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06.06.2002
 

"Spider-Man"-Erfinder Stan Lee

"Ich sehe keinen Penny"

Der legendäre Spider-Man-Erfinder Stan Lee, 79, über den Kinoerfolg seines Comic-Helden und verflossene Reichtümer.

Comic-Künstler Lee: "Die Zeit ist reif"
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AP

Comic-Künstler Lee: "Die Zeit ist reif"

SPIEGEL:

Mr. Lee, Sie haben Dutzende von Comic-Helden erfunden. Überrascht es Sie, dass sich ausgerechnet Spider-Man zu Ihrer populärsten Figur entwickelt hat?

Lee: Mein Herausgeber hat damals, 1962, geschimpft, "The Amazing Spider-Man" sei die schlechteste Idee, die ich jemals gehabt hätte. Man könne einen Charakter nicht Spinnen-Mann nennen, denn Menschen würden Spinnen hassen. Und man könne keinen pickeligen Teenager zum Helden machen, der noch dazu voller Probleme steckt. Alles war nach seiner Ansicht völlig falsch. Aber es war wohl genau richtig.

SPIEGEL: Hängt der Erfolg des Spider-Man also damit zusammen, dass er einfach menschlicher wirkt als etwa Superman?

Lee: Meine Comic-Helden sollten wirken wie echte Menschen mit echten Problemen. Spider-Man hat nie genug Geld und ist schüchtern; er liebt ein Mädchen, das sich nicht für ihn interessiert; und er hat Schwierigkeiten mit seiner Familie ­ er ist, abgesehen von seinen speziellen Fähigkeiten, ein normaler Junge.

Filmsezene aus "Spider-Man" (mit Tobey Maguire und Kirsten Dunst): "Märchen für Erwachsene"
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Columbia TriStar

Filmsezene aus "Spider-Man" (mit Tobey Maguire und Kirsten Dunst): "Märchen für Erwachsene"

SPIEGEL: "Spider-Man" ist im Kino nur eine Art Vorhut. Die Fortsetzung von "X-Men" ist in Produktion ebenso wie Verfilmungen von "The Hulk", "The Fantastic Four" oder auch "Daredevil". All diese Charaktere haben Sie für Marvel Comics erfunden. Weshalb bemühen sich die Hollywood-Studios denn gerade jetzt so sehr um Comic-Helden?

Lee: Im Kino ist wirklich eine Comic-Helden-Invasion im Gange. Die Zeit ist reif. Zum ersten Mal in der Filmgeschichte gibt es bei den Spezialeffekten keine Grenzen mehr. Es gibt nichts, was sich nicht mit Computerhilfe realisieren ließe. Das Publikum liebt Spektakel ­ gibt es Spektakuläreres als die Geschichten aus den Comic-Heftchen?

SPIEGEL: Hat der Siegeszug der Comic-Helden Ihrer Meinung nach auch mit der schwierigen Weltlage zu tun?

Lee: Nein. Es gibt sicher niemanden, der sich sagt: Macht euch keine Sorgen, Superman oder die The Fantastic Four werden die Lage in Palästina schon richten. Comics dramatisieren überlebensgroß die älteste Geschichte der Menschheit: Gut gegen Böse. Fast jeder hat als Kind Märchen gelesen, in denen Giganten, Hexen, Monster und Drachen auftauchen. Wenn man älter wird, will man sich nicht mehr mit Märchen erwischen lassen, aber man mag einfach noch immer diese Art von Geschichten. Darum sind für mich Comic-Helden und die Filme, die jetzt laufen, Märchen für Erwachsene.

Comic-Held Spider-Man: "Echte Menschen mit echten Problemen"
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DDP

Comic-Held Spider-Man: "Echte Menschen mit echten Problemen"

SPIEGEL: Die Kinomacher reizt natürlich zudem die Aussicht auf ein milliardenschweres Merchandising-Geschäft. Geht nun auch auf Sie der Goldregen nieder?

Lee: Ich sehe keinen Penny.

SPIEGEL: Wieso nicht?

Lee: Ich hätte natürlich nichts dagegen, Milliardär zu werden. Aber mein Vertrag bei Marvel war wie der eines Ingenieurs bei General Electric: Was immer der erfindet, gehört der Firma. Bei Marvel wurde ich stets fair behandelt und bekam ein gutes Gehalt. Ich kann mich nicht beschweren.

SPIEGEL: Im Spider-Man-Kinofilm firmieren Sie als "Executive Producer". Welche Aufgaben hatten Sie?

Lee: Das ist mehr ein Ehrentitel. Schön, dass mein Name auf der Leinwand steht, aber ich habe nicht wirklich was getan.

SPIEGEL: Waren Sie am Drehbuch beteiligt?

Lee: Das hätte mir Spaß gemacht. Aber es hat leider niemand nachgefragt, und ich wollte mich nicht aufdrängen.

SPIEGEL: Gefällt Ihnen der Film?

Lee: Ich finde ihn wunderbar. Die Spezialeffekte sind atemraubend. Es passiert so viel, dass man beim ersten Mal gar nicht alles erfassen kann.

SPIEGEL: Für Comic-Fans sind Sie ein Superheld: Sie dürften einer der fleißigsten Autoren aller Zeiten sein.

Lee: Vielleicht komme ich ja eines Tages ins Guinness-Buch der Rekorde. Seit 1940 ist fast kein Tag vergangen, an dem ich nicht mindestens eine Geschichte geschrieben habe.

SPIEGEL: Werden Sie je in Rente gehen?

Lee: Was soll ich denn da? Viele Leute behaupten, sie wollen sich zurückziehen, um endlich das zu tun, was sie wirklich mögen. Ich mache genau das, was ich wirklich will.

INTERVIEW: MARCO EVERS

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