Von Rüdiger Sturm
Einen Faustschlag von Matt Damon zu bekommen, kann ein Vergnügen sein. Als er eine der Kampfszenen für "Die Bourne Identität" drehte, befürchtete er, er könne seinen Partner Nicky Naude tatsächlich treffen. Deshalb versprach er ihm für jeden Punch eine Flasche Champagner. Am Ende wurden zwei Kisten daraus.
Diese Episode ließe sich als eine der typischen Star-Anekdoten abtun, gäbe es da nicht einen Haken. Denn Matt Damon ist kein typischer Star. Zugegeben, für seine Rolle in Doug Limans Agententhriller kassierte er satte 10 Millionen Dollar, in seiner New Yorker Wohnung steht der Drehbuch-Oscar für "Good Will Hunting" und sein Gesicht allein reicht aus, um selbst Filme wie "Der talentierte Mr. Ripley" zu verkaufen.
Trotzdem fällt es schwer, das Image von Glamour und Macht mit der Person mit der "Technicolor"-Baseballkappe und dem schlichten Sweatshirt zu verbinden, die müde auf dem Hotelsofa sitzt. Auch deshalb, weil Damon in der Realität schmaler und jungenhafter aussieht als auf der Leinwand. Der 31-Jährige wirkt wie ein sympathischer Durchschnittsstudent, der sich in eine Hollywood-Produktion verlaufen hat. Und so verhält er sich auch. Seine Großzügigkeit gegenüber dem "Bourne"-Prügelknaben hatte nichts Gönnerhaftes an sich, war eher wie eine Geste von Kumpel zu Kumpel.
Matt Damon lebt nach dem Kameraderie-Prinzip. Anders als die Kollegen seiner Gehaltsklasse kam er schon an Bord des "Bourne Identität"-Projekts, bevor überhaupt ein Studio seine Zusage gegeben hatte. Regisseur Doug Liman ist er noch heute freundschaftlich verbunden. Beim Interview lebt er sichtlich auf, wenn er alte "Buddy"-Geschichten auspackt: von der Poker-Weltmeisterschaft, an der er und Edward Norton als Werbegag zu "Rounders" teilnahmen, oder von den Comic-Leseorgien, die er zusammen mit Langzeit-Kumpel Ben Affleck und anderen Highschool-Freunden veranstaltete. Zum Dreh von "Ocean's Eleven" fällt ihm vor allem ein, dass "man mit George Clooney immer einen riesigen Spaß hat". Und als er vor wenigen Monaten als Bühnenschauspieler in "This Is Our Youth" im Londoner Garrick Theatre auftrat, dann auch deshalb, weil Afflecks Bruder Casey mitspielte.
Ironischerweise verkörpert Damon im Film meist einen entgegengesetzten Typus: den Einzelgänger. Auch "Die Bourne Identität" zeigt ihn als einsamen CIA-Killer. In "Der talentierte Mr. Ripley" war er eine verlorene Seele auf der Jagd nach dem süßen Leben, als "Good Will Hunting" der brillante Außenseiter auf der Suche nach sich selbst. Sogar die Titelrolle in "Der Soldat Ryan" machte ihn zum Sonderfall: Weil seine drei Brüder gefallen sind, soll ihn ein Spezialkommando eigens nach Hause holen.
Selbst wenn Matt Damon das Kumpel-Ethos hochhält, aus seiner Karriere kennt er auch die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Die Entscheidung für die Schauspielkarriere fällte er gegen den erklärten Willen seiner Eltern. Schon während seines Studiums in Harvard kam er an die ersten Filmrollen, doch er begriff bald, dass an ihm kein Marlon Brando verloren gegangen war. Was andere durch Genie oder Charisma erreichten, musste er sich mühsam und systematisch erarbeiten. Für eine Nebenrolle als heroinsüchtiger Soldat in "Mut zur Wahrheit" (1996) unterzog er sich einer brachialen Hungerkur.
Aber selbst diese Ochsentour brachte ihm noch nicht den Durchbruch. Wieder war pure Strategie gefragt. Matthew McConaugheys Einsatz in "Die Jury" hatte ihm gezeigt, welche Karrierewirkung ein John-Grisham-Film haben konnte. Deshalb sondierte er den Markt nach der nächsten Verfilmung des Bestsellerautors. Das Kalkül machte sich bezahlt: Francis Ford Coppola besetzte ihn als idealistischen Anwalt in "Der Regenmacher" - auch eine Außenseiterrolle. Und endlich nahm die Branche von ihm Notiz. Doch der Medienrummel, der speziell nach "Good Will Hunting" losbrach, machte seinen Job auch nicht leichter. Für jede Rolle trainiert er verbissen - ob er für "Mr. Ripley" mehrere Wochen Klavier übte oder für "Die Bourne Identität" fünf Monate lang eine philippinische Kampfsporttechnik studierte.
Aber gerade weil Damon seine eigenen Grenzen kennt, macht er sich keine Illusionen über seinen Status im Hollywood-Pantheon vor: "Der Ruhm wird wieder verschwinden, das ist ganz natürlich." Konsequenterweise überließ er Co-Autor Ben Affleck bei der Überreichung des "Good Will Hunting"-Oscars die meiste Redezeit. So gesehen dürfte er auch nicht unglücklich sein, dass seine klatschkolumnenträchtige Beziehung mit Winona Ryder längst vorbei ist. Denn: "Ich bin ein ganz normaler Mensch." Wenn etwas die Karriere von Matt Damon erklärt, dann ist es das: Er ist nicht der Star, der den Normalbürger perfekt imitiert wie etwa Tom Hanks, sondern wirklich nur einer von den Jungs. Oder macht er uns nur etwas vor? Bei den Kampfszenen in "Die Bourne Identität" bekam auch er einen Ellbogencheck ins Gesicht: "Und genau diese Einstellung sah nicht echt aus", erklärt er. Denn: "Nur das was vorgetäuscht ist, wirkt natürlich und normal."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH