• Drucken
  • Senden
  • Feedback
08.11.2002
 

Fatih Akins "Solino"

Italienisch für Anfänger

Von Oliver Hüttmann

Der zwirbelnde Charme des Latin Lover und die gestresste Grandezza der Mamma Mia: Mit "Solino" gelang dem deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin eine gefühlvolle Hommage an das italienische Kino der fünfziger und sechziger Jahre, die leider nicht gleichzeitig als sozialkritische Studie funktioniert.

Szene aus "Solino": Profan wie eine "Derrick"-Folge
Zur Großansicht
DDP

Szene aus "Solino": Profan wie eine "Derrick"-Folge

Italien scheint eine einzige Kinokulisse zu sein. Da reist ein deutsch-türkischer Regisseur aus Hamburg einfach nach Apulien in ein Dorf nahe Lecce ­ und schon sieht sein Film aus wie bei Vittorio de Sica, Federico Fellini oder Luchino Visconti. Der Ort habe sich seit den sechziger Jahren kaum verändert, berichtet Fatih Akin. Das Jahrzehnt gehörte noch zur großen Ära des italienischen Films, die in der Nachkriegszeit mit dem Neorealismus begann und heute allenfalls wehmütig und etwas kitschig Guiseppe Tornatore in seinen Filmen wie "Cinema Paradiso" oder "Der Mann, der die Sterne macht" beschwört. Akin hat augenscheinlich die alte Farbopulenz getroffen, die verblichene Pracht der Gemäuer und Landschaften in der Nachmittagssonne und das Wesen der Italiener, wie wir es aus dem Kino kennen.

Denn Akin, 29, geboren und aufgewachsen im Hamburger Arbeiterviertel Altona als Sohn türkischer Migranten, hat für seine Saga über italienische Einwanderer im Ruhrgebiet die Meisterwerke von damals studiert. Und auch die Hamburger Autorin Ruth Toma ("Gloomy Sunday") ließ sich offenbar von den Ikonographien leiten. Inspiriert ist ihr Drehbuch zwar von der Familiengeschichte ihres Ehemannes, dessen Eltern Anfang der Sechziger in Oberhausen die erste Pizzeria Deutschlands eröffneten. Die Warmherzigkeit und der Witz, die Typologie vom zwirbelnden Charme des Latin Lover über die gestresste Grandezza der Mamma Mia bis hin zur Exzentrik eines italienischen Regisseurs stammt vom Italiener an der Ecke. So ist "Solino" im Kern kein intimes Porträt über Identität und Integration, eher eine Hommage an eine Kinoepoche und rührende, amüsante Klischees, die die italienischen Schauspieler Antonella Attili und Gigi Savoia mit klassischer Gestik verkörpern.

Italienische Darsteller Attili (l.) und Savoia: Rührende, amüsante Klischees
Zur Großansicht
DDP

Italienische Darsteller Attili (l.) und Savoia: Rührende, amüsante Klischees

"Solino" verläuft über drei Jahrzehnte, fällt dabei allerdings in zwei Teile. Der erste beginnt 1964 mit beschwingter Tragikomik in Solino. Giancarlo (Michele Ranieri) und sein kleiner Bruder Gigi (Nicola Cutrignelli) klettern durch eine Luke in eine Scheune, um dort Spatzen zu fangen. Dabei werden sie von dem Bauern ertappt. Giancarlo kann entwischen und lässt Gigi zurück ­ ein egoistischer Charakterzug, der das Verhältnis zwischen den Brüdern über Jahre bestimmen wird. Ein Polizist schleppt Gigi nun zu seinen Eltern, die mit der gesamten Sippe am Krankenbett des Großvaters ausharren. Als aus Gigis Jackentasche ein Spatz flattert, bricht abergläubisches Geschrei aus und der alte Mann verstirbt. Vater Romano Amato (Gigi Savoia) beschließt daraufhin, dem Lockruf eines Verwandten zu folgen, demnach in Deutschland viel Geld zu verdienen sei. Nur die Mutter Rosa (Antonella Attili) glaubt nicht daran und hält vor der Abreise den Zug an, weil sie zu lange in der Kirche betet.

