Mr. Hanson, Eminem wurde mit Hasstiraden auf Schwule und seine eigene Mutter zum Rap-Star. In "8 Mile" geht er nun plötzlich auf Schmusekurs: Er verteidigt einen homosexuellen Arbeitskollegen und kümmert sich rührend um seine von Kim Basinger gespielte Mutter. Wollten Sie sein Image aufpolieren?
Curtis Hanson: Ich habe mir wegen der Kontroversen um seine Texte lange überlegt, ob ich die Szene mit dem homosexuellen Arbeitskollegen einbauen sollte, weil ich die Zuschauer nicht darauf stoßen wollte, dass der Mann auf der Leinwand tatsächlich Eminem ist. Aber ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Ich glaube, dass man Menschen mit Filmen beeinflussen kann. Das war die Gelegenheit, der HipHop-Gemeinschaft ihren Hass vor Augen zu halten.
SPIEGEL ONLINE: Hat sich Eminem dagegen gesträubt?
Hanson: Nein, im Gegenteil, er hat sogar die Texte für den entsprechenden Rap-Song geschrieben. Als Sänger wie als Darsteller spielt er eine Rolle. Der wahre Eminem ist schwer zu greifen.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Zweifel, ob er der Rolle im Film gewachsen sein würde?
Hanson: Ich habe ihm gleich zu Beginn ganz unverblümt gesagt, dass er nicht zwangsläufig ein Aktivposten des Films ist. Er musste mich erst überzeugen, dass er die Dreharbeiten genauso ernst nimmt wie seine Musik. Sein kultureller Horizont ist begrenzt, aber er ist neugierig und nimmt Dinge auf wie ein Schwamm, verarbeitet sie und gibt sie in anderer Form zurück - das ist ein Teil der HipHop-Kultur: Recycling. Bei den ersten Proben war er ziemlich schlecht, doch durch seine große Disziplin und seine Fähigkeit, sich fremde Dinge anzueignen, wurde er immer besser.
SPIEGEL ONLINE: In "8 Mile" geben Sie dem Zuschauer die Gelegenheit, Eminem bei der Arbeit zuzusehen: Er schreibt mit Kleinstbuchstaben Blätter mit Texten voll...
Hanson: ...die er während der Dreharbeiten geschrieben hat. Texte zu den Songs "Jimmy" und "Lose Yourself". Keiner der Songs stand im Drehbuch. Während der Proben und bei den Dreharbeiten haben wir darüber gesprochen, mit welcher Musik die Emotionen dieses oder jenes Charakters verstärkt werden könnten. Eminem hat sich dann hingesetzt und sie geschrieben. Das führte zu einem, wie ich finde, einzigartigen Ergebnis: Der Film folgt einem Musiker auf der Suche nach seiner Kreativität, nach einer Stimme, die seinen Emotionen Ausdruck gibt.
SPIEGEL ONLINE: Anfangs sind nur Fragmente zu hören ...
Hanson: ... die sich dann nach und nach zu einer Einheit fügen. Schließlich hören wir das fertig gestellte Werk eines Künstlers, dem wir bei seiner kreativen Arbeit die ganze Zeit über die Schulter geschaut haben. Für Eminen war das sehr schwierig und erforderte von ihm viel Mut. Denn normalerweise arbeitet er sehr zurückgezogen, sehr introvertiert.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich vor diesem Filmprojekt schon für HipHop und Rap interessiert?
Hanson: Begrenzt. Es hat mich aber schon immer fasziniert, dass unsere Gesellschaft über ein Jahrzehnt lang versuchte, die Existenz des Rap zu leugnen, indem sie behauptete: "Das ist Musik von denen da drüben. Sie ist böse und hässlich, hat mit uns nichts zu tun und wird wieder verschwinden". Das Gegenteil passierte: HipHop verbreitete sich immer weiter und überwand alle Rassen- und Klassenschranken. Kunst, die mit derartiger emotionaler Kraft die Wahrheit sagt, durchbricht eben rassische, wirtschaftliche und nationale Grenzen.
SPIEGEL ONLINE: Zugleich ist diese Musik aber oft sehr aggressiv.
Hanson: Sie gibt der Aggressivität und dem Hass, die in unserer Gesellschaft herrschen, Ausdruck, kanalisiert sie dadurch aber. Die Rapper in unserem Film setzen Worte wie Waffen ein oder besser: statt Waffen. Wenn sie bei ihren Sprechgesängen gegeneinander antreten, versuchen sie, ihre Gegner durch Beleidigungen verbal niederzumachen und zu beweisen, dass sie die besseren, stärkeren, maskulineren Männer sind. Die Worte sind vielleicht hässlich, nur im Kontext haben sie eine andere Bedeutung, so wie auch das Blut im Boxring andere Gefühle auslöst und Reaktionen provoziert als das Blut, das bei einer Prügelei auf einem Parkplatz oder in einer Bar fließt. Und genau das hat mich fasziniert: zu erklären, welche Wurzeln der HipHop hat.
SPIEGEL ONLINE: Und die liegen unter anderem in Detroit, einer vom Niedergang gezeichneten früheren Industriemetropole.
Hanson: Das war einmal das Herz des industriellen Amerika. Einst versprach diese Stadt jedem, der sie betrat, eine große Zukunft. Nun verspricht sie nichts mehr. Eminem und seine Freunde wurden in diese Welt hineingeboren. Sie wissen nicht, wie Detroit früher aussah. Dies ist die einzige Welt, die sie kennen. Deshalb erzählt der Film auch keine Geschichte von Menschen, die der schrecklichen Wirklichkeit entfliehen wollen. So ist es nämlich nicht. Sie fühlen sich dort zu Hause.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht deprimierend, dass sie dieser Welt nicht entkommen wollen?
Hanson: Nein, das sehe ich nicht so. Sie haben einen unglaublichen Lebensmut, die Bürger von Detroit. Das ist auch einer der Gründe für die extrem reiche Musik-Geschichte dieser Stadt. Sie hat den Blues, Jazz und Gospel hervorgebracht hat und später den HipHop. Dieser Geist, der über die Umstände triumphiert, ist ganz und gar nicht deprimierend.
Das Interview führte SPIEGEL-Korrespondent Helmut Sorge in Los Angeles
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