Frau Riemann, kannten Sie die "Bibi Blocksberg"-Kassetten, als Ihnen die Rolle der Hexenmutter Barbara Blocksberg angeboten wurde?
Katja Riemann: Nein, um ehrlich zu sein kannte ich sie nicht. Ich habe erst mal ganz schnell meine Tochter Paula angerufen. Sie kannte sie, obwohl sie keine einzige Kassette davon hatte. Aber Kinder sind ja immer unglaublich informiert.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie am Anfang gezögert, die Rolle anzunehmen - schließlich ist es ja keine typische Katja-Riemann-Rolle?
Riemann: Überhaupt nicht. Ich finde es ganz großartig, Kino für Kinder zu machen. Vor allem, wenn man bei einem Film mit so viel Phantasie und Märchenhaftigkeit mitmachen kann. Außerdem ist es einfach toll, eine Hexe spielen zu können. Ich habe das Drehbuch gelesen und mich dann lange gequält, ob ich mir die Kassetten anhören soll. Ich habe mich dann dagegen entschieden. Ich habe doch genug Phantasie, meine eigene Barbara Blocksberg zu erfinden.
SPIEGEL ONLINE: In "Bibi Blockberg" wird ein recht altmodisches Frauenbild gezeichnet. Der Vater arbeitet, die Mutter gibt ihm zuliebe den Beruf auf. Sie gelten ja als eine sehr moderne Frau. Hatten Sie Schwierigkeiten, sich mit dem Film und der Rolle zu identifizieren?
Riemann: Ich verstehe, was sie meinen. Ich dachte am Anfang auch: Au, wie kriegt man da den ganzen bürgerlichen Staub raus und dieses goldgerahmte Hirschbild über dem Bett. Das war für mich die Herausforderung an dem Film. Ich habe es gelöst, indem meine Barbara am Ende des Tages sagt: Ja, ich spiele das Spiel mit. Aber du glaubst doch wohl nicht, dass sobald Bernhard Blocksberg aus dem Haus ist, sie auch nur einen Finger krumm macht. Sie hext eben schnell die Wäsche und den Abwasch weg und dann widmet sie sich ihren Hexentrünken.
SPIEGEL ONLINE: Was für eine Art von Frauenbild versuchen Sie denn ihrer Tochter vorzuleben?
Riemann: Eine die lernt, nein zu sagen. Eine, die wahrhaftig ist, Gerechtigkeit liebt und sich wehrt. Und dass sie etwas investieren muss, um das zu kriegen, wofür sie brennt. Ich sage ihr immer: Wenn sie sich jetzt nicht wehrt, wird sie es nie tun. Aber man kann ja Kinder immer nur begleiten. Man kann sie nicht nach seinem Bilde formen. Man kann nicht sagen: Schaukel nicht so hoch. Man kann nur da sein, wenn sie runterfallen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst früher zu oft ja gesagt?
Riemann: Nein. Beruflich habe ich mich nie verkauft. Ich habe nie etwas gemacht, das nur für meine Karriere gut war. Und ich habe immer gesagt, was ich denke. Das wird auch gerne falsch verstanden. Aber wenn mich etwas ärgert, dann sage ich das eben. Dann sage ich: Das ist eine total dumme Frage. Mittlerweile bin ich da aber etwas diplomatischer geworden. Andererseits habe ich zu einigen Dingen nicht nein gesagt, weil ich sie zu Ende bringen wollte. Die Schule zum Beispiel war für mich das totale Trauma. Ich wollte eigentlich nach der neunten Klasse abgehen, aber ich habe trotzdem noch mein Abitur gemacht. Oder meine Anfangszeit bei den Kammerspielen - ich fand sie schrecklich, habe aber trotzdem weiter gemacht. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ja jetzt lange im Ausland gedreht. War das so geplant?
Riemann: Geplant ist nichts bei Schauspielern. Wir können so was nicht planen. Und auch unser Gehalt ist nicht so, wie die meisten Menschen sich das vorstellen. Wir müssen unseren Beruf auch ausüben, um unsere Miete zu zahlen und unsere Kinder großzuziehen. Es ist für mich aber ein Privileg, wenn man mit etwas Geld verdient, was man am liebsten auf der Welt tut. Ich bin froh, dass ich schon so viele tolle Projekte machen durfte. Aber planen kann man eine Karriere nicht. Man sitzt da und wartet, dass einem jemand etwas anbietet. Und dann bekommt man eben die gute Hexe angeboten und denkt: Hmm, die böse Hexe wäre aber viel interessanter gewesen.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat es sich angefühlt, mit dem Film "Desire" für das kanadische Pendant des Oscars nominiert worden zu sein?
Riemann: Das war eine große Ehre. Das Tollste war, dass ich nicht als ausländische, sondern als beste kanadische Schauspielerin nominiert war. Deshalb bin ich auch hingeflogen. Das war unglaublich, die ganze Filmbranche Kanadas war da und sie kannten mich alle. Ich bin da völlig betäubt wieder herausgegangen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Schauspielerin im Ausland positivere Erfahrungen gemacht als in Deutschland?
Riemann: Für mich war es in Kanada, wo ich zwei Monate am Stück war, unheimlich befreiend, dass mich niemand angesprochen hat. Ich konnte mich völlig frei bewegen. Da bin ich noch ein unbeschriebenes Blatt. Da gibt es noch kein von anderen aufgebautes Image über meine Person, in dem ich mich letztlich gar nicht wiederfinde. Sie nehmen mich dort für das, was ich bin und wie ich arbeite.
SPIEGEL ONLINE: Was für ein Image glauben Sie denn in Deutschland zu haben?
Riemann: Ich glaube, ich bin eine große Projektionsfläche. Jeder malt sein eigenes Bild auf mir herum. Mittlerweile ist da eine ganze Ausstellung auf mir. Aber ich bin mir selbst so verbunden, dass ich mir sage: Ich muss da niemanden mehr bedienen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich denn in ihrer Zeit im Ausland verändert?
Riemann: Ich bin sicherlich ruhiger geworden als ich es noch vor fünf Jahren war. Aber ich bin ja kein anderer Mensch. Ich kann nur meinen Beruf so gut machen, wie ich es kann. Ich habe meine Familie und Freunde, das hilft. Das Problem ist nur, dass wir kreativen Menschen Mimosen sind. Wir sind unheimlich empfindlich. Empfindlicher als andere Menschen, sonst würden wir vielleicht BWL studieren oder bei der Krankenkasse arbeiten. Kritik trifft uns härter als andere. Davor muss man sich schützen. Ich habe mich einfach entzogen. Heute sehe ich, dass es nach wie vor Menschen gibt, die schätzen, was ich seit über 15 Jahren tue.
SPIEGEL ONLINE: War es denn die richtige Entscheidung, sich für eine Zeit zurückzuziehen?
Riemann: Ja, aber es hat mich fast ruiniert. Vor allem finanziell. Ich muss ja irgendwie meine Knete zusammen kriegen. Andererseits war es auch kein so bewusster Schritt. Ich habe sehr lange an meiner Musik gearbeitet. Mit meiner Band bin ich meinen musikalischen Visionen noch ein großes Stück näher gekommen. Wir haben meine Songs noch einmal neu akustisch und mit Jazz-Einfluss aufgenommen. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ihr schwieriges Image sehr zu spüren bekommen, als sie ihre CD "Nachtblende" veröffentlicht haben?
Riemann: Nein, da eher nicht. Ich glaube auch, das hat sich etwas gelegt. In der Musik ist es so, dass man als Schauspieler gegen viele Vorbehalte erst mal anmusizieren muss. Als kreativer Mensch braucht man aber immer neue Kanäle, um Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Schauspielerei ist eben keine produzierende, sondern reproduzierende Kunst. Ich beatme das, was jemand anderes vor mir erfunden und geschrieben hat, vermische es im besten Fall mit mir selbst. Bei der Musik kann ich meine eigenen Dinge erzählen. Es gibt da sicher einige, die denken: Oh, Gott, jetzt muss die auch noch singen. Aber ich habe den langen Atem, trotzdem weiter zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie denn im "Bibi Blocksberg"-Film keinen eigenen Song?
Riemann: Das fragen Sie mal die Regisseurin! Das finde ich selbst schade. Als ich den fertigen Film sah, dachte ich: Ulrich Noethen und ich hätten doch ein tolles Duett singen können. Aber die Kinder haben das auch ganz toll gemacht.
Das Interview führte Meike Werkmeister
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