist bin"

Harris: Ich muss dazu sagen, dass mich Pollock bewusst erst seit den achtziger Jahren fasziniert. Ich habe mehrere Biografien über ihn gelesen, und der Film ist auf Steven Naifehs preisgekrönte Biografie "Jackson Pollock: An American Saga" von 1995 aufgebaut. Ich selbst habe viel gemalt, um mich in die Rolle einzufühlen, habe mich mit der Dynamik und der Textur von Farbe auseinander gesetzt. Aber vor allem hat mich Pollocks Ringen um Menschlichkeit berührt. Er war ein Außenseiter, der mit vielen Ängsten und asozialen Impulsen fertig werden musste. Er versuchte, gerade so durch den Tag zu kommen, mehr durften andere kaum von ihm erwarten. Dennoch fand er einen eigenen, unverwechselbaren Ausdruck und eine persönliche Integrität als Künstler. Was braucht man mehr?

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht hatte er aber auch einfach nur Glück, weil Peggy Guggenheim und der mächtige Kritiker Clement Greenberg ihn PR-strategisch zum Erfinder einer genuin amerikanischen Malerei aufbauen wollten.

Harris: Jeder Künstler braucht Glück, aber Pollocks Bilder hatten es verdient. Sie schlugen eine kunsthistorische Schneise, durch die bis heute so viele hinterfahren. Wir haben dennoch im Film versucht, Greenberg als die enigmatische Figur hinter Peggy Guggenheim darzustellen, die er tatsächlich im Leben abgab. Es gibt eine Szene, in der Pollock versucht, ein Gemälde nach Greenbergs Geschmack zurecht zu machen. Darin zeigt sich, wie sehr er sich um ihn bemühte. Am Ende bringt er es aber doch nicht fertig. Und darin wiederum zeigt sich, dass für ihn an Ende wirklich nur seine Kunst zählte.

Filmszene aus "Pollock" (Pollock-Darsteller Harris und Marcia Gay Harden als Lee Krasner): "Ich glaube, dass er sich von seinem Ruhm allmählich bedroht fühlte"
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Filmszene aus "Pollock" (Pollock-Darsteller Harris und Marcia Gay Harden als Lee Krasner): "Ich glaube, dass er sich von seinem Ruhm allmählich bedroht fühlte"

SPIEGEL ONLINE: Sie stellen in dem Film detailgetreu einen legendär gewordenen Dokumentarfilm über Pollock nach, den der Fotojournalist Hans Namuth 1950 machte. Als die Dreharbeiten beendet waren, erlitt Pollock einen schweren Rückfall in seine Alkoholsucht. Über die Gründe ist immer viel gerätselt worden - was glauben Sie?

Harris: Ich glaube, dass er sich von seinem Ruhm allmählich bedroht fühlte. Seine Frau Lee Krasner, für deren Darstellung Marcia Gay Harden einen Oscar erhielt, hatte ihn sehr weit auf der Karriereleiter nach vorn gebracht, aber er wusste, dass er künstlerisch auf diesem Weg nicht mehr weiter gehen konnte. Er wusste allerdings nicht, wohin er sich sonst entwickeln könnte. Zudem muss er während der Dreharbeiten seine aggressiven Reflexe sehr stark unterdrückt haben. Pollock war einer dieser nach außen höflichen Männer aus dem Mittleren Westen, der sich trotz allem einen starken Sinn für Moral bewahrt hatte. Daher wollte er diesen Film zu Ende bringen, auch wenn es ihn aushöhlte, dass da jemand wochenlang kommandierte, wo genau er zu stehen und was er zu tun habe.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich damit identifizieren?

Harris: Ich weiß nicht, ob ich ein solcher Freigeist bin, auch wenn ich es nicht gerne habe, wenn man mir meine Schritte vorschreibt. Aber im Gegensatz zu Pollock kann ich diese Impulse analysieren und von einem objektiven Winkel betrachten. Er konnte dies nicht. Dafür war sein großer Beitrag zur Kunstgeschichte aber vielleicht, die reine, ungefilterte Energie des Moments einzufangen.

Action-Painting: Detailgetreu und sensibel bildet Harris die Arbeitsweise Pollocks ab
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Action-Painting: Detailgetreu und sensibel bildet Harris die Arbeitsweise Pollocks ab

SPIEGEL ONLINE: Gegen Ende des Films, als Sie den Maler kurz vor seinem Tod zeigen, erinnert er verblüffend an eine andere Emblemfigur der amerikanischen Nachkriegsmoderne. Da sehen Sie aus wie der baumlange, inzwischen leicht korpulente, mit virilem Bartwuchs und Hawaii-Hemden geschmückte Ernest Hemingway. Ist das Absicht?

Harris: Nein, aber das ist eine gute Frage. Wie sehr ließ sich Pollock von Ikonen seiner Zeit für seine Pose als Inbild amerikanischer Malerei beeinflussen, von Marlon Brando und James Dean zum Beispiel? Ich versuche offen gestanden, ihn immer als ein Original zu betrachten. Pollock lebte außerordentlich abgeschieden. Er las keine Zeitungen und hörte kein Radio. Er war furchtbar unpolitisch, trotz seiner Einlassungen zur Atombombe, die ja auch aus einer ganz abstrakten, moralischen Warte geschahen. Nein, ich glaube, er hat niemanden nachgeäfft.

SPIEGEL ONLINE: Was wird sich für Sie nun ändern? Ihr Name war bisher vor allem mit Hollywood-Actionfilmen wie "The Abyss" oder "The Rock" assoziiert.

Harris: Ich habe diesen Film nicht gedreht, um mich selbst neu zu definieren und gegen meine frühere Arbeit abzusetzen. Ich habe ihn gemacht, weil mir dieser Mann, sein Leben und seine Arbeit etwas bedeuten. Lassen wir das Ergebnis für sich selbst sprechen.

Das Interview führte Henrike Thomsen



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