Brüder Gigi (B. Metschurat) und Giancarlo (M. Bleibtreu): Konflikte, Kriminalität und Krankheit
Zur Großansicht
DDP

Brüder Gigi (B. Metschurat) und Giancarlo (M. Bleibtreu): Konflikte, Kriminalität und Krankheit

Das feststehende Bild von der italienischen Hektik und Lebendigkeit endet dann im trüben Stadtbild von Duisburg. Die Wohnung ist so dunkel und eng wie der Kohleschacht, in dem sich Romano abmüht. Die einzigen bunten Punkte zwischen den grauen Straßenfassaden sind bedeutungsvoll ein Gemüseladen (Rosa: "Es gibt keine Auberginen, kein Oregano, und die Zwiebeln sind mickrig!") und ein Fotogeschäft, dessen gutherziger Besitzer den neugierigen Gigi für die Fotografie begeistert. Rosa fühlt sich hier nicht Zuhause, Romano frustriert die Schufterei unter Tage, Giancarlo wird immer verschlossener. Nur Gigi ist interessiert an der fremden Sprache und knüpft Freundschaft zu dem blonden Nachbarmädchen Jo. Dann kommt Rosa die Idee, in einer leerstehenden Eisdiele ein Restaurant zu eröffnen für jene italienischen Männer, die ihre Familie zurückgelassen haben. Das "Solino" wird ein Stück Heimat, zumal alle italienischen Darsteller in ihrer Sprache zu deutschen Untertiteln reden.

An dieser Stelle ist auch Akin ganz bei sich selbst. Mit dem Lokal als Lebensmittelpunkt der Amatos entwickelt er in episodischen Alltagsszenen gefühlvoll und gewitzt die Figuren und ihre Probleme weiter. Romano bewirtet die Gäste, bändelt mit den Frauen, befehligt eitel die Familie und sorgt sich nur, dass Rosa die Spaghettiteller zu voll macht. Ein Regisseur namens Baldi, der mit seiner Crew im Viertel dreht, fasziniert Gigi für den Film. Giancarlo reagiert eifersüchtig auf die zarte Bande seines kleinen Bruders zu Jo. Und Rosa, die jeden Tag in der dampfenden Kellerküche steht, ähnlich wie zuvor Romano im Bergwerk, wirkt zunehmend müde und einsam. Das klingt sehr einfach und ist es auch, funktioniert aber unterhaltsam wie eine Revue.

Regisseur Akin: Meisterwerke von damals studiert
Zur Großansicht
DPA

Regisseur Akin: Meisterwerke von damals studiert

Doch dann macht der Film einen satten Sprung in die siebziger Jahre. Nun spielt Moritz Bleibtreu als Giancarlo seine erste weniger sympathische Rolle und Barnaby Metschurat den sanften Gigi. Und auch wenn an ihrer Darstellung absolut nichts auszusetzen ist, schlingert "Solino" von da an etwas gestelzt durch Konflikte, Kriminalität und Krankheit. Die Entfremdung der Familie erscheint einem zu hurtig abgespult, so als würde das zuvor sorgfältig aufgebaute Potenzial der Figuren zwischen Sex, Drogen, Rockmusik und anderem Zeitkolorit auf einen Schlag platzen. Dabei hat Akin mit seinem Regiedebüt "Kurz und schmerzlos" beweisen, dass gerade hier seine Stärken liegen. Vielleicht erscheint es aber auch nur so profan wie eine "Derrick"-Folge, weil einen die vorangegangene Atmosphäre und gelungene Poesie eingelullt hat.

Die kehrt dann, noch idealisierter und besinnlicher, mit der Heimkehr der todkranken Rosa zurück. Gigi begleitet sie, obwohl er in Deutschland am Beginn einer Filmkarriere steht, und wird ein letztes Mal von Giancarlo in Stich gelassen. Dass er in Italien dennoch familiäres Glück findet und ein altes Freiluftkino renoviert, in dem sich am Schluss das gesamte Dorf versammelt, ist purer Romantizismus, italienischer Kitsch für Anfänger. Aber gleichzeitig auch schlicht wunderbar. Fatih Akin, ein Talent mit bedingungsloser Liebe zum Film und zum Genre, hat langes, schmerzvolles Gefühlskino inszeniert, das zwar einige Schwächen aufweist, an dem aber nichts falsch ist.

"Solino", BRD 2002. Regie: Fatih Akin; Drehbuch: Ruth Toma; Darsteller: Moritz Bleibtreu, Barnaby Metschurat, Antonella, Attili, Gigi Savoia, Nicola Cutrignelli, Michele Ranieri; Produktion: Wüste, Bavaria, WDR/arte; Verleih: X Verleih; Länge: 120 Minuten; Start: 7. November 2002

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP