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05.12.2002
 

Disneys "Schatzplanet"

Der Letzte seiner Art

Von Oliver Hüttmann

Disney ist nicht mehr das Maß aller Dinge im Trickfilm-Geschäft, seit computeranimierte Helden wie "Shrek" die Herzen der Zuschauer erobert haben. Das liebevoll gestaltete Science-Fiction-Abenteuer "Der Schatzplanet" versprüht zum vielleicht letzten Mal den Charme klassisch gezeichneter Kinokunst.



"Der Schatzplanet", Protagonist Hawkins (mit Roboter B.E.N.): Smarter Surfer-Typ
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Buena Vista

"Der Schatzplanet", Protagonist Hawkins (mit Roboter B.E.N.): Smarter Surfer-Typ

Walt Disney hat mehrere Generationen bewegt, vielleicht sogar emotional ebenso geprägt wie viele andere Erfahrungen ihrer ganz frühen Jahre. Seine Zeichentrickfilme waren oft die erste Konfrontation mit Tod, Liebe, Einsamkeit, Freundschaft, Hass, Bangen und Hoffen. Denn die Kurzgeschichten, Märchen und Bücher, die er verfilmen ließ, konnten die meisten noch nicht lesen, als sie neben den Eltern im Kino saßen und staunten. Disney brachte sie zum Weinen und Lachen auf eine Art, die schon hinter den Horizont kindlicher Reflexe verwies.

Dafür brauchte man nicht mal die Handlung ganz verstehen. Es waren die Bilder von Bambis entsetzen Augen, Susi und Strolchs unfreiwilligem Spaghetti-Kuss, vom Verzicht des rührig-rauen Balu auf Mowgli oder Schicksal der Aristocats-Familie in einem Korb am Straßenrand, die alles sagten ­ und an die man sich noch heute erinnert. Solche Momente machen Filme zu Klassiker. Seit Disney 1937 mit "Schneewitchen und die sieben Zwerge" seinen ersten langen Zeichentrickfilm herausbrachte, gab es in jedem Jahrzehnt für jeden von uns andere solcher Klassiker.

Szene aus "Der Schatzplanet": Disney schöpft nicht mehr nur aus dem eigenen Kosmos
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Buena Vista

Szene aus "Der Schatzplanet": Disney schöpft nicht mehr nur aus dem eigenen Kosmos

"Die Schöne und das Biest" oder "Der König der Löwen" dürften auch dazu zählen. Dennoch ließen einen die Disney-Filme in den letzten Jahren immer gleichgültiger. Das liegt natürlich am eigenen Alter und Leben, das die Sentimentalität geschliffen hat. Aber auch den Kreativen und Produzenten im Disney-Konzern ging das Gespür für die rechte Mischung aus Witz und Wärme verloren. Die Filme waren entweder zu infantil oder zu kompliziert, die Zeichnungen wirkten überholt, steril oder krampfhaft neumodisch.

Außerdem haben sich die Konditionen geändert: Fernsehen und Playstation beherrschen inzwischen die Erlebniswelt der Kinder, die immer ausgereiftere CGI-Technik hat den herkömmlichen Zeichentrick zum Stummfilm des Animationsgenres gemacht und mit "Shrek" und "Ice Age" das Disney-Monpol gebrochen. Zwar konnte der Konzern mit seiner computergenerierten "Monster AG" dagegen halten, aber Zeichentrickfilme wie das ernsthafter angelegte "Atlantis"-Abenteuer und "Lilo & Stitch" mit seinen farblichen Experimenten waren Flops.

In dieser Situation überrascht "Der Schatzplanet" mit gemischten Gefühlen. Der neue Disney wurde noch von Zeichnern entworfen, aber im Tempo und Schnitt mittels CGI auf Höhe der Zeit gebracht. Die Figuren weisen auf den romantischen Disney-Stil der Vierziger, Fünfziger und Sechziger zurück, Robert Louis Stevensons Roman "Die Schatzinsel" wurde indes zum Sci-Fi-Plot. Regie führten Ron Clements und John Musker, die mit "Arielle", "Aladdin" und "Hercules" drei verschiedene Phasen bei Disney mitgemacht haben. Dieser Zeichentrickfilm könnte der Letzte seiner Art sein und illustriert zugleich als Zwitter die Zäsur.

