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06.12.2002
 

"Jeans"

Nicolette spielt mit der Wirklichkeit

Von Andreas Borcholte

Die Schauspielerin Nicolette Krebitz hat mit "Jeans" ihren ersten Film gedreht - eine Collage ohne Plot und Aussage, die sich ganz auf die Macht der Bilder und die Ausstrahlung ihrer Darsteller verlässt. Das hätte schief gehen können, ist es aber nicht.

Angie (Angie Ojciec) lässt sich treiben: Kleid an, Kleid aus
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Elisha Smith - Leverock / X Verleih

Angie (Angie Ojciec) lässt sich treiben: Kleid an, Kleid aus

Selbst Tom Tykwer weiß nicht so recht, was er mit "Jeans" anfangen soll: "Ist das ein Film? Ist das eine Geschichte? Ist das Kunst? Ist das die Frage?, wundert sich der Regisseur von "Lola rennt" im Presseheft und gibt sich gleich darauf selbst eine Art Antwort: "Es ist 'Jeans'. Und alles andere zählt nicht".

Die Schauspielerin Nicolette Krebitz, bekannt aus TV-Filmen wie "Der Tunnel" oder Kino-Experimenten wie "Long Hello und Short Goodbye", ist ein mysteriöses Wesen, eine undurchdringliche Schöne mit Unschuldsmiene, der vielleicht unberechenbarste Star, den der deutsche Film vorzuweisen hat. Wenn sie überhaupt ein Star ist.

Für ihr Regiedebüt "Jeans" scharte die 31-jährige Berlinerin eine Handvoll Freunde und Kollegen um sich und, so scheint es zumindest, drehte einfach drauflos. Das Ergebnis heißt schlicht "Jeans" und hat mit den beliebten blauen Hosen so gut wie gar nichts zu tun. Es sei denn, man sucht mutwillig eine Metaebene, auf der sich die Jeans irgendwie auch als Metapher für unsere kollektive Sehnsucht nach Freiheit, vielleicht auch als kleinster gemeinsamer Nenner, der uns alle verbindet, sehen lässt. Denn eine Jeans haben wir wohl alle im Schrank.

Oschi und Dogge (Oskar Melzer, Marc Hosemann): Ungleiche Freunde suchen eine Bleibe
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Bella Halben / X Verleih

Oschi und Dogge (Oskar Melzer, Marc Hosemann): Ungleiche Freunde suchen eine Bleibe

Aber so verkopft muss man an "Jeans" gar nicht herangehen, obwohl die Eingangssequenz zunächst sehr unangenehm an Kunstkino erinnert: Im körnigen Schwarzweiß sehen wir eine Joggerin im Wald (Krebitz als "Coco"), die dort auf einen korpulenten Typen (Oskar Melzer als "Oschi") trifft, der sich der Läuferin anschließt. Atmend joggen die beiden nebeneinander her, und man vermutet trotz (oder wegen) der Wackelkamera sogleich den sexuellen Übergriff eines groben Lüstlings, der sich über die zarte Coco hermachen will. Doch alles kommt anders. Am Ende der Episode liegen die beiden im Gras, haben gerade in ekligster Weise jeder ein Vogelei ausgeschlürft und beobachten die Vogelmutter, die verzweifelt ihre Eier sucht. Dem Kerl läuft angesichts dessen eine Träne übers Gesicht, dem Mädchen nicht. Immerhin war sie es, die die Eier aus dem Nest gestohlen hat. Rollenklischees auf den Kopf gestellt, so weit, so wirr.

Zum Glück geht es anders weiter: Schnitt in die hochsommerliche Mitte von Berlin. Jetzt in Farbe sehen wir Oschi und Dogge (Marc Hosemann), ein ungleiches Freundespaar. Dogge ist der Aufreißer, der eine Frau schon um den Finger wickelt, bevor sich Oschi überhaupt traut, den Mund zur Anmache zu öffnen. Sie sind aus ihrer Wohnung rausgeflogen und suchen eine neue Bleibe. Vorübergehend kommen sie bei ihrer Bekannten Angie (Angie Ojciec) unter, einem Mädchen, das sich scheinbar den ganzen Tag treiben lässt. Nun hängen sie dritt herum, schlafen in einem Bett, manchmal auch miteinander, sehen fern.

Drei Freundinnen in Berlin Mitte: Alltag, wie er nun einmal ist
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Elisha Smith - Leverock / X Verleih

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Mehr Plot hat "Jeans" erst einmal nicht zu bieten. Später lernt der glücklose Oschi doch noch ein Mädchen kennen (Jana Pallaske als "Nina"), mit der er nachts in einen Garten einbricht um den Pool zu benutzen. Der Pool ist zwar leer, doch Nina, die in einer Bar kellnert, in Wahrheit aber von der Schauspielerei träumt, springt trotzdem ins Becken und simuliert die Schwimmbewegungen, als wäre das Wasser da.

