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03.01.2003
 

Eminems "8 Mile"

Ich rappe, also bin ich

Von Oliver Hüttmann

Hollywood und Sozialdrama ist nicht gerade eine Erfolg versprechende Melange. Aber mit ein bisschen urbaner Folklore, guter Musik und Superstar Eminem funktioniert auch das. In "8 Mile" spielt der weiße Ausnahme-Rapper seine Geschichte, aber nicht sich selbst.



Eminem alias Jimmy Rabbit Smith jr.: Der Rap stiftet die Identität
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Eminem alias Jimmy Rabbit Smith jr.: Der Rap stiftet die Identität

Als große weiße Hoffnung wurden immer mal wieder jene Boxer ausgerufen, die im Ring die Dominanz der schwarzen Champions brechen sollten. Diesem Bild folgte auch die Zeitschrift "Entertainment Weekly", deren Cover im vergangenen Jahr den weißen Rapper Emimem mit Fausthandschuhen in Angriffspose zeigte. Denn auch im Rap geht es um Kombinationen und harte Treffer, um einen verbalen Schlagabtausch mit dem finalen Punch aus präzisen Reimen.

"Mama Said Knock You Out" hieß in den Achtzigern ein Song von LL Cool J, mit dem der erste schwarze Superstar des HipHop auf rappende Rivalen eindrosch, die ihn als Waschlappen bezeichnet hatten. Und wegen seiner großen Klappe wird Muhammad Ali im nachhinein als Urvater des Rap geehrt. Doch der Größte in diesem Genre, das trotz der globalen Verbreitung und Aneignung genuin für das Selbstverständnis der Schwarzen steht, ist derzeit Eminem.

Als Protegé des schwarzen Produzenten Dr. Dre tauchte dieser blasse Blonde gegen Ende der Neunziger aus dem Nichts auf und widerlegte die Meinung, Weiße könnten nicht rappen. Den Respekt der Schwarzen hatten bis dahin nur die New Yorker Beastie Boys oder Latino-Bands wie Cypress Hill aus Los Angeles erhalten. Von diesem Kampf um die Akzeptanz als Rapper erzählt nun Curtis Hansons Drama "8 Mile", das Eminem als Jimmy "Rabbit" Smith in seiner ersten Filmrolle zeigt und auf einigen bekannten Eckdaten seiner Biografie basiert.

Bittere Lyrik: Wüste Beschimpfungen und Flüche von Rabbits Mutter (Kim Basinger) fließen in seine Texte ein
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Bittere Lyrik: Wüste Beschimpfungen und Flüche von Rabbits Mutter (Kim Basinger) fließen in seine Texte ein

Rabbit ist Fabrikarbeiter und wächst wie einst Eminem in einem tristen Wohnwagen-Park von Detroit auf. Er lebt bei seiner Mutter, einer Alkoholikerin, die von Kim Basinger gespielt wird und deren wüsten Beschimpfungen und Flüche in seinen Rap-Texten einfließen. Am Anfang übt er auf der Toilette eines Clubs vor dem Spiegel für einen Freestyle Battle Contest. Dabei treten zwei Rapper gegeneinander an, die nacheinander zum gleichen Beat mit improvisierten Reimen den jeweils anderen mundtot machen müssen.

Dass ihn der Türsteher zunächst nicht hereinlassen will, symbolisiert bereits seine aussichtslose Lage auf diesem Terrain. Vom rein schwarzen Publikum lautstark verspottet, verschlägt es Rabbit auf der Bühne denn auch sofort die Sprache. Am Ende aber, nach einer schmerzhaften Selbstfindung durch Demütigungen und Enttäuschungen, wird Rabbit aka Eminem bei weiteren Rap-Runde über die Mitglieder einer schwarzen Gang triumphieren und die ersehnte Anerkennung bekommen.

Die Battle-Szenen mit ihrer angespannten Atmosphäre, die sich explosiv in den expliziten Lyrics entlädt, sind der beeindruckendste Moment in "8 Mile". Dennoch ist dies kein Musikfilm, der den Beginn einer Karriere schildert, und auch als Erklärung für Eminems Aufstieg eignet sich die Geschichte nicht. Vielmehr verhandelt Curtis Hanson hier ebenso einfach wie geschickt die Perspektivlosigkeit der Jugend in den Slums amerikanischer Großstädte. Ob schwarz oder weiß, hier leiden alle längst unter denselben trostlosen Zuständen. Wenn Jimmys schrottreifer Wagen, in dem er mit seinen multikulturellen Kumpels ziellos durchs einstige Herzstück der US-Autoindustrie fährt, ständig defekt ist, sagt das mehr als jedes politische Statement. Und der Zorn, die Tristesse und Träume artikulieren sich jenseits der Hautfarbe im Rap, der eine Chance bietet und Identität stiftet. Ich rappe, also bin ich.

Hat nichts zu lachen: Rabbit im Bus
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Hat nichts zu lachen: Rabbit im Bus

Die Auseinandersetzung auf der Ebene des Rap ersetzen auch die Gewalt und Bandenkriege in den Ghettos. Der einzige Schuss, der in "8 Mile" abgefeuert wird, geht wortwörtlich in die Hose. So nimmt Hanson allerdings der Realität die Härte. Das verfallene Detroit wirkt nur noch wie eine verregnete Kulisse. Da war die Authentizität von "Boyz N The Hood" und "Menace II Society" erschütternder. Und wenn Rabbit sich einmal unter schwarze Kollegen mischt, die allesamt rappend ihre Lebenssituation diskutieren, mutet das Sozialdrama wie die urbane Folklore eines Musicals an.

Eminem wiederum spielt sich selbst und ist dabei ziemlich beachtlich. Dennoch bleibt Rabbit wohl nur eine weitere Persönlichkeit in seiner Reihe verschiedener Kunstfiguren. Während er sich auf seinen Platten als Rächer und Berserker geriert, dessen comic-artigen Übertreibungen und Phantasien ihn den Ruf einbrachten, sexistisch und schwulenfeindlich zu sein, gibt er in "8 Mile" den traurigen Helden. Darin ähneln er und die Story Sylvester Stallones "Rocky", der als große weiße Hoffnung gegen den schwarzen Champion antrat.

"8 Mile", USA 2002; Regie: Curtis Hanson; Drehbuch: Scott Silver; Darsteller: Eminem, Kim Basinger, Brittany Murphy, Mekhi Phifer, Eugene Byrd; Produktion: Imagine Entertainment; Verleih: UIP; Länge: 110 Minuten; Start: 2. Januar 2003

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