Disneys Zeichentrick-Opulenz: Seemannsgarn und Futurismus
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Buena Vista

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Die Handlung entspricht im Wesentlichen der Vorlage. Der Teenager Jim Hawkins kommt in Besitz einer Karte, die zu der sagenumwobenen Beute des legendären Weltraumpiraten Flint führt. Er heuert auf einem Schiff an, wo ihn der Koch John Silver unter seine Fittiche nimmt, der allerdings selbst hinter dem Schatz her ist und schließlich eine Meuterei anführt. Hawkins ist gewiss als Identifikation für das kleine bis junge Publikum gedacht, ein rebellischer Surfer-Typ mit smarter Boygroup-Attitüde. Zur signifikantesten, zentralsten Figur wird im Verlauf aber Silver.

Heimtückisch, schelmisch, mit bärbeißigem Humor und sentimentaler Ader sind in dem alternden, massigen Cyborg alle emotionalen Bindungen und Wendungen der Story verbunden. Er ist der Vagabund, der Hawkins sein möchte, wird für den Jungen zum Vater, den jener nicht hat, und im Verrat zur Enttäuschung wie dessen Erzeuger. Vor allem Silvers Mimik ist bemerkenswert gezeichnet, sein Ringen zwischen Freundschaft und Gier, Härte und Herzlichkeit, Schuldgefühlen und der Leichtigkeit des einzelgängerischen Abenteurers.

Auch das Universum, eine Kombination aus historischen und intergalaktischen Elementen, Seemannsgarn und Futurismus, ist ohne Zweifel phantastisch gezeichnet. Die Schiffe werden mit Solar-Segeln angetrieben, es gibt antiquarische Laserkanonen und eine Mannschaft aus diversen Aliens. Gleichzeitig zeigt sich hier das gleiche Problem wie beim aktuellen Bond-Film: Disney schöpft nicht mehr nur aus dem eigenen Kosmos. Statt inhaltlich und optisch Visionen vorzugeben, wird zitiert, kopiert und parodiert, was andere Filme bereits in den Köpfen der Zuschauer verankert haben. Der Schlüssel zum Schatzplaneten ist ein "Stargate", der Weltraumhafen ist dem aus "Star Wars: Episode I ­ Die dunkle Bedrohung" nachgestellt, den Protokoll-Droiden C3PO findet man als durchgeknallten Roboter B.E.N wieder, obschon der Blechkasten ungemein lustig ist.

CGI-Hit "Shrek": Disney-Monopol gebrochen
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UIP

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Ebenfalls sehr ulkig sind die Streiche des winzigen und grünen Formwandlers Morph, der das Gegenteil zu seinem goldglänzenden, steifen und humorlosen Verwandten Odo aus "Star Trek: Deep Space Nine" darstellt. Bei CGI-Filmen wie "Das große Krabbeln", "Shrek" oder "Die Monster AG" sind die Referenzen Teil des Konzeptes und heutiger Popkultur. Hier wirkt das ein wenig anbiedernd.

Dennoch ist "Der Schatzplanet" ein Vergnügen auch für die ältere Generation. Manchmal scheinen die klassischen Folienzeichnungen gegenüber den reinen CGI-Animationen noch eine Atmosphäre auszustrahlen, die man auch bei Vinylplatten verspürt. Das ist womöglich nur eingebildet. Aber auch dieses Gefühl ist etwas wert.

"Der Schatzplanet" ("Treasure Planet"). USA 2002. Regie: Ron Clements, John Musker; Deutsche Stimmen: Robert Stadlober, Jochen Striebeck, Suzanne von Borsody, Carin C. Tietze, Thomas Fritsch; Produktion: Walt Disney Pictures; Verleih: Buena Vista; Länge: 95 Min.; Start: 5. Dezember 2002

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