Von Oliver Hüttmann
Das Filmplakat täuscht auf dem ersten Blick. Es zeigt ein Motiv aus der Anfangssequenz von "Väter", ein Symbol der Romantik und Unschuld kurz vor dem Erwachen: In rote Bettlaken eingehüllt liegen Marco (Sebastian Blomberg) und Melanie (Maria Schrader) nebeneinander, zwischen ihnen ruht ihr sechsjähriger Sohn Benny (Ezra Valentin Lenz). Doch die Harmonie ist perspektivisch bereits verrutscht: Auf dem Bild hält Marco Benny in den Armen, während Melanie etwas abseits liegt und skeptisch auf ihre schlafenden Männer blickt. Im Film wird sie es dann sein, die den Jungen mitnimmt und ihn alleine zurück lässt. So manifestieren sich Sehnsucht und Wirklichkeit, Gegenwart und Zukunft in einem eingefrorenen Moment.
Dass diese Kleinfamilie vor der Zerreißprobe steht, spürt man gleich bei den morgendlichen Szenen. Architekt Marco hat verpennt, ausgerechnet am Tag seiner ersten Präsentation eines wichtigen Projektes. Zwischen Bad und Küche wird hektisch der Alltagsablauf abgestimmt. Sie bittet ihn, Antibiotika für Benny bei der Apotheke abzuholen. Er steht dann im Stau und erhält vom Kunden doch noch begeisterte Zustimmung für das Bauvorhaben. Der Erfolg wird im Büro natürlich gefeiert. So vergisst Marco neben dem Medikament auch den Hochzeitstag.
Wegen des Arbeitsstresses wird er sich noch öfter verspäten, Benny nicht vom Kindergarten abholen können, kaum noch Zeit für die Familie haben. Als er Melanie auf der Hochzeit von Bekannten mit einem witzig gemeinten Satz über seine partnerschaftliche Unzuverlässigkeit düpiert, kommt es zum Krach, folgt eine Ohrfeige, erscheint die Polizei. Melanie zieht aus, reicht die Scheidung ein und erwirkt vor Gericht das Sorgerecht.
Der Weg in die Krise scheint vorgezeichneten, oft gezeigten Klischees zu folgen. Aber auch das trügt. Es ist eher eine Auswahl typischer Kleinigkeiten, an denen Beziehungen letztlich immer scheitern. Ebenso beiläufig wie stilisiert mit digitaler Videokamera gedreht, schildert Regisseur Dani Levy den exemplarischen Konflikt einer Familie, die überfordert ist von den eigenen Ansprüchen, beruflichen Anforderungen und gesellschaftlichen Auswüchsen unserer modernen Zeit.
Das Drehbuch zu "Väter" basiert auf einer Reportage des SPIEGEL-Autors Matthias Matussek über Männer, die nach der geltenden Regelungen kaum Chancen auf das Sorgerecht für ihre Kinder haben, denen die Ex-Frau sogar die Besuchszeit verknappen oder verweigern kann. Sein Resümee: Die Rechte der Mütter, über Jahrzehnte in zähen Kämpfen gestärkt, haben eine Ungerechtigkeit gegenüber den Vätern zementiert.
Davon erzählt auch Levy. "Väter" ist Marcos Film. Es gibt keine Einstellung ohne ihn. Man sieht ihn leiden, sich einsam betrinken, wie er vor Melanies neuer Wohnung herumlungert, seine Arbeit vernachlässigt und verzweifelt in den Kindergarten eindringt, um mal mit Benny sprechen zu können. Schließlich nimmt er ihn in einen Urlaub mit, juristisch gesehen eine Entführung.
Es sind herzzerreißende Augenblicke, wenn sie zusammen Auto-Scooter fahren oder in einer Kiesgrube vor riesigen Lastwagen stehen. Männer unter sich, in kurzen Hosen. Doch dann läuft Benny verwirrt weg. Am Ende der Aktion steht Marco nur mit einer Unterhose bekleidet auf der Straße vor der Polizei. Er hat alles verloren, seine Ehe, den Job, Benny.
Über Melanie dagegen erfährt man recht wenig. Sie arbeitet als Lehrerin, und dass sie Marco beim Prozess ums Sorgerecht des Alkoholismus und der Gewalttätigkeit bezichtigt, erscheint zunächst hartherzig. Allerdings bemüht sie sich auch um Versöhnung. Doch als sie spontan mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, platzt sie prompt in die Verabredung mit seiner Kollegin Ilona (Christiane Paul). Eine solche Situation müsste jeder schon mal erlebt haben. Matusseks Totschlagbeispiele von sanften, verantwortungsvollen, feministisch herangezogenen Opfern, die Mahnwachen vor dem Amtsgericht abhalten, hat Levy dennoch nicht übernommen. Sein Film berichtet vielmehr von Gefühlen, Ängsten und der Unmöglichkeit, die Bedürfnisse jedes Einzelnen und der Geschlechter auf Dauer in einer Familienkonstellation zu bündeln.
Damit ist seine Haltung radikaler und pessimistischer als Matusseks zugespitzte Provokation. Liebe hat hier ihre Magie verloren, die Ehe ist nur noch ein Kooperationsvertrag mit fristloser Ausstiegsklausel. Die Freiheiten, die wir gewonnen haben und genießen, gehen auch einher mit der uneingeschränkten Forderung nach ihnen. Dadurch funktioniert das alte System nicht mehr, das letztlich am Tropf von Gesetzen hängt, die alles noch komplizierter machen und neues Unrecht schaffen. Die meisten Menschen sind von sich aus halt nur bedingt kompromissfähig. Familienland ist abgebrannt und "Väter" neben Dominik Grafs "Der Felsen" der intensivste, bemerkenswerteste und aufrichtigste deutsche Film des Jahres.
Dass Benny am Schluss mit einem simplen Rechenbeispiel doch noch etwas Hoffnung stiftet, sei gestattet.
"Väter", BRD 2002. Regie: Dani Levy; Buch: Dani Levy, Rona Munro; Darsteller: Sebastian Blomberg, Maria Schrader, Ezra Valentin Lenz, Christiane Paul, Ulrich Noethen, Rolf Zacher, Marion Kracht; Produktion; X Filme Creative Pool; Verleih: X Verleih; Länge: 102 Minuten; Start: 26. September 2002
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH