Das letzte Drittel des Festivals ist angebrochen, und während man am Morgen darüber staunt, dass das fast schon übliche nächtliche Gewitter diesmal nicht einfach weiterzieht, sondern einen grauen Herbsthimmel über dem Lido zurücklässt, kann man drüber nachsinnen, wer dieses Festival als Sieger verlassen wird: Es gibt nach wie vor keinen klaren Favoriten auf die Hauptpreise der Filmfestspiele.
In der Kritiker- und Zuschauerhitparade eines italienischen Tagesblatts ist immer noch "The Magalene Sisters" von Terry Mullen an der Spitze, ein schottischer Film über die sadistische Misshandlung irischer Mädchen in einer kirchlichen Besserungsanstalt. Gut im Rennen liegen daneben die amerikanischen Filme "Road To Perdition" und "Far From Heaven" und erstaunlicherweise auch Patrice Lecontes "L'Homme du Train". Vielleicht lieben die Italiener diesen trüben Der-Spiesser-und-der-Gangster-Klamauk, weil Johnny Hallyday den Gangster spielt. Egal, die deutschen Biennale-Beiträge "Führer Ex" (Winfried Bonengel) und "Nackt" (Doris Dörrie) liegen jedenfalls in der Gunst von Kritik und Publikum weit hinten.
Kaum besser dürfte es dem (unter anderem) mit allerhand deutschem Geld gedrehten Film "Bear's Kiss" gehen. Der russische Regisseur Sergej Bodrow erzählt mit viel ungelenker Pseudo-Naivität von einem Zirkusmädchen, das einen kleinen Braunbären geschenkt bekommt - und der wird nicht nur größer, sondern verwandelt sich immer mal wieder (weil es die Liebe des Mädchens so will) in einen strammen Traumprinzen. Eine unglaublich angestrengte Märchenreise durch halb Europa, die auch Joachim Król in der Rolle des Zirkusclowns leider nicht retten kann.
Richtig großes meldodramatisches Kino versucht die polnische Regisseurin Agnieszka Holland in der deutsch-kanadisch-holländischen Produktion "Julie Walking Home". Der Film beginnt mit schrecklichem Gebrüll in einem Krankenhaus irgendwo im ehemaligen Sowjetreich, wo durch Bomben oder eine andere Katastrophe Schwerstverletzte über die Gänge geschoben werden; plötzlich bringt ein offenbar mit Zauberkräften begabter kleiner Junge die Schreienden zum Schweigen.
Furioser Anfang. Nun erzählt Holland ein Familiendrama aus dem heutigen Kanada. Die aus Polen stammende Katholikin Julie (gespielt von der wirklich großartigen Miranda Otto) und der Jude Henry (William Fichtner) kriegen sich in die Haare, weil sie ihn mit einer anderen erwischt. Sie will mit den beiden Kindern ausziehen, als der achtjährige Nick plötzlich zusammenbricht: Das Kind ist krebskrank. Zunächst scheint die Sorge um den Sohn die Eltern wieder zusammenzubringen, doch als es dem Kleinen immer schlechter geht, beschließt Julie in ihre Verzweiflung, sich an einen russischen Wunderheiler, der in Polen Furore macht, zu wenden. Man ahnt: Der Wunderheiler ist jener (inzwischen erwachsene) Knabe aus dem Krankenhaus, den wir am Filmanfang sahen.
Das Seltsame an "Julie Walking Home" ist, dass sich in ihm viele hinreissende Einzelszenen finden, in denen man mit den Helden mitfiebert (und durchaus bereit ist, an Wunder zu glauben); doch als Ganzes bleibt der Film leider konfus und ziellos, als hätte sich die Regisseurin in ihrer Geschichte irgendwann nicht mehr zurechtgefunden und einfach treiben lassen. So kommt es, dass man sich fast ein wenig hintergangen fühlt, wenn man das Kino nach zwei Stunden verlässt - mit einem leisen Zorn, weil nicht nur die Zuschauer, sondern auch Julie und ihre Lieben Besseres verdient hätten als das völlig vermurkste Finale dieses Films.
Mehr Klarheit, mehr Direktheit findet man eher jenseits des Wettbewerbs. Im "Controcorrente", der Gegenreihe, zeigt die Norwegerin Unni Straume in ihrem Film "Musik für Hochzeiten und Begräbnisse" lauter unglaublich kunstvoll ausgeleuchtete Tableaus von grandioser Ruhe und Klarheit. Man sieht Menschen in grandioser Architektur, Menschen am Fjord, Menschen im Bett - und möchte in jedem Bild versinken. Der ganze Film ist so schön fotografiert, das dem Zuschauer (zumindest mir) die Handlung um eine Schriftstellerin, die über den Tod ihres Sohnes hinwegzukommen versucht, ziemlich unwichtig wird.
Kurioserweise sind kranke und tote Kinder eine Art heimliches Leitmotiv des diesjährigen Festivals, aber das nur so nebenbei. Schwer angeschlagen sind auch die jungen Aussenseiter-Helden, denen sich der Amerikaner Larry Clark in seinem neuen Werk "Ken Park" (wie schon in seinem umstrittenen Erfolgsfilm "Kids") widmet. Diesmal geht's nicht nur um Drogen, Waffen, Labern und darum, seinen Kopf zwischen Mädchenschenkeln zu versenken, sondern auch um bizarre Onanie-Praktiken à la Michael Hutchence und um einen Mord an den eigenen Großeltern. Naja, harter und etwas ermüdender Stoff.
Was für eine Erleichterung dann, als Clint Eastwoods neuer Film "Blood Work" zu sehen ist, der leider außer Konkurrenz in Venedig läuft: Eastwood ist ein alter FBI-Haudegen, der wegen Herzproblemen in Rente gehen muß, ein neues Herz verpasst bekommt - und es bald für seine Aufgabe hält, den Mörder jener Frau zu finden, in deren Brust dieses Herz einst schlug. "Blood Work" ist ein schlichter, nicht mal allzu schneller, routinierter Thriller ohne jedes Geplänkel, also ganz gewöhnliche Hollywoodkost. Aber die konsumiert man hier in Venedig fast schon wie eine Delikatesse.
Wolfgang Höbel
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