Kulturpessimisten bangen vermutlich schon seit Bekanntwerden der Neuigkeit, dass es ein amerikanisches Remake von "Solaris“ geben würde, um den Fortbestand des Abendlandes. Die Ablehnung des Massenpublikums und die katastrophalen Einspielergebnisse, die der Film Ende letzten Jahres in den USA erzielte, dürften die Skeptiker zumindest vorübergehend beruhigt haben. Doch die Ressentiments gegenüber immer holzschnittartiger und effekthascherischer werdenden Groß-Produktionen aus Hollywood sitzen tief, leider oft zu Recht.
Steven Soderbergh ist jedoch alles andere als ein typischer Hollywood-Regisseur. Er hat sich um die vereinfachenden, massengerechten Gesetze der Traumfabrik selten gekümmert und gilt trotzdem – auch in Amerika - als einer der besten Filmemacher seiner Generation. Dass gerade er sich eines philosophischen Science-Fiction-Romans des polnischen Autors Stanislaw Lem annimmt und sich den Vergleich mit einem der verehrtesten Regisseure des europäischen Kinos aufbürdet, mag zunächst erstaunen. Doch bei näherem Hinsehen hat Soderberghs "Solaris“ mit Andrej Tarkowskijs knapp dreistündiger Verfilmung von 1972 nicht viel zu tun, noch weniger sogar mit der Romanvorlage des heute greisen Lem.
Der zurückgezogen lebende Schriftsteller hat Soderberghs Film nicht gesehen, bestätigte aber unlängst in einem Interview, dass es ihm mit seinem berühmtesten Roman (veröffentlicht 1961) lediglich darum gegangen sei, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie außerirdische Lebensformen mit der Menschheit kommunizieren könnten. "Das sei alles“, sagte er und mokierte sich über die Zukunfts-Visionen Hollywoods, in denen "das ganze Weltall Englisch spricht“.
Der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij nutzte Lems trockenen Stoff 1972, um unter dem Deckmantel der Science Fiction die strengen Zensurbestimmungen der Sowjetunion zu umgehen, und schuf eine genialische, manchmal quälend langsame Meditation über die menschlichen Fragen nach Sinn und Identität, die oft auch als nach innen gekehrte Antwort auf Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum“ gedeutet wird.
Soderbergh, ein freier Amerikaner, der sich mit ideologischen Fragen und den Nöten des von der Diktatur unterdrückten Geistes nicht plagen muss, behielt von Lems Roman nur die groben Züge und von Tarkowskij die dramaturgisch notwendige Fokussierung auf eine einzelne Liebesgeschichte. Ihm reichen 99 Minuten, um seine eigene Version von "Solaris" zu erzählen und dabei ganz bei sich selbst zu bleiben: Der Psychologe Kris Kelvin (George Clooney), ein gut aussehender Mann, dessen leicht hängende Gesichtzüge jedoch verraten, dass er mit seiner Existenz auf Erden offenbar unglücklich ist, wird von dem befreundeten Wissenschaftler Gibarian (Ulrich Tukur) auf die Raumstation "Prometheus“ gerufen, die im Orbit um den fernen Ozean-Planeten "Solaris“ kreist.
Etwas stimmt nicht dort draußen im All, was genau, erfahren weder wir, noch Kelvin. Dennoch begibt er sich ohne großes Zögern - was hält ihn schon - auf die Reise ins Ungewisse. Soderbergh gestaltet den Transfer angemessen kurz, versäumt es aber nicht, seinerseits Kubricks opulente Weltraumbilder zu zitieren.
Hier endet der Science-Fiction-Charakter des Films, bevor er richtig etabliert wurde, denn der Rest von "Solaris“ spielt sich auf der Station oder in Rückblenden zur Erde ab, ein Kammerspiel, das sich mit fünf Personen begnügt.
Als Kelvin auf der "Prometheus“ eintrifft, ist Gibarian tot und der Rest der Besatzung verhält sich eigenartig. Die zweite Wissenschaftlerin Gordon (Viola Davis) will erst gar nicht mit ihm reden: "Bevor es bei ihnen nicht angefangen hat, macht es keinen Sinn, irgendetwas zu diskutieren“, teilt sie ihm durch die verschlossene Tür ihrer Kabine mit. Der Techniker Snow (verstörend nervös wie immer: Jeremy Davies) ist offenbar nicht mehr ganz bei Trost und bietet ebenfalls wenig Hilfe: "Ich kann Ihnen sagen, was hier passiert, aber ich weiß nicht, ob Ihnen das wirklich sagt, was hier passiert“.
Erst als Kelvin am nächsten Morgen aufwacht und neben sich im Bett seine vor kurzem verstorbene Frau Rheya (Natasha McElhone) vorfindet, beginnt er zu ahnen, das auf der Station tatsächlich Unerklärbares vorgeht.
Der Planet "Solaris“, eine riesige, von Soderbergh mal tiefrot, mal blassblau inszenierte Kugel im Hintergrund, auf der offenbar eine Form außerirdischer Intelligenz existiert, kommuniziert auf eine kuriose Weise mit seinen menschlichen Besuchern: Aus den Erinnerungen der Menschen schöpft er Personen, die mit tiefer emotionaler Bindung, Trauer, Verlust und Schmerz verbunden sind, und erschafft sie neu.
Kelvin reagiert zunächst geschockt und entledigt sich durch einen grausamen Trick von dem Ebenbild seiner toten Frau, die ihn mit großen Rehaugen verliebt betrachtet und sich ansonsten an nichts erinnern kann. Natürlich nicht, denn sie basiert lediglich auf jener Matrix, die Kelvins in einer Schublade seines Bewusstseins mit der Aufschrift "Rheya“ verstaut hat. Am nächsten Morgen ist Rheyas virtuelle Wiedergängerin aus Fleisch und Blut wieder da, neu erschaffen, und Kelvin beginnt, sich verzweifelt an den Gedanken einer zweiten Chance zu klammern.
