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17.01.2003
 

"Der Obrist und die Tänzerin"

Das schlechte Gewissen der Mittelschicht

Von Oliver Hüttmann

Fünf Jahre lang hat der US-Schauspieler John Malkovich an seinem Regiedebüt "Der Obrist und die Tänzerin" über den peruanischen Guerillaführer Guzman gearbeitet. Entstanden ist ein Polit-Thriller, der poetisch, packend und psychologisch präzise die Ohnmacht gegenüber den Mechanismen von Gewalt und Gegengewalt aufzeigt.

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33 Attentate wurden in fünf Jahren verübt. Es begann in den Provinzen, wurde kaum von der Öffentlichkeit registriert, und hat nun die Hauptstadt erreicht. Ein Junge stürmt in ein Lokal und sprengt sich in die Luft. Vier Mädchen in kurzen Röcken und Schuluniformen erschießen mit Maschinenpistolen einen hohen Militär. Eine avantgardistische Theatergruppe schneidet während einer Aufführung dem Innenminister und seiner Gattin die Kehlen auf. Und an einer Straßenlaterne baumelt ein Hundekadaver mit einem Pappschild, auf dem mit Blut die Parole geschrieben ist, die nach jedem Anschlag verkündet wird: "Lang lebe Präsident Ezequiel".

Die Gewaltakte sind kurze, an expliziter Brutalität zunehmende Erschütterungen in der sonst bleiernen Poesie von John Malkovichs Regiedebüt "Der Obrist und die Tänzerin". Nach dem Roman von Nicholas Shakespeare, der auch das Drehbuch verfasste, schildert der stets unberechenbar gebliebene Schauspieler die Fahndung nach Abimael Guzman, Gründer der peruanischen Widerstandsgruppe Leuchtender Pfad.

Bis zur Verhaftung des enigmatischen Philosophieprofessors brachten die Guerillas ebenso gezielt wie wahllos Tausende Menschen um. Diese Tatsache reicht schon zu einer empörten Haltung, um den Terror zu geißeln und Guzman als Massenmörder anzuprangern - zumal in der jetzigen politischen Welt-Stimmung. Statt dessen aber haben Malkovich und Shakespeare in fünfjähriger Arbeit ein psychologisch packendes und präzises Dokument geschaffen, das nicht verurteilt, sondern Ohnmacht aufzeigt.

Liebe in Zeiten des Terrors: Rejas (J. Bardem) und Yolanda (Laura Morante)
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Gut und Böse sind hier nicht zwei klar getrennte Seiten, sondern spiegeln sich symbolisch in Agustín Rejas (Javier Bardem). Der Polizeikommissar wird zum Leiter einer Sonderkommission, die den unbekannten Ezequiel ergreifen soll. Der Justizminister Gómez (Lucas Rodríguez) mahnt ihn mit diplomatischem Zynismus zur Eile. Sollte er nicht bald den Revolutionsführer fassen und so die Demontage des Regimes beendet werden, müsse er der Armee empfehlen, zur Sicherung der Macht den Ausnahmezustand zu verhängen. Rejas weiß, dass die Gewalt dann nur eine weitere Eskalationsstufe erreichen, es noch mehr Willkür und Opfer geben wird, und treibt die Ermittlungen verbissen voran.

Bei jedem Anhaltspunkt und Schritt, mit dem er Ezequiel näher kommt, wird ihm aber auch die Ausweglosigkeit klar, da sich Unrecht und Unschuld zwischen Totalitarismus und Terrorismus nicht mehr verorten lassen. Sein Blick streift Chaos und Armut, er greift kleine verängstigte Jungs auf, die für etwas Geld ein Plakat mit Ezequiels Augen durch die Gossen tragen, und erkennt in einer der Attentäterinnen ein prominentes Fotomodell aus den Modezeitschriften seiner Ehefrau. Die Revolution ist nicht aufzuhalten, Veränderungen sind nötig, aber eine einfache Lösung gibt es nicht.

Rejas trägt mit sich das schlechte Gewissen der Mittelschicht herum, die aus Furcht um ihre bürgerliche Existenz die Augen verschließt. Ein Traumtänzer, der so idealistisch und integer ist, dass er auch dem Staat gegenüber loyal bleibt. Nachdem das Militär die Kaffeeplantage seiner Vaters konfisziert hatte, war er Anwalt geworden, bis ihn die Korruption seiner Zunft anekelte. Seither versucht er das Übel als Polizist zu beseitigen, doch sein Marsch durch das System erweist sich ebenfalls als Sackgasse. Sein Zwiespalt deckt sich mit der Zerrissenheit des ganzen Landes. "Haben sie wirklich Sympathie für diese Revolutionäre oder sind sie nur der Gary-Cooper-Typ?", fragt der rücksichtslose Pragmatiker Gómez, der Rejas' Dilemma natürlich durchschaut hat. Und der antwortet mit ehrlicher Unentschlossenheit: "Ich habe Sympathien, aber vielleicht bin ich auch der Gary-Cooper-Typ."

Regisseur Malkovich: Unberechenbar geblieben
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AP

Regisseur Malkovich: Unberechenbar geblieben

Bardems kontemplativer, zwischen Resignation und Hoffnung wankender Ausdruck trägt den ganzen Rhythmus des Films. Malkovich ist das Kunststück gelungen, spannend das Sujet und die saloppen Sprüche eines amerikanischen Cop-Krimis mit der Explosivität von Hongkong-Actionfilmen und der subtilen Atmosphäre italienisch-französischer Polit-Thriller der siebziger Jahre zu verbinden. Ganz bewusst zitiert er Costa-Gavras' Klassiker "Der unsichtbare Aufstand" auf einem Videoband, das den entscheidenden Hinweis auf Ezequiels Versteck liefert.

Zudem ist "Der Obrist und die Tänzerin" eine bitter-zarte, sehr europäisch angelegte Romanze. Rejas umgarnt zögernd, aber unausweichlich hingezogen die Ballettlehrerin seiner Tochter. Diese kultivierte, verständnisvolle, beredete Yolanda (Laura Morante) ist das Gegenteil seiner Frau, aber auch von eben jener unwiderstehlichen Klarheit, die ihm selbst fehlt. In der Liebe zu ihr zeigt sich seine Sehnsucht nach einen Neuanfang ­ der am Ende aber für ihn, sein Land - und damit auch für die ganze Welt - vergeblich bleibt.

"Der Obrist und die Tänzerin" ("The Dancer Upstairs"), Spanien/USA 2001. Regie: John Malkovich; Drehbuch: Nicholas Shakespeare; Darsteller: Javier Bardem, Juan Diego Botto, Laura Morante, Elvira Minguez, Lucas Rodríguez; Produktion: Antena 3 Televisión, Lola Films S.A., Mr. Mudd, Vá Digital; Verleih: Solo Film; Länge: 124 Min.; Start: 16. Januar 2003

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