Mr. Jonze, mit "Adaptation" stellen Sie erneut sämtliche Erzähl-Regeln Hollywoods auf den Kopf. Wieso hat Ihnen das Filmstudio Columbia dafür noch Geld gegeben?
Spike Jonze: Es gibt zwei Arten von Filmen in Hollywood: Einerseits drehen die Studios ihre Standardproduktionen, bei anderen Projekten verlassen sie sich auf den Instinkt bestimmter Filmemacher. Und die Columbia-Chefin Amy Pascal mochte einfach das Drehbuch. Doch sie sagte uns klipp und klar: Ihr könnt diesen Film so machen, wie ihr wollt, aber nur wenn ihr ihn billig dreht.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht gerade ermutigend.
Jonze: Je mehr Aufwand du treibst, desto schwieriger wird es, das erwünschte Resultat zu erzielen. Es gibt eine größere Zahl von Leuten, die sich einmischen, und du musst ständig aufpassen, denn du gibt schließlich das Geld anderer Leute aus. So kannst du nicht kreativ arbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme erreichen meist nur ein Nischen-Publikum. Haben Sie keine Lust auf den Massenerfolg?
Jonze: Dann müsste ich versuchen, den Geschmack des Publikums vorauszuahnen. Ich würde mich nicht mehr nach dem Leitsatz "Was ist das Beste für meine Geschichte?" entscheiden. Die einzige Kriterium hieße dann: "Wie kriege ich noch mehr Zuschauer?" Aber solche Filme interessieren mich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Welche Filme interessieren Sie denn?
Jonze: Diejenigen, die komplizierte und originelle Geschichten haben.
SPIEGEL ONLINE: Versuchen wir's ein bisschen konkreter: Was interessierte Sie an "Adaptation"?
Jonze: Charlie Kaufman, der auch "Being John Malkovich" schrieb, hatte angefangen, das Buch "The Orchid Thief" von Susan Orlean zu adaptieren. Ständig erzählte er mir von den Ängsten und Problemen, die er währenddessen hatte. Und auf einmal hatte er den Einfall, seine eigene Person in die Geschichte hineinzuschreiben. Das war so inspirierend, dass ich wusste, er würde noch auf weitere inspirierende Ideen kommen. Und ich beschloss, diesen Film zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Das allein reizte sie schon?
Jonze: Es gab einen emotionalen Grundgedanken, der mich faszinierte. Es geht hier um Charaktere, die versuchen, aus ihrer Isolation auszubrechen. Sie sehnen sich danach, mit dem Rest der Welt verbunden zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Ist das auch Ihr persönliches Leitthema?
Jonze: Ich höre jetzt lieber sofort auf, Ihnen etwas zu erklären. Das Publikum soll meine Filme unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Wenn ich vorher meine Intentionen darlege, kann sich kein Zuschauer seine eigene Meinung bilden.
SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt gibt es nur Spike-Jonze-Filme, die von Charlie Kaufman geschrieben wurden. Die Verfilmung von Kaufmans Skript "Das wilde Leben" haben Sie produziert. Ist er so etwas wie Ihr Seelenbruder?
Jonze: Wir beide wollen Ideen erforschen, und in diesem Prozess fordern wir einander heraus. Aber ich will Charlie nicht analysieren. Dafür steht er mir viel zu nah.
SPIEGEL ONLINE: Übernehmen Sie seine Drehbücher Wort für Wort oder mischen Sie sich beim Schreiben ein, wie Regisseure es häufig tun?
Jonze: Die erste Fassung schreibt er immer allein. Danach arbeiten wir beide an der Evolution des Films. Denn man muss immer offen für neue Entdeckungen sein. Ein Film braucht Freiraum, um sich entwickeln können. "Adaptation" fand seine endgültige Gestalt erst beim Schnitt. Das hat uns über ein Jahr abverlangt - eine sehr ermüdende und manchmal deprimierende Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie da nicht versucht, sich Rat bei Ihrem Schwiegervater Francis Ford Coppola zu holen?
Jonze: Das habe ich. Ich zeigte ihm einen Rohschnitt, und er äußerte sich sehr positiv. Das machte mir in einer schwierigen Phase wirklich Mut.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Ihre Regiekollegen Steven Soderbergh und David Fincher konsultiert? Mit denen wollten Sie doch ohnehin eine gemeinsame Produktionsfirma gründen?
Jonze: Ich stehe natürlich mit ihnen in Kontakt. Aber ich habe sie nicht um Rat gefragt. Jeder von uns hat seine eigenen Probleme. Deshalb wird auch wahrscheinlich aus dieser Firma nichts werden.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt noch eine andere Seite Ihrer Kreativität. Wie kamen Sie dazu, die MTV-Skandalserie "Jackass" zu produzieren, bei der sich eine Gruppe junger Männer bei waghalsigen Stunts mutwillig Schmerzen zufügt?
Jonze: Die Jungs, mit denen ich es mache, sind alte Freunde. Manche dieser Sachen hatten wir früher in Skateboard-Videos ausprobiert, und so kamen wir auf die Idee, es als Fernsehshow aufzuziehen. Aber der Kinofilm ist jetzt das letzte Kapitel.
SPIEGEL ONLINE: Was ist denn das nächste Kapitel in Ihrer Karriere?
Jonze: Wenn ich das schon wüsste. Von diesen Interviews bin ich richtig ausgeblutet. Ich brauche erst mal wieder einen klaren Kopf.
Das Interview führte SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Rüdiger Sturm
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