Mavie (Mavie Hörbiger), eine andere Bekannte von Oschi und Dogge, ist in der Disco zusammengebrochen und liegt im Koma. Oschi besucht sie dort und liest ihr Passagen aus einem Buch von Michel Houellebecq vor. Als er gegangen ist, erhebt sie sich von ihrem Lager und tanzt lautlos zu der Musik in ihrem Kopf im Raum herum. Als die Schwester kommt, liegt sie wieder leblos im Bett. Man glaubt, hier ein Bild für extremen Eskapismus zu entdecken, die Flucht vor der Langeweile des Lebens ins Bewusstlose, aber sicher sein will man sich über diesen Gedanken dann doch nicht.

Frauenheld Dogge wird in einer Telefonzelle von zwei Musliminnen verprügelt, tanzt auf einer Eisbahn leidenschaftlich mit einer Achtzigjährigen und liefert sich auf dem Sportplatz mit Coco ein Wettrennen, dass im atemlos-erotischen Gerangel auf dem Rasen endet. Romantik und Gewalt, Sex und Sinnsuche im ziellosen Aneinander.

Regisseurin Krebitz schleicht sich in Gestalt von Coco als "all seeing eye" durch ihren eigenen Film. Wie eine stumme Fädenzieherin überwacht sie die Handlungen ihrer Charaktere und erweckt den wahrscheinlich trefflichen Eindruck, als wüsste nur sie allein um das große Schema, das uns alle lenkt. Das Engelhafte, das die Krebitz so bezaubernd macht, verstärkt diesen Effekt und liefert so einen irritierend mystischen Hintergrund zu den Oberflächlichkeiten, die zu sehen sind, und dem unwichtig wirkendem Gerede der Protagonisten.

Regisseurin Krebitz: Undurchschaubare Fädenzieherin
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Monika Rehberger / X Verleih

Regisseurin Krebitz: Undurchschaubare Fädenzieherin

Doch wie gesagt, wer hier zu vehement nach Sinn sucht, wird nicht fündig. "Jeans" ist eine gelungene Collage, die das Leben so abbildet, wie es nun einmal ist: Zufällig, langweilig, von Träumen beseelt und manchmal vom Schicksal gesteuert. Die Bilder, die Krebitz uns hinwirft, sind oft stark und eindrucksvoll, dann wieder trivial. Ob sie Metaphern sein sollen, bleibt offen. Eher wähnt man sich zuweilen in einem verlängerten Werbespot von "H&M" wieder, einem jener Lifestyle-Clips, in denen sich angeblich die Ästhetik und Befindlichkeitswelt der Jugend widerspiegeln soll. So haust auch Angie in einer Wohnung, die vollgestopft mit den derzeit begehrten Retro-Möbeln und -Fetischen ist. Als die beiden Jungs an ihrer Haustür klingeln, ist sie dabei zu sehen, wie sie sich anzieht: Kleid an, Kleid aus, T-Shirt an, T-Shirt aus, oder doch lieber Kleid?

Gegen diesen Clip-Charakter - oder die Parodie dessen - stemmen sich einige der besten Jungschauspieler Deutschlands, jene, die auch noch ausstrahlen, wenn sie nur sich selbst darstellen. Auch Benno Fürmann, Jasmin Tabatabai und Pop-Literat Rainald Goetz sind in ungezwungenen, winzigen Rollen zu sehen. Fast wirkt es, als wären sie gerade zufällig vorbeigekommen, als Nicolette ihr Home-Movie drehte und kurz eingesprungen, nur aus Lust am Drehen, Filmemachen und Herumspielen mit der Wirklichkeit, Atmosphäre und Illusion. Mehr will "Jeans" wohl auch nicht sein. Ein Film ja, aber keine Geschichte, kaum Kunst und keine Fragen. Eine ungewöhnliche Alltagsbetrachtung halt, die hell strahlt im grauen Einerlei des deutschen Kinos. Danke, Nicolette.

"Jeans". Deutschland 2001. Regie: Nicolette Krebitz; Darsteller: Nicolette Krebitz, Oskar Melzer, Marc Hosemann, Jana Pallaske, Mavie Hörbiger, Angie Ojciec, Benno Fürmann, Jasmin Tabatabai, Rainald Goetz; Produktion: Nicolette Krebitz, X Filme; Verleih: X Verleih; Länge: 80 Min.; Start: 5. Dezember 2002

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