Unterdessen hat uns Soderbergh die ganze traurige Geschichte des Paares in Rückblenden erzählt. Wir wissen, dass Kelvin und Rheya einst verliebt waren, dass Rheya zu Lebzeiten Probleme hatte, sich anderen Menschen zu nähern und zu öffnen. Wir sehen, wie sie sich aus Gram über die gescheiterte, im eisigen Kommunikationsvakuum endende Beziehung zu Kelvin schließlich selbst umbringt und erleben, wie Kelvin, der die Zeichen der sich andeutenden Katastrophe zu spät deutete, letztlich auch zu spät kommt, um seine Frau zu retten.
Die Sehnsucht Kelvins, mit der von "Solaris“ aus dubiosen Motiven geschenkten Rheya ein neues gemeinsames Leben zu beginnen, das nicht im kalten Nebeneinander verendet, macht so auch für den Zuschauer Sinn. Doch hinter allem Verständnis für den angemessen triefäugigen Clooney verbirgt sich die beunruhigende Frage, wie viel man von seinen Nächsten und Liebsten wirklich wahrnimmt, ob nicht alles, was man als Leben, Liebe oder Beziehung definiert, nur auf Bildern, Illusionen und Idealen basiert, die wir uns nur im Kopf geschaffen haben. Was ist real? Existiert die Welt mit ihren Menschen tatsächlich so, wie wir sie sehen? Oder ist alles nur eine Schimäre, eine chemische Reaktion im Gewitter der Synapsen?
Kelvins Wunsch, mit seiner neuen, selbst erschaffenen Rheya zur Erde zurückzukehren, stößt auf den Widerstand von Gordon, die ihm klar zu machen versucht, dass er einem Trugbild anheim fällt. Sie will Rheya töten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten, doch Kelvin, der auf rationaler Ebene durchaus versteht, dass das Eindringen Rheyas in die bis dato reale Erdenwelt verheerend wäre, sucht verzweifelt nach einem Ausweg. Das Ende des Films - es sei hier nicht verraten - versieht Soderbergh mit einem inhaltlichen Twist, der die Dramatik steigert und ein eindeutiges Ende vermeidet. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, sich seinen eigenen Reim auf das Gesehene zu machen.
So schafft es der Regisseur, der auch gleich das Drehbuch selbst verfasste, seinen Zuschauer mit einem Kopf voller schwerer Gedanken aus dem Kinosaal zu entlassen – eine Seltenheit im Zeitalter der vorgefertigten Popcorn-Plots. Dabei entfernt er sich wundersamerweise kaum vom Hauptmotiv seiner Gauner-Balladen "Ocean’s Eleven“ und "Out Of Sight": Der gebrochene Held (Clooney) versucht seine große Liebe (Julia Roberts/Jennifer Lopez) zurück zu gewinnen. Klassischer Hollywood-Stoff also, der hier mit Fragen nach der Existenz der menschlichen Seele, einem Leben nach dem Tod und der metaphysischen Kraft tief empfundener Trauer angereichert wird, ohne dabei übermäßig zerebral oder pseudo-intellektuell zu wirken.
Zudem stellt Soderbergh, der auch gerne unter Pseudonym die Kamera in die eigene Hand nimmt, mit "Solaris“ erneut seine Fähigkeiten als visueller Gestalter unter Beweis. Die verwaschenen, rostrot-erdbraunen Farbtöne der Rückblenden werden mit dem metallisch-blauen Techno-Ambiente der Raumstation kontrastiert. Hier wird Kubricks klinisch wirkende Weltraumodyssee ebenso hofiert wie der abgenutzte Look aus Ridley Scotts "Blade Runner“ oder Michael Radfords "1984“. Hinter den Reminiszenzen steht jedoch Soderberghs eigene, inzwischen unverkennbare Farb- und Bildsprache; das kühle Blau, das scharlachfarbene Rot, verwaschenes Gelb, das wir aus "Traffic“ und "The Limey" kennen. Lange Nahaufnahmen von den Gesichtern seiner ausdrucksstarken Darsteller (allen voran Natasha McElhone), erhalten Dynamik durch elegante, unhektische Fahrten und präzise, manchmal wunderbar überraschende Schnitte.
Einen vernünftigen Grund, warum "Solaris“ an der amerikanischen Kinokasse scheiterte, gibt es also nicht. Leider misstrauten die Studiobosse ihrem Produkt so sehr, dass sie es als turbulente Weltraum-Romanze vermarkteten und mit publikumsträchtigen Pfunden (Frauenschwarm Clooney, Produzent James Cameron) zu sehr wucherten. Wer Hollywood-Action erwartet und stattdessen Soderberghs Kino-Kunstwerk vorgeführt bekommt, muss enttäuscht sein. Die Pessimisten können sich also zurücklehnen und genießen. So es die abendländische Kultur tatsächlich gibt, sie also nicht nur auf Einbildungen und Erinnerungen basiert, dann ist sie derzeit nicht in Not.
"Solaris“. USA 2002. Regie: Steven Soderbergh; Buch: Steven Soderbergh; Darsteller: George Clooney, Natasha McElhone, Ulrich Tukur, Jeremy Davies, Viola Davis; Produktion: Lightstorm Entertainment, Section Eight Films, USA Films, 20th Century Fox; Verleih: 20th Century Fox, Länge: 99 Min.; Start: 6. März 